Slobodans langer Schatten

Artikel veröffentlicht am 29. Mai 2006
Artikel veröffentlicht am 29. Mai 2006

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Der Tod von Slobodan Milosevic hat in Serbien Zweifel gegenüber dem Internationalen Gerichtshofs und Europa gesät. Die meisten wollen jedoch die Vergangenheit vergessen.

Zwei Monate nach seinem Tod beherrscht ein Portrait von Slobodan Milosevic, dem früheren Präsidenten Serbiens, ein kleines Viertel in Belgrad. Es ist am Hauptquartier von Sloboda („Freiheit“) angebracht, einer Organisation, die die Erinnerung an Milosevic am Leben halten will.

Die Mitglieder von Sloboda sind eingefleischte Anhänger Milosevics und Mitglieder der Sozialistischen Partei Serbiens (SPS). Sie unterstützten Milosevic in seinem Kampf gegen die Anklage des Genozids und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Internationalen Gerichtshof für Ex-Jugoslawien.

Ein Held, ein Freiheitskämpfer

Doch Milosevics Tod am 11. März im Scheveningener Gefängis unterbrach ihre Aktivitäten abrupt. „Wir sind alle sehr traurig und verbittert, dass unserem Präsidenten eine angemessene medizinische Versorgung verwehrt blieb. Er wurde in Den Haag ermordet“, urteilt Mirjana, eine von Slobodans Freiwilligen. „Wir werden weiter machen, um Milosevics Visionen und seine Politik fortzuführen“, fügt sie an.

Mirjana behauptet, dass sogar nach dem Tod von Milosevic viele Menschen, alt oder jung, ihrer Organisation beitreten wollen. Deren Ärger richtet sich nun gegen das Tribunal in Den Haag. Die überzeugten Nationalisten glauben, das Gericht sei ein Kerker – ausschließlich reserviert für Serben.

Milosevic ist in ihrer Wahrnehmung ein Freiheitskämpfer, der sich für die Würde der Serben eingesetzt hat. Ein moderner Held, der bereit war, sich den Weltmächten entgegen zu setzen. „Ein unschuldiger Mann wurde getötet, ein Mann der nicht fähig war, jemanden zu verletzen oder zu hassen – niemanden, ganz gleich welcher Religion oder Ethnie er angehörte“, klagen einiger der Redner auf der Beerdigung.

Marija Bursac, ein serbischer Flüchtling aus dem Kosovo, sagt, die Nachricht von Milosevics Tod habe sie am Boden zerstört. „Meine Welt ist zusammengebrochen, als ich davon hörte. Ich bin froh, ihn noch erlebt zu haben. Denn Menschen wie er werden selten geboren“, unterstreicht Marija. Dann wettert sie gegen das Haager Tribunal und spricht damit aus, was viele Serben denken. „Der gesamte Druck in Den Haag lastete ausschließlich auf den Serben“, schimpft sie. „Nur Serben sind gestorben. Wir werden als Mörder behandelt, obwohl wir lediglich unsere Häuser verteidigt haben“, urteilt sie.

Die Feindseligkeiten gegenüber dem Haager Tribunal erreichten auf Milosevics Beerdigung in seiner Heimatstadt Pozarevac ihren Höhepunkt. Einige Menschen zeigten Plakate mit den Worten „Den Haag: ein Nazi-Lager“. Einige Belgrader Zeitungen schütteten zusätzlich Öl ins Feuer, indem sie am Tag seines Todes lediglich ein Wort titelten: Getötet.

Sture Serben

Milosevic war in 66 Anklagepunkten angeklagt. Dazu zählten Kriegsverbrechen, Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Mehr als 300 000 Seiten aufgezeichneter Beweise waren von Opfern seiner Kriege zusammengetragen worden. Sein plötzlicher Tod rückt die Gerechtigkeit für die Geschändeten in weite Ferne.

Zudem sind viele Serben weit davon entfernt, ihre Rolle in den Kriegen anzuerkennen, die letztendlich zu einer Spaltung des früheren Jugoslawien führten. Sie sind davon überzeugt, dass Milosevic vom Tribunal aus Mangeln an Beweisen für seine Schuld getötet wurde. „Sie glaubten mit ihm ein leichtes Spiel zu haben, doch er erwies sich als jemand, der sehr tough ist“, glaubt ein Straßenverkäufer in Belgrad.

Die meisten Serben stehen jedoch im krassen Gegensatz zu den schluchzenden Pensionären, die für Stunden in langen Schlangen warteten, um ihrem toten Anführer die letzte Ehre zu erweisen. Sie sind ernüchtert und vergessen Stück für Stück, dass er überhaupt existiert hat. „Mir ist Milosevic egal. Das einzige was für mich zählt, ist meine Familie,“ unterstreicht Natasha, eine 40-jährige Mutter von drei Kindern und drückt damit die Meinung vieler in Serbien aus.

Doch während die Erinnerung an Milosevic zu verblassen beginnt, bleibt der Hass auf den Internationalen Gerichtshof bestehen. Die Chance auf die Auslieferung weiterer Verdächtiger, allen voran den damaligen Anführern der bosnischen Serben Ratko Mladic und Radovan Karadzic, wird so verspielt.

Die Auslieferung von Mladic stellt eine internationale Forderung an Serbien dar. Am 3. Mai legte die EU die Assoziierungsgespräche mit Serbien und Montenegro auf Eis. Grund dafür war, dass Belgrad den früheren Kommandanten der bosnisch-serbischen Armee nicht ausliefern konnte. „Ich bin dafür, alle Verantwortlichen für Kriegsverbrechen zu bestrafen. Aber ich bin dagegen, dass mein Land deshalb erpresst wird,“ gibt Natasha zu verstehen. „Europa will uns nicht. Mladic ist nur eine weitere Entschuldigung“, fügt sie an.

Gespaltenes Land

Serbien ist gespalten. Es gibt diejenigen, die der Meinung sind, dass in den Kriegen der 1990er die Serben keine Fehler begingen und diejenigen, die möchten, dass Serbien seine Kriegsverbrechen anerkennt. Die Sorge der letzteren ist, dass Milosevics Tod dem Gericht sein Urteil geraubt hat – und damit Serbien die Chance genommen hat, seine Vergangenheit zu bewältigen.

Andrej Nosov ist Mitglied der Nichtregierungsorganisation „Youth Initiative“, die sich für eine öffentliche Debatte über die Kriegsverbrechen einsetzt. Er meint, dass viele in Serbien glauben, der Gerichtshof sei parteiisch. „Milosevics Tod zementierte den Glauben vieler Menschen in Serbien, dass Den Haag ein antiserbisches Gericht ist“, erklärt Nosov. Er führt weiter aus, dass einige hochrangige Polizei- und Armeebeamte, die an Milosevics Kriegen beteiligt waren, nun damit beschäftigt wären, Mladic zu verstecken. „Sie sind hier und sie genießen eine enorme Unterstützung“, bekräftigt Nosov. Laut ihm hat Milosevic nach wie vor einen Rückhalt bei Leuten die an der Armutsgrenze leben und Leuten, die nicht verstanden haben, welche Politik Milosevic betrieben hat. „Die Legitimität Milosevics ist immer noch verbreitet hier in Serbien“, glaubt Nosov.

Optimismus gefragt

Dejan Gvozden, ein 36-jähriger Rockmusiker, bleibt optimistisch. Er ist überzeugt, dass die fortschrittlichen Kräfte im Land noch gewinnen können. „Obwohl wir in einer polarisierten Gesellschaft leben, möchte die Mehrheit von uns zu Europa gehören. Wir müssen nur die Last der Vergangenheit hinter uns lassen“, betont Gvodzen. Seine Band ist politisch engagiert; sie kämpft dafür, dass Serbien sich mit seinen Kriegsverbrechen auseinandersetzt und dafür, Europa näher zu kommen. „Mein Idol ist John Lennon. Er war ein politisch engagierter Künstler. Es ist unmöglich, ein Künstler zu sein, wenn Du kein Gespür für die Politik hast“, meint Gvodzden.

Der Optimismus von Menschen wie Gvodzen wird eine große Rolle spielen müssen, wenn Serbien mit seiner Vergangenheit abschließen und in die Zukunft blicken will.