Sommer: Süchtig nach WWOOFing

Artikel veröffentlicht am 30. Juli 2009
Artikel veröffentlicht am 30. Juli 2009
Die Wahrscheinlichkeit, einem Dachs in freier Wildbahn zu begegnen, ist gering. Besonders wenn man sich im dicht besiedelten Devon, einer der schönsten, aber auch regnerischsten Grafschaften Englands beim WWOOfing befindet.

Gefühlte dreißig Stunden verkrieche ich mich im feuchten Unterholz eines kleinen Waldstücks. Das alles freiwillig. Die Gummistiefel mindestens drei Nummern zu groß, außerdem schon nach zwei Minuten von innen feucht und von außen klebrig, da sie bei jedem Schritt eine der monströsen Nacktschnecken erwischen. Nach einer Viertelstunde und keinem Dachs in Sichtweite beginne ich, kleine Blättchen und Gräser mit wachsender Perfidie zu sezieren. Es ist dunkel, ich friere und fange an, mir Gedanken zu machen. Warum sitze ich mit einem alten Mann auf einem Handtuch im Wald und warte sehnsüchtig darauf, dass ein Dachs aus einem Erdloch schlüpft?

Nicht nur für Naturverliebte und Alt-68er

©KeithMarshall /flickrDie Antwort auf diese Frage ist nicht so befremdlich wie die Situation: Ich bin unter die WWOOFer gegangen. Dieses seltsame Akronym, das die meisten meiner verwirrten Gesprächspartner eher an einen Hundezüchter oder eine Vereinigung für Orthographiestudien erinnert, hat eine - wenn auch selbst unter WWOOFern fast unbekannte - so doch feste Bedeutung: World Wide Opportunities on Organic Farms. Unter diesem Namen gründete sich 1971 in England eine Organisation, die sich der Unterstützung und Verbreitung der biologischen Anbauweise in der ganzen Welt verschrieben hatte. Ein paar Pfund genügten, um der Gruppe beizutreten und per Post ein kleines Heftchen, in dem sich alle WWOOF-willigen Biobauern in England versammelten, zu erhalten. Nach ein paar Anrufen und Emails stand der Urlaub auf dem Bauernhof fest.

Fast vierzig Jahre später hat die WWOOF-Bewegung die ganze Welt mit ihrem Netzwerk überzogen. Ob Mali oder La Réunion, Nordamerika oder Zypern - beinahe alle Länder sind in der Liste der Biobauernhöfe vertreten und täglich kommen neue hinzu. Der Mitgliederbeitrag ist allerdings fast konstant geblieben: 20 Euro genügen, um im Land seiner Wahl einen Urlaub der anderen Art zu verbringen. Vier bis acht Stunden am Tag, während der man den Hofbetreibern bei ihrer täglichen Arbeit hilft, sind genug, um sich Kost und Logis zu verdienen. Den Rest der Zeit ist man zur Erkundung der Umgebung auf eigene Faust unterwegs. Vier Stunden Unkrautjäten oder Ställe ausmisten werden so mit einem atemberaubenden Blick auf die französischen Pyrenäen oder die Niagara Fälle belohnt.

Alternatives Wohnen und Erlebnisurlaub in der englischen Wildnis

Während meines ersten englischen WWOOFing-Erlebnisses treffe ich auf Roy, der in einem wildromantischen, grünen Wohnwagen mit Blick über ausgedehnte Wälder lebt. Ein adretter Gemüsegarten, zwei offene Öfen, eine selbstgebastelte Freiluftdusche und die besten Himbeeren ganz Englands komplettieren das Bild. Es gibt dank meiner Anwesenheit indischen Dhal und spanisches Omelette. Auch das obligatorische fried breakfast gehört natürlich dazu. Wenn die Sonne nicht scheint, gibt es keinen Strom und warmes Wasser ohnehin nicht. Dafür müsse ich schon ins öffentliche Schwimmbad der nächstliegenden Provinzstadt fahren, sagt Roy. Trotzdem nennt sich dieses englische Idyll Waterland. Die Quelle neben dem großen Feld ist schon länger ausgetrocknet, doch warum gibt es auch Pumpen? Wenn man sie reparieren kann, ist das Leben ein Kinderspiel. Ich ziehe trotzdem das südenglische Meer vor, egal wie kalt es ist.

©pixelhut/flickrAls ich das erste Mal von dem Projekt WWOOF hörte, hatte ich gerade mein Abitur in der Tasche und wollte unbedingt ins Ausland. Da mein Konto leer war, verlegte ich mich nicht auf einen normalen Ferienjob sondern aufs WWOOFing. Mit einer Hose und ein paar Shirts im Gepäck fuhr ich im heißesten Sommer seit vielen Jahren in die Provence, um dort auf einem Bergbauernhof den Gemüsegarten in Schuss zu halten. Ein paar Tage und viele Mückenstiche später war ich schon vollkommen im Mikrokosmos Biobauernhof versunken. Der Abschied nach drei Monaten fiel dementsprechend schwer und ich plante schon kurz nach meiner Ankunft in Deutschland die nächste Reise. Es sollte nach England gehen, nach Devon, Cornwall und Somerset.

Entgegen dem allgemeinen Vorurteil, sind die Biobauern meist äußerst intelligente und dynamische Menschen, die eher durch Zufall ihre Liebe zum Gemüseanbau entdeckt haben. Neben einigen Ökonomen und ehemaligen Konzernmanagern habe ich auch die Bekanntschaft von Universitätsprofessoren und Mikrobiologen gemacht, die irgendwann in ihrem Leben von der Karriereleiter abgesprungen sind, um sich auf die Kartoffelzucht zu verlegen. Wahrscheinlich setzt ein besseres Leben den Umzug aufs Land voraus, womit ich mich durchaus anfreunden könnte.

©anguskirk/flickrNach einer weiteren halben Stunde wage ich die schüchterne Frage, ob die Dachse sich heute wohl noch hervor wagen werden. Roy bedeutet mir zu schweigen. Meine hohe Stimme verschrecke jegliches Tier. Das Lämpchen hat schon länger seinen Geist aufgegeben und ich friere. Eine halbe Stunde später sitze ich im Wohnwagen und löffele Dhal. Zwischenzeitlich habe ich Roy nicht nur recht bösartig ausgelacht, sondern auch noch mehrere Sternbilder zu erkennen gelernt.

Zwei Tage später, mittlerweile schon in Cornwall, bekomme ich eine SMS: Seen a badger yesterday. When are you coming back? Seitdem war ich tatsächlich noch einige Male da. Einen Dachs habe ich immer noch nicht gesehen. Aber wahrscheinlich ist der auch nur ein willkommener Vorwand, um immer mal wieder in meine Gummistiefel zu schlüpfen.