Snowden: Spionagebekämpfung nach Art von Christa Wolf

Artikel veröffentlicht am 12. Juli 2013
Artikel veröffentlicht am 12. Juli 2013

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Genau wie Christa Wolf hat Edward Snowden am eigenen Leib erfahren müssen, dass das Wort „Utopia“ aus gutem Grund „kein Ort“ heißt. Trotzdem sollten beide genau aus dem Grund Vorbilder sein, weil sie es wagten, sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der sie gern leben würden.

In einem besonders ergreifenden Moment in Christa Wolfs Novelle Was bleibt von 1979 berichtet die Erzählerin, wie sie über die Reaktion des russischen Schriftstellers Puschkin amüsiert war, als dieser herausfand, dass der Zar seine Briefe an seine Frau zensieren ließ: Er könne von nun an keine Briefe mehr an seine Frau schreiben. „Diese überempfindlichen Dichter aus dem neunzehnten Jahrhundert“, rief die Erzählerin aus. Als sie jedoch selbst von der Stasi überwacht wurde (wie es bei Wolf tatsächlich der Fall war), musste sich die Erzählerin gegenüber dem Schmerz, Briefe zu schreiben und zu empfangen, desensibilisieren – in dem Bewusstsein, dass jedes Wort, das sie mit der Post erhielt, bereits von jemand anderem gelesen worden war.

Die Überwachung des Füllers

Diese Passage hat mich in den Tagen nach den Enthüllungen über die Internetspionage der USA beschäftigt. Die Enthüllungen über Prism - das Überwachungssystem, das 2007 von der amerikanischen nationalen Sicherheitsagentur NSA ins Leben gerufen wurde – haben mich nicht überrascht: Wie sowohl Puschkin als auch Wolf gezeigt haben, spionieren Regierungen schon von jeher ihre Bürgerinnen und Bürger aus und werden nie damit aufhören – egal, ob das Kommunikationsmittel der Füller, die Schreibmaschine oder das iPad ist. Ich sage nicht, dass das gut ist. Ich sage auf gar keinen Fall, dass wir das akzeptieren sollten. Aber es ist eine Wahrheit, die wir zumindest zugeben sollten – und diejenigen unter uns, die in Ländern leben, die von den jüngsten Enthüllungen nicht betroffen sind, sollten nicht so tun, als ob diese Dinge nur woanders passierten.

Wie sollten wir reagieren, nachdem wir es zugegeben haben? Der naheliegendste Gedanke – die elektronische Kommunikation zu boykottieren – erscheint ebenso lächerlich und tragisch wie Puschkins Erklärung, er könne nicht mehr an seine Frau schreiben. In einer Welt, in der immer mehr Menschen von einer Stadt in die andere, von einem Land ins andere umziehen, erscheint der Verlust des Kontakts zu Freunden und Verwandten ein hoher zu zahlender Preis. Wir können natürlich versuchen, uns bewusst zu verhalten – beispielsweise, indem wir „virtuelle private Netz“(VPN)-Server nutzen. Wie Wolfs Erzählerin können wir zweimal darüber nachdenken, welche Informationen wir teilen und wo wir sie teilen; wollen Sie Facebook wirklich Dinge mitteilen, die Sie auch einer Zufallsbekanntschaft nicht erzählen würden? (Wolfs Erzählerin macht sich manchmal darüber lustig, indem sie Codes für nicht existierende Informationen erfindet. „Da sollten sich gewisse von uns beiden hochgeschätzte Persönlichkeiten ruhig ihren Kopf darüber zerbrechen, wofür „Kaffeewasser" das Codewort sein könnte.“). Doch vor allem sollten wir Rabatz machen, wie Wolfs Protagonistin langsam klar wird. Wir sollten diskutieren, was uns an der Gesellschaft, in der wir leben, nicht gefällt – und wir sollten es laut diskutieren.

Christa Wolf erfuhr am eigenen Leib, dass das Wort „Utopia“ aus gutem Grund „kein Ort“ heißt. Trotzdem sollte sie genau aus dem Grund ein Vorbild sein, weil sie es wagte, sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der sie gern leben würde. Wolfs Alter Ego in Was bleibt träumt davon, eine neue Sprache zu finden, um diese Utopie auszudrücken. Indem er offen redete, hat der 29-jährige Whistleblower Edward Snowden diese Sprache gefunden. Jetzt ist es an uns, das Gespräch fortzuführen.