Slumdog Millionär: Die Oscars in Zeiten der Krise

Artikel veröffentlicht am 24. Februar 2009
Artikel veröffentlicht am 24. Februar 2009
Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich auch bei der diesjährigen Oscar-Verleihung bemerkbar gemacht. Bei der Finanzierung denkt die Filmindustrie um. Der unabhängige, multinationale Film "Slumdog Millionär" über einen armen Inder, der eine Quizshow gewinnt, wurde mit acht Oscars ausgezeichnet.

„Filmindustrie des 3. Jahrtausends“ - Corriere del Ticino; Schweiz

Die liberale Tageszeitung Corriere del Ticino sieht in der Wirtschaftskrise einen Anstoß für Veränderungen in der Filmindustrie: "Man könnte den Triumph [von Slumdog Millionär] als klares Zeichen sehen, dass die Mitglieder der Akademie sagen, wir müssen solche Filme auszeichnen und produzieren, die wenig kosten, in der Wirklichkeit verankert sind und den Markt der Schwellenländer erschließen. Die Wahl ist fast Pflicht, da sich die Konsequenzen der Wirtschaftskrise auf dem nordamerikanischen Medienmarkt deutlich machen. [...] Gleichzeit bereitet sich die Filmindustrie auf den Einzug des dreidimensionalen Films vor. Eine bahnbrechende Revolution, die mit der Einführung des Tons zu vergleichen ist. [...] Diese Verwandlung wird durch die Krise zwar verlangsamt, ist aber unaufhaltsam und wird eine immer größere Kluft in den Markt reißen: auf der einen Seite wird es einige wenige Milliardenprodukte geben, die zu multimedialen Ereignissen werden, und auf der anderen Seite kleinere, billigere Filme, die auf immer besser vernetze Verbreitung und Erfolg hoffen. Ist dies das neue globale Gleichgewicht der Filmindustrie des 3. Jahrtausends?"

(Artikel von Antonio Mariotti; erschienen am 24.02.2009) 

©foxsearchlight.com/slumdogmillionaire/

„Regierung soll heimische Filmindustrie stützen“ - The Independent; Großbritannien

Mit Blick auf den Oscar-Erfolg von Slumdog Millionär fordert die liberale Tageszeitung The Independent die britische Regierung auf, in Zeiten der Wirtschaftskrise die heimische Filmindustrie zu unterstützen: "In den letzten Jahren hat eine großartige Verjüngung [der Filmindustrie] mit erfolgreichen Filmen wie Atonement und Mamma Mia! stattgefunden. Und jetzt kommt Slumdog. ... Aber es gibt Wolken am Horizont. Nur 111 Filme wurden 2008 in Großbritannien produziert, weniger als die 126 im Jahr 2007. Die Investitionen sind ebenfalls um 35 Prozent gefallen. Die Zahl der in diesem Jahr [2009] produzierten Filme wird ebenfalls schrumpfen, weil es weniger Geld aus dem Privatsektor gibt. [...] Die Regierung sollte sich nicht scheuen, die heimische Filmindustrie zu unterstützen. [...] Wir brauchen eine starke Führung und langfristige Investitionen. Der Erfolg von Slumdog Millionär hat gezeigt, wozu die britische Filmindustrie fähig ist, wenn sie die richtige Unterstützung hat. Es wäre furchtbar schade, wenn die Reise hier zu Ende wäre."

(Artikel erschienen am 24.02.2009)

„Globalisierter Zynismus“ - taz; Deutschland

Nach Meinung der taz zeigt der mit acht Oscars ausgezeichnete Film Slumdog Millionär vor allem, dass die Globalisierung im Kino angekommen sei: "Kultur und Unterhaltung lassen sich heute so wenig als nationales Produkt definieren wie Autos, Dosentomaten oder Computer. Wer da noch darauf pocht, eine nationale Geschichte aus nationaler Perspektive zu erzählen, wirkt wie aus der Zeit gefallen. [...] Das heißt nun aber nicht, dass die globalisierten Kulturprodukte über jeder Kritik stehen. [...] Manchmal fällt das Resultat der globalen Anstrengung sehr hässlich aus - zum Beispiel im Fall von Stephen Daldrys [...] Film Der Vorleser. Der Regisseur ist Engländer, die Romanvorlage stammt von dem deutschen Schriftsteller Bernhard Schlink. [...] Die Schauspieler stammen aus den USA, England und Deutschland. Was fehlt, ist jedwede Sensibilität für den vielschichtigen Stoff. Der Vorleser drängt zum Mitleid mit der Figur einer ehemaligen KZ-Wärterin, statt dass er an ihren mörderischen Taten Anstoß nähme. Das ist vor allem eines: globalisierter Zynismus."

(Artikel von Cristina Nord; erschienen am 24.02.2009) 

Diese Presseschau wird von eurotopics zur Verfügung gestellt.