Smurf und Fubu

Artikel veröffentlicht am 21. November 2005
Artikel veröffentlicht am 21. November 2005

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Hip Hop, Mode, Slang: Die Jugendlichen in den Problemvierteln europäischer Großstädte teilen eine Kultur.

Hip Hop – diese Lautmalerei beschreibt die Kultur der Vorstadt-„Ghettos“, die sich an den Rändern der großen europäischen Metropolen drängen. Hip Hop stammt aus den USA und hat die Städte in West- Europa in den 80er Jahren erfasst. Sie erlaubt den Jugendlichen, eine eigene Identität für sich zu beanspruchen.

Eigene Modelabels, eigene Slangs

Über Tanz (Smurf oder Break Dance), Musik (Rap, R&B), graphische Kunst (Tags und Graffitis), bis hin zur "Streetwear" (Baseballkappe, weite Baggies, Berge von protzigem Schmuck): Die Jugendlichen der Vorstädte organisieren sich in Gruppen und erfinden ihren eigenen "Code" ständig neu. Sie folgen dabei dem Beispiel von Kultfilmen wie "La Haine" ("Der Hass") oder Idolen wie den Rappern Eminem und Fifty Cent. Aber auch der Mode: Mehr und mehr Rapper kreieren ihr eigenes Modelabel, wie es LL Cool J mit "FuBu" oder Joey Starr von der Gruppe "NTM" mit "Com8" vorgemacht haben. Diese eigenartige Parallelgesellschaft bietet einer ganzen Generation von Vorortbewohnern die Möglichkeit, sich als etwas Besonders zu fühlen, ihre Ängste und Enttäuschungen angesichts eines veralteten Integrationsmodells zum Ausdruck zu bringen.

In Frankreich etwa ist der Slang "Verlan" erfunden worden. Bei ihm werden die Silben der Wörter verdreht. "Verlan" wurde zunächst von den "keums" (Verlan für "mecs" = Typen) der Sozialbauten in den "téci" ("cité" = Vorstadt) verwendet, bevor er Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs wurde. Der Jargon vermischt Slang, phonetische Abkürzungen des "SMS-Stils" und Anglizismen mit arabischen Ausdrücken (wie "wesh, wesh" für "hallo"). Ein Beispiel ist der kodierte Titel des französischen Films "Ma 6T va cracker" von 1997. "Ma cité va exploser" soll das heißen, "Mein Vorort wird explodieren."

Jenseits der Schulbücher

Der Lebensstil in den Vororten macht sich eine Sprache, Schrift und vor allem Geschichte und Kultur zu eigen, die aus den Schulbüchern verbannt wurde. Der Rap schöpft seine Wurzeln aus dem afrikanischen Sprechgesang und dem Blues, der Musik der amerikanischen Sklaven. Es ist eine rebellische Musik, die sich gegen die etablierte Ordnung richtet. Seit der Veröffentlichung des ersten Hits "Rapper’s delight" der Sugar Hill Gang im Jahr 1979 ist Rap ein ergiebiger Markt geworden. Sein Wachstum verdankt sich erfolgreichen Künstlern wie MC Solaar oder IAM in Frankreich, Samy Deluxe in Deutschland oder 7 notas 7 colores in Spanien.

Kunst aus der Vorstadt

Zwischen diesen in ihren Vrorten "ghettoisierten", mit hoher Arbeitslosigkeit und einer ungewissen Zukunft konfrontierten Jugendlichen und dem Rest der Gesellschaft herrschen viele Missverständnisse. Doch die Kunst - im weiteren Sinne – könnte für viele Jugendliche der Ausweg sein. Viele künstlerische, multikulturelle Projekte werden in den Problemvierteln der europäischen Städte ins Leben gerufen. Diese Vereine haben längst verstanden, dass die Kunst Bevölkerungsgruppen integrieren kann, die zum großen Teil emigriert sind und in benachteiligte Viertel abgeschoben wurden. Das Netzwerk "Banlieues d’Europe" ("Vororte Europas"), das sich aus Akademikern, Gemeindevertretern und Künstlern zusammensetzt, erforscht seit 1992, welchen Einfluss die Kunst in den Vorstädten nehmen kann.

Ein Beispiel ist das Ausbildungszentrum des "International Munich Art Lab" in München. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, Jugendlichen ohne Ausbildung Grundlagen in Tanz, Musik und Theater zu vermitteln und sie so ins Berufsleben zurück zu holen. Das Zentrum wurde 2001 im Anschluss an den Erfolg der "WestEndOpera" gegründet, einer Hip Hop-Oper, in der Jugendliche ohne Ausbildung mitwirkten.

In Villeurbanne, einem Vorort von Lyon, fördert das CCO, das Centre Culturel Oecuménique (Kulturelles Ökumenisches Zentrum) die kulturelle Vielfalt. Es unterstützt künstlerische Projekte für Bildhauer, Schauspieler und Graffitizeichner, indem es ihnen den Einstieg in öffentliche Kultur-Einrichtungen erleichtert. Für Fernanda Leite vom CCO "eröffnet die Kunst neue Möglichkeiten". Und zwar vor allem für Immigranten, die schlecht integriert seien und deshalb dazu neigten, "ihre Vergangenheit und traditionelle Kultur zu idealisieren".

Silvia Cazacu von "Banlieues d’Europ’Est" (Vororte in Osteuropa) in Rumänien glaubt, dass „die junge Generation der Politik gegenüber sehr vorsichtig bleibt. Engagement im Verein ist deshalb das effizienteste und passendste Mittel, um etwas zu bewegen.“ Denn auch in Bukarest, der rumänischen Hauptstadt, fördert ein Kollektiv von Jugendlichen die Hip Hop- und Graffiti-Kultur. So bereiten sie die „kulturelle Revolution 2020“ vor: Bukarest soll dann das wichtigste Kulturzentrum Europas werden. Selbst wenn sie nicht das Wundermittel gegen das „Unbehagen in den Vorstädten“ sind, könnte die Politik doch an die Erfahrungen dieser Vereine anknüpfen. Unter der Bedingung, dass sie zuhören kann.