Sologamie: Wenn Singles sich selbst heiraten

Artikel veröffentlicht am 23. Februar 2017
Artikel veröffentlicht am 23. Februar 2017

Anstatt auf den Märchenprinzen mit weißem Pferd zu warten, entschied die Britin Sophie Tanner, sich selbst zu heiraten.

Am 16. Mai 2015 schritt Sophie Tanner in einem klassischen elfenbeinfarbenen Kleid zum Altar, ihren Vater an ihrer Seite. Ein Fake-Kardinal und 15 Trauzeugen warteten dort auf sie. Ihr Singledasein sollte an diesem Tag ein Ende nehmen.

Sophie hatte Jahre damit verbracht, auf ihren Mr. Right zu warten. Doch schlussendlich verwarf sie die Idee des Märchenprinzen und heiratete sich selbst. Vor Familie und Freunden legte sie das christliche Gelübde ab, sich selbst zu lieben und zu ehren - bis dass der Tod sie scheide. „Ich werde mein Leben nicht damit verschwenden, auf den Einen zu warten, wenn ich genauso gut die Eine sein kann“, sagte die 38-Jährige.

Alleine heißt nicht einsam

Sophie gehört zur Bewegung der Sologamisten: der Brauch sieht die Heirat mit sich selbst als Symbol der eigenen Ermächtigung. Es sind meistens Frauen in Europa und den USA, die meisten Mitte 30, die sich für die Solo-Ehe entscheiden und auf diese ganz spezielle Art und Weise “zur Hölle mit dem Patriarchat” und gesellschaftlichen Konventionen sagen.

Dennoch ist Sologamie in Europa nicht rechtlich anerkannt. Als Sophie sich über die Möglichkeit informierte, unter britischem Recht sich selbst zu ehelichen, wurde sie von den Behörden in Brighton abgewimmelt. „Ich habe meiner örtlichen Meldestelle geschrieben und gefragt, ob die Selbstheirat möglich sei, bekam aber als Antwort nur ein harsches Nein“, erklärte sie.

Ihre Hochzeit mag rechtlich nicht anerkannt sein, doch Sophie hatte dennoch die typischen vorhochzeitlichen Syndrome. „In der Nacht vor dem Fest machte ich mir darüber Sorgen, dass es regnen könnte, dass niemand auftauchen würde, dass ich etwas Falsches sagen könnte… die ganz normalen Dinge eben. Aber ich hätte mir keinen schöneren Tag vorstellen können”, sagt die Autorin aus Brighton.

Nach einer gescheiterten Langzeitbeziehung ertrank Sophie ihre Sorgen im Schreiben. Trotz ihrer sonst so fröhlichen Persönlichkeit, arbeitete sie an einem Roman noir. „Es war so deprimierend, dass ich irgendwann entschied, mein Projekt abzubrechen und über etwas Positiveres zu schreiben: Über ein Mädchen, dass entschied, sich selbst zu heiraten.”

Genervt über die Vorurteile gegenüber einer alleinstehenden Frau in ihren 30-ern, wollte Sophie mit ihrer Hochzeit die Aufmerksamkeit auf das anhaltendeProblem lenken, dass eine Frau nur so viel wert ist wie ihr Beziehungsstatus. „Die Selbst-Ehe bedeutet das Singledasein so richtig zu genießen. Es ist eine gerechtfertigte Wahl des eigenen Lebensstils”, erklärt sie. 

Um einen möglichst großen Eindruck zu hinterlassen, fand die Hochzeit während des Brighton Fringe Festivals 2015 statt. Auch die Festivalgänger waren zu Sophie Tanners Hochzeitsfeier eingeladen, mit allem drum und dran - dem klassischem Brautstraußwurf und erstem Tanz. Ein Freund fungierte in roter Robe als Kardinal vor der örtlichen Unitarian Kirche und Labrador Ella war der Ringträger. Das Fest klang mit Getränken am Strand von Brighton aus. „Ich habe mich an diesem Tag wie befreit gefühlt. Ich war glücklich und fühlte mich alleine stark”, sagte sie. „Menschen brauchen niemanden, um sie zu vervollständigen.“

Auch wenn das Planen der Veranstaltung gut verlief, sagt Sophie, dass sie es nicht ohne die Hilfe ihre Freunde und Familie geschafft hätte. Da die Gäste über Facebook eingeladen wurden, hatte sie Angst, dass schlussendlich niemand kommen würde. Die große Resonanz überraschte sie am Ende.

„Ich war überglücklich, dass so viele meiner Freunde und Familie gekommen sind und sich voll und ganz auf das Festeingelassen haben”, sagte sie. „Als ich meinen Vater anrief, um ihn zu bitten, mich zum Altar zu begleiten, zögerte er keine Sekunde und stimmte zu.”

Doch Sologamie ist nichts für jeden. Kritiker nennen sie narzisstisch, egoistisch und egozentrisch oder auch übertriebenen Feminismus, der einfach zu weit ginge. Aber Sophie lässt die Kritik nicht an sich heran: „Es gibt einen großen Unterschied zwischen Eitelkeit und Selbstliebe. Warum Menschen denken, dass die Selbst-Ehe das eitelste Ding sei, was man tun kann – wo Selfies doch so verbreitet sind und es auf ihnen nur um das Aussehehen geht und darum seine beste Seite zu zeigen - verstehe ich nicht.”

Sologamie - Ode an das Erwachsenwerden

Sophie möchte, dass die Selbstheirat ein Ritual der europäischen Kultur wird: eine Tradition, die das Erwachsenwerden feiert. Außerdem wünscht sie sich die rechtliche Anerkennung. „Die Gesellschaft fokussiert sich nur auf die Erfolge von Paaren, aber es gibt nur wenig, um Meilensteine im Leben eines Singles zu markieren. Oft schämen sich die Menschen dafür, noch immer Single zu sein, wie etwas, für das man sich entschuldigen müsste”, sagt sie. „Ich denke, dass es wichtig ist, mit sich selbst klarzukommen. Man kann sich nicht auf jemand anderen verlassen, um sich selbst zu vervollständigen.“

Wird sie dennoch weiter daten oder sogar eine zweite Hochzeit anstreben? Natürlich - so lange sie dies kann, ohne sich scheiden lassen und ohne Anti-Polygamie-Regeln brechen zu müssen.

„Menschen denken, dass man mit der Selbstheirat eine Art Nonnenstatus erhält, aber es geht darum, sich zu verpflichten, für sich selbst zu sorgen. Man kann trotzdem noch jemand anderen lieben”, sagte sie. „Ich möchte nur nicht mein Leben damit verschwenden, auf Mr. Perfect zu warten – und ich habe vor glücklich und zufrieden bis ans Ende meiner Tage zu leben.“ 

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Voglio Vivere Cosi ist eine Artikelreihe, in der wir über alternative Lifestyles berichten. 8 Wochen, 8 Geschichten, gesammelt von unserem Cafébabel-Team.