Slowenien: No Country for Young Men

Artikel veröffentlicht am 7. Juli 2016
Artikel veröffentlicht am 7. Juli 2016

Slowenien galt stets als Vorzeigeschüler des ehemaligen Jugoslawiens: Während auf dem Balkan noch der Krieg tobte, entstand im nun unabhängigen Slowenien eine blühende Marktwirtschaft. Seit 2008 aber kämpft das Land mit der Wirtschaftskrise. Die junge Generation begegnet der Not mit Kreativität und hat die ehemalige Arbeiterstadt Maribor in ein gesellschaftliches Labor verwandelt.

Nachdem er sein Kunstgeschichte-Studium in Ljubljana beendet hatte, kehrte Simon Žlahitić in seine Heimatstadt Maribor zurück und suchte im Arbeitsamt nach einem Job. Der Sozialarbeiter schaute ihn von der anderen Seite des Tisches an und fragte:

„Sprechen Sie Deutsch?“

„Ja“, sagte er.

„Für Sie gibt es hier nichts. Gehen Sie über die Grenze nach Österreich - da werden Sie Arbeit finden.“

Simon Žlahitić spricht nicht nur Deutsch, sondern auch Englisch, Französisch, Kroatisch, Latein und perfektes Slowenisch. Er hat einen Führerschein und jede Menge beruflicher Erfahrung. Er ist Restorator, Kurator und Bauer. Mit dem Experten für Permakultur und vegane Küche kann man ebenso leicht über industrielle Architektur in Jugoslawien sprechen wie über einheimische Pflanzen. Er weiß, wie man Holzofen-Pizza backt und ein Schaf schert, und er liest mit großer Leidenschaft Archivtexte.

Trotzdem gibt es in Maribor für Simon keine Arbeit. Laut dem slowenischen Statistikamt gehört er zu den 18,4 Prozent der unter 30-Jährigen im nordöstlichen Slowenien, die arbeitslos sind. Und von denen, die Arbeit haben, arbeiten 27,2 Prozent im Ausland, pendeln täglich über die Grenze nach Österreich.

Die goldenen Zeiten sind vorbei

Mit ungefähr 100.000 Einwohnern ist Maribor die zweitgrößte Stadt Sloweniens, bekannt für ihre starke Arbeiterklasse. Aufgrund ihrer florierenden Industrie wurde sie zum „Manchester Jugoslawiens“ erklärt, damals, als Jugoslawien noch kommunistisch war. Jahrzehntelang bildeten Textil-, Metall- und Autoindustrie die Säulen des städtischen gesellschaftlichen Lebens. Die Probleme begannen, als Jugoslawien zerfiel und die städtischen Industrien ihren Zugang zu den Balkan-Märkten verloren. Von 1992 bis 2009 wurden in Maribor 257 Unternehmen geschlossen, tausende Menschen verloren ihre Jobs. Heute leben 16 Prozent der örtlichen Bevölkerung unter der Armutsgrenze. „Die meisten Familien haben zumindest ein Familienmitglied, das außerhalb von Slowenien arbeitet“, sagt Simon. „Die Nähe zur Grenze vermittelt vielen Familien und Leuten ein Gefühl der Sicherheit. Andererseits löst das nicht die regionalen und städtischen Probleme.“

Nach dem Niedergang der großen Industrien in Maribor musste sich jeder nach alternativen Einkommensquellen umsehen, nicht nur junge Menschen. Einige hofften, dass der Status Maribors als Kulturhauptstadt 2012 dabei helfen würde, das Image der Stadt zu verbessern und die Tourismusindustrie anzukurbeln. Große Mengen Geld - 21.9 Millionen Euro - wurden in die kulturelle Entwicklung investiert, in teure Theaterproduktionen, Konzerte und Ausstellungen. Insgesamt fanden mehr als 405 Projekte und 5,264 kulturelle Veranstaltungen in der Stadt statt. Doch trotz der 4,5 Millionen Besucherinnen und Besucher, die in dem Jahr nach Maribor kamen, hatte all das kaum Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Maribors frustrierte Einwohner wurden immer wütender über die ineffiziente und korrupte politische Klasse, die unfähig schien, die tatsächlichen Probleme anzupacken. Die Entscheidung des Bürgermeisters Ende 2012, eine große Anzahl von Verkehrskontroll-Radaren zu installieren, rief eine Protestwelle hervor. Der zivile Ungehorsam verbreitete sich durch ganz Slowenien, wo die Bevölkerung ebenso die Nase von der ineffizienten Politik der Regierung und den düsteren wirtschaftlichen Aussichten voll hatte.

„Die wirtschaftliche Lage hier ist schlecht. Wir versuchen, sie zu überwinden, indem wir die ‚bottom-up‘-Lösung anwenden [bei der die Arbeiterschaft, und nicht die Geschäftsführung, den Aufbau des Unternehmens vorgibt; A.d.R.]“, sagt die Gesellschaftsaktivistin Karolina Babič. Sie ist Gründungsmitglied des 2011 ins Leben gerufenen CAAP (Centre for Alternative and Autonomous Production), dessen Ziel es ist, ökologische und gesellschaftliche Ideen „unter einem Dach“ zu versammeln. Ende 2013 wurde Karolina auf ein leerstehendes sechsgeschossiges Gebäude im Stadtzentrum aufmerksam gemacht: Was früher mal ein pharmazeutisches Labor war, wurde bald zum Hauptsitz ihrer Organisation Tkalka (Weber). 

Durch tausende Stunden ehrenamtlicher Arbeit wurde diese Ruine in Gemeinschaftsbüros verwandelt, Co-Working-Räume, ähnlich wie in Berlin oder London. Angesichts der nicht vorhandenen lebenslangen Arbeitsplatzsicherheit - im kommunistischen Jugoslawien hatte es diese Sicherheit noch gegeben - haben sich viele Einwohner Maribors Alternativen zugewendet, so wie der Karolinas. „In Europa kennt man Co-Working-Räume vor allem im Kontext der Kreativbranche. Aber in Maribor gibt es für so etwas keine kritische Masse“, sagt Karolina. „Bei Tkalka sind Leute aus der Kreativbranche, aber auch Leute aus technischen Bereichen, unter anderem Maurer, Mechaniker, Biologen und Ökologen. Außerdem Menschen aus der Roma-Gemeinschaft arbeiten hier, sowie Leute mit einem Doktortitel.“

Heute beherbergt Tkalka mehr als 45 verschiedene Organisationen, die ihrerseits über 140 Personen beschäftigen. Die Unterhaltskosten belaufen sich auf 60.000 bis 70.000 Euro im Jahr und werden von den Mitgliedern gleichmäßig untereinander aufgeteilt. „Die meisten der Organisationen und Personen hier leben von den Tätigkeiten, die sie hier ausüben“, sagt Karolina.

Mehr Mitbestimmung durch direkte Demokratie

In ihren Augen sind „gesellschaftliche Prozesse, so wie Plenen und direkte Demokratie, das wichtigste Vermächtnis der Proteste von 2012“. Nach den Protesten begannen die Menschen in Maribor aktiver am örtlichen politischen Leben teilzunehmen, und zwar durch ein System der direkten Demokratie, basierend auf „Plenen“. Die Plenen sind durch die weltweite „Occupy“-Bewegung und die Vorstellung einer horizontalen Demokratie inspiriert. Ihr Ziel ist es, jeder Person dieselbe Macht im Entscheidungsprozess zu geben. Ab 2013 begannen die Bewohner Maribors, sich regelmäßig auf Nachbarschaftstreffen zu versammeln, die von „neutralen“ Moderatoren unterstützt wurden. Die Menschen entschieden zusammen über öffentliche und gemeinschaftliche Angelegenheiten.

Simon Žlahtić, der heute zusammen mit Freunden einen Bauernhof betreibt, glaubt, dass sich das Bild von Maribor als ein Ort, an dem nichts umgesetzt wird und keiner es schaffen kann, seit 2012 verändert hat. „TV Slovenija [das slowenische Fernsehen; A.d.R.] hat eine Geschichte gezeigt über die Ereignisse 2012 in Maribor, in der gesagt wurde, dass die Menschen in Maribor auf den Mangel an Kultur mit Kultur geantwortet haben. Das ist nicht wahr - wir wollten nur Arbeitsplätze.“

Als Antwort auf die Wirtschaftskrise hat Maribor sich langsam zum politischen Experiment und Soziallabor entwickelt. In der Stadt wurden zahlreiche neue gesellschaftliche Initiativen lanciert. Viele Menschen haben auf leerstehenden Industrieflächen gehockt und diese in Geschäfte, Cafés und Galerien verwandelt, welche heute den Lebensmittelpunkt Maribors bilden.

Abgesehen von seinen vielen leerstehenden Industrieflächen ist Maribor bekannt für seine ländliche Umgebung. Lebensmittel-Kooperativen verbinden kleine Bauern mit Abnehmern in der Stadt, schaffen neue Jobs in nahegelegenen ländlichen Gebieten und versorgen die Stadt mit regional und nachhaltig produzierten Lebensmitteln. Die Kooperative Dobrina, die auch zu Tkalka gehört, hat mehr als 60 kleine Bauern zusammengebracht, von denen jeder zwischen drei und 15 Hektar Land besitzt. Nun vertreiben sie ihre Produkte zusammen auf Märkten in Maribor, verkaufen sie an Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten und Privatpersonen. Dobrinas Laden ist auch Teil von Tkalka: Von einer Vielfalt lokal angebauter Karotten und Äpfel über Brot und Öle bis hin zu handgefertigten Wollsocken kann hier alles gekauft werden.

„Maribor ist die Zukunft”

Marko Brumen, ein Kulturproduzent, der in der öffentlichen Einrichtung Narodni Dom arbeitet, sieht das Aufblühen unabhängiger Initiativen in Maribor als eine Art „organischen Prozess“. Auch wenn die Autoritäten immer noch nicht die Prinzipien der direkten Demokratie anwenden würden: Fortschritt sei trotzdem sichtbar. Die Stadtgemeinde habe beispielsweise den ersten offiziellen partizipatorischen Haushalt geschaffen. „Das Prinzip ist simpel“, sagt Brumen. „Es ist an der örtlichen Gemeinschaft zu entscheiden, wie ein Teil ihres Budgets ausgegeben wird. Jeder kann ein Projekt vorschlagen und darüber wird dann abgestimmt. So haben Bürger haben einen direkten Einfluss darauf, wie öffentliche Gelder ausgegeben werden, ob in Form von Spielplätzen, Straßen, Straßenlampen.“

Narodni Dom arbeitet von Vetrinjski Dvor aus, dem Gebäude, in dem einst die Geschäftsleitung der Europäischen Kulturhauptstadt ihren offiziellen Sitz hatte. Verborgen hinter großen, mittelalterlichen Eisentoren steht ein weißes, zweistöckiges Gebäude, mit Blick über einen kopfsteingepflasterten Innenhof. Im ersten Stock beherbergen weitläufige, helle Räume örtliche NGOs, die ihre Gemeinschaftsräume für eine Dauer von drei Jahren mieten. Zwei Kunst-Residenzen empfangen slowenische und internationale Künstler und Künstlerinnen.

Am Freitagabend erscheinen die Straßen Maribors allerdings ungewöhnlich leer. Das sei deshalb so, sagen uns viele Leute, „weil Winter ist“ und „die Studenten noch nicht zurück sind“. Trotzdem bewegt sich die Stadt zu den Klängen von Swing-Musik im Salon Uporabnih Umjetnosti (Salon der angewandten Künste). Wie viele von Maribors neuen Initiativen ist der Salon gleichzeitig auch eine Art Café, Design-Shop, Buchladen und Bar, in einem vormals leerstehenden Raum. Ein über der Bar hängendes Schild ist alles, was noch übrig ist von dem Kasino, welches hier früher mal existierte. Handgemachte Taschen, Kleidung und Bücher sind an den Fenstern und auf den Regalen zwischen den Tischen zu sehen. Der Salon ist schnell zum angesagten Treffpunkt der jungen Stadtbevölkerung geworden. Bei den „Swing-Nächten“ kann man ältere und jüngere Generationen beim gemeinsamen Tanzen beobachten. Für die Jungen ist der Salon ein neuer, hipper Ort, um unter Leute zu kommen, für die Älteren ist er ein Ort, um Erinnerungen aufleben zu lassen.

Maribor ist die Zukunft

Miha Horvat, einem unabhängigen Künstler und Mitglied des Kunstkollektivs Sonda zufolge, hat Maribor „das Potential, eine Art Kunst-Mekka zu werden“. Er findet, Maribor habe genau die richtige Größe: „Ich neige dazu zu sagen, dass Maribor gleichzeitig zu klein und zu groß ist. Denn, auch wenn die Stadt in Wirklichkeit klein ist, so hat sie doch große Ambitionen.“ Der Slogan „Maribor ist die Zukunft“, der eine Wand in der Nähe von Tkalka ziert, ist Sondas Erfindung.

Miha glaubt an diese Zukunft. Er erklärt, wie sich sein Projekt GT22 von einem Kunstprojekt zu einer Initiative entwickelte, die 80 Leute aus den Bereichen Theater, Fotografie, Radio und bildende Künste zusammenbringt. Miha findet, dass Künstler sich mehr politisch engagieren sollten, um in Zukunft andere, ähnliche Initiativen ins Leben zu rufen. „Wenn ich meine Steuern bezahle und dem Staat etwas gebe, dann will ich mich ermächtigt fühlen. Unsere Industrie ist zusammengebrochen, aber die Menschen hier sind kompetent, unser Ort ist historisch gesehen interessant und die ganze Kunst hier, sowohl von Amateuren als auch von Profis, funktioniert irgendwie. Ich glaube, wie müssen diesen Weg weitergehen. In meiner Vorstellung könnte Maribor das perfekte Soziallabor sein.“

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Text: Natasha Kramberger

Foto: Jelena Prtorić 

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25 Jahre nach Ausbruch der Balkankriege will Balkans & Beyond originelle Geschichten erzählen und Gesichter der jungen Generation aus Bosnien, Mazedonien, Kroatien, Kosovo, Slowenien, Serbien und Montenegro zeigen, eine Generation, die bereit ist zu vergeben aber nicht zu vergessen. Das Projekt wird von der Allianz Kulturstiftung und cafébabel Berlin getragen.