Slapstick im Grandhotel: Der silberne Bär 2014

Artikel veröffentlicht am 18. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 18. Februar 2014

Ein zu stark par­fü­mier­ter Con­cier­ge, ein Lob­by-Boy mit auf­ge­mal­tem Schnäu­zer und der mys­te­riö­ser Tod einer ur­al­ten schrul­li­gen Grä­fin be­deu­ten Er­folg. Denn der sil­ber­ne Bär der 64. In­ter­na­tio­na­len Film­fest­spie­le Ber­lin geht an The Grand Bu­da­pest Hotel  von Wes An­der­son. Zu Recht? Eine Film­kri­tik.

Ein win­zi­ger, knall­ro­ter Fahr­stuhl. Darin ein der Con­cier­ge und der junge Be­wer­ber für den Pos­ten des Lob­by-Boys. „Warum möch­test du ein Lob­by-Boy sein?“ fragt der Con­cier­ge, Mon­sieur Gus­t­ave H (Ralph Fi­en­nes), den jun­gen Zero Mousta­fa (Toni Re­vo­lo­ri). „Möch­te das nicht  jeder?“, ant­wor­tet die­ser. So be­ginnt eine große Freund­schaft und der Auf­takt einer tur­bu­len­ten Ge­schich­te von Wes An­der­son. The Grand Bu­da­pest Hotel heißt der neue Film, mit dem auch die Ber­li­na­le er­öff­net wurde. 

Schau­platz ist ein präch­ti­ges Hotel in dem Kur­ort Ne­bels­bad, in der fik­ti­ven ost­eu­ro­päi­schen Re­pu­blik Zu­brow­ka. Zu Be­ginn der 1930er Jahre pflegt Con­cier­ge Mon­sieur Gus­tav ein in­ni­ges Ver­hält­nis zu sei­nen Gäs­ten. Lieb­schaf­ten mit äl­te­ren Damen sind für ihn eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Eine davon ist die 84-jäh­ri­ge Ma­dame Céline Vil­le­neuve Des­gof­fe und Taxis, kurz Ma­dame D (Tilda Swin­ton).  Die schrul­li­ge Grä­fin ver­macht ihm ein wert­vol­les  Re­nais­sance-Ge­mäl­de. Das je­doch ge­fällt der Fa­mi­lie gar nicht. Kur­zer­hand tür­men der Con­cier­ge und der Lob­by-Boy Zero mit dem Bild im Ge­päck. Was folgt sind Ver­fol­gungs­jag­den um das Ver­mö­gen der ver­stor­be­nen Grä­fin zu si­chern. Au­ßer­dem wird der Ver­such un­ter­nom­men, den mys­te­riö­sen Tod von Ma­dame D auf­zu­klä­ren.

Of­fi­zi­el­ler Trai­ler zu The Grand­bu­da­pest Hotel von Re­gis­seur Wes An­der­son (2013)

The Grand Bu­da­pest Hotel ist eine ful­mi­nan­te Kri­mi­nal­ko­mö­die mit bit­ter­sü­ßem Un­ter­ton. Es ist ein Film über Loya­li­tät und Freund­schaft  vor dem Hin­ter­grund eines Eu­ro­pas, das sich dra­ma­tisch ver­än­dert. Der Film zeigt den Über­gang vom gol­de­nen Zeit­al­ter zur fa­schis­ti­schen Machtüber­nah­me. Zu­letzt be­kom­men wir auch den Auf­stieg des kom­mu­nis­ti­schen Re­gimes zu Ge­sicht. Wes An­der­son hat für sei­nen Film ein ganz ei­ge­nes Uni­ver­sum ge­schaf­fen. In­spi­riert von den Ge­schich­ten des ös­ter­rei­chi­schen Schrifts­stel­lers Ste­fan Zweig, reißt er die kom­plette Ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts in Eu­ro­pa ab. An­der­son un­ter­streicht das, durch eine sich immer wie­der än­dern­de vi­su­el­le Äs­the­tik. So ist das Grand Bu­da­pest zu Be­ginn ein pracht­vol­les und lu­xu­riö­ses Hotel mit vie­len Schnör­keln und wun­der­ba­ren De­tails, das mit einer Zahn­rad­bahn er­reicht wird. Zum Schluss ist es le­dig­lich ein funk­tio­na­les Hotel ohne jeden Luxus. Das Schloss der Fa­mi­lie der Ma­dame D hin­ge­gen trägt erste Kenn­zei­chen einer fa­schis­ti­schen Macht­über­nah­me. Alles in ihm ist dun­kel und wirkt bru­tal. 

Jeden Tag den Schnäuzer neu gemalt

Doch die her­auf­zie­hen­de Ka­ta­stro­phe macht sich auch in den Cha­rak­te­ren sicht­bar. Wun­der­bar über­zo­ge­ne Cha­rak­te­re hat An­der­son da her­aus­ge­ar­bei­tet. So auch der Sohn der Ma­dame D, Di­mi­tri (Adam Brody): Sein Haar, seine Klei­dung, seine Ge­dan­ken und Ein­stel­lun­gen – alles an ihm ist dun­kel. Mon­sieur Gus­tav  ist da­ge­gen sehr ele­gant, immer auf sein Äu­ße­res be­dacht und auch ein wenig zu stark par­fü­miert. Er ist aber vor allem eines: loyal. Loyal ge­gen­über dem Hotel, sei­nen Gäs­ten und sei­nen Freun­den. Glei­ches gilt für Zero Mousta­fa, der von ihm pro­te­giert wird und ge­nau­so sehr auf sein Äu­ße­res be­dacht ist. So malt er sich jeden Tag einen Schnäu­zer.

Und so ver­rückt wie die Cha­rak­te­re sind auch ihre Hand­lun­gen. Es wird immer tur­bu­lent und sie er­in­nern mit ihren slap­stick­haf­ten, cho­reo­gra­fier­ten Mo­men­ten an die Zeit der Stumm­fil­me. Die wohl lus­tigs­te Szene ist dann die Ret­tungs­ak­ti­on durch die „Ge­sell­schaft der ge­kreuz­ten Schlüs­sel“. Der Ge­heim­bund, eine kom­ple­xe Bru­der­schaft der bes­ten Con­cier­ges (u.a. Bill Mur­ray), eilt Mon­sieur Gus­t­ave zur Hilfe: Im Se­kun­den­takt wird ein Con­cier­ge an­ge­ru­fen, der den Lob­by-Boy in­for­miert und dar­aufhin wie­der einen Con­cier­ge an­ruft, der sei­nen Lob­by-Boy in­for­miert.

The Grand Bu­da­pest Hotel ist grell, iro­nisch und ir­ri­tie­rend, genau wie Wes An­der­sons frü­he­re Filme Die Royal Te­nen­baums (2001) oder Dar­jee­ling Li­mi­ted (2007). Wes An­der­son ge­lingt eine wun­der­bar kri­ti­sche Ko­mö­die über eine dunk­le Zeit in der Ge­schich­te Eu­ro­pas.

Cafébabel Berlin bei der 64. Berlinale

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