Skate in Nepal: Über Ungleichheiten brettern

Artikel veröffentlicht am 12. September 2017
Artikel veröffentlicht am 12. September 2017

Bibbi Abruzzini und Zyanya Jackson haben zusammen mit dem Kollektiv Refurb Skate in Nepal gearbeitet. Herausgekommen ist eine Doku darüber, wie Skateboarden junge Frauen und Kinder dort besser an der Gesellschaft teilhaben lässt. Egal ob bei brütender Hitze oder Prasselregen - alles, was die beiden Europäerinnen brauchten, waren zwei einfache Dinge: Kamera und Skateboard. 

Cafébabel: Erzählt uns etwas über euch!

Bibbi Abruzzini: Ich bin in Italien aufgewachsen, bis ich mit 9 Jahren nach Brüssel zog. Das war mein erster Kulturschock. Das Gefühl der Entwurzelung beschreibt wohl am besten meine ersten Wochen in Belgien. Im «Herzen Europas» aufzuwachsen hat mich aber bald motiviert, die Welt zu bereisen und eine Identität jenseits von nationalen Grenzen zu entwickeln. Als Kind wollte ich immer Journalistin werden. Ich habe Bilder aus dem National Geographic ausgeschnitten und die Artikel in meinen eigenen ‘Forschungsarbeiten‚ umgeschrieben. 2010 habe ich dann begonnen, wirklich als Journalistin zu arbeiten. Ich war als Korrespondentin in Nepal, Kolumbien und den USA tätig.

Zyanya Jackson: Ich komme ursprünglich von der Südküste Englands, habe aber nach der Uni damit begonnen herumzureisen und Wintersaison-Jobs zu machen. Vom Snowboarden in Europa verschlug es mich nach Neuseeland, genauer gesagt nach Queenstown, wo ich seit drei Jahren zeitweise lebe - und wo wir mit Refurb Skate in Kontakt kamen.

Cafébabel: Wie seid ihr mit Refurb Skate in Kontakt gekommen?

Bibbi Abruzzini: Ich war auf einem Musikfestival in der Provinz Sindhupalchowk in Nepal, um über die Lage in der Region zwei Jahre nach dem großen Erdbeben zu berichten, das 9000 Menschen tötete und über 3,5 Millionen obdachlos machte. Dort hatte ich das Glück, Jean-Marc zu treffen, meinen Zeltnachbarn, einen energiegeladenen Pariser, der damit beschäftigt war, mit Make Life Skate Life Skate-Parks rund um den Globus zu errichten. Er erzählte mir, dass sie gerade den Bau des Annapurna-Skateparks fertigstellten, ein Community-Skatepark in Nepals zweitgrößter Stadt Pokhara. Ihr Ziel war es, den wachsenden Bedarf an sicheren Plätzen zum Skaten zu decken. Auf ihrer Facebook-Seite habe ich dann gesehen, dass Refurb Skate einen dreiwöchigen Skate-Workshop anbieten wollte, um den Sport zugänglicher und weniger einschüchternd für Mädchen und Kinder zu machen. Das war der Zeitpunkt, als ich den Entschluss fasste, eine Dokumentation über das Projekt zu drehen.

Zyanya Jackson: Letzten Oktober erzählte mir eine Freundin, dass sie ein paar Mädchen als Versuchskaninchen für ein Probe-Skate-Programm bei SITE Trampoline (eine Indoor-Trainingseinrichtung) suchten. Sie wollten herausfinden, wie weit sie eine Gruppe von Mädchen mit geringer Skate-Erfahrung in 6 Wochen trainieren konnten. Unser Coach Jens Groot hat uns motiviert, jede Woche etwas Neues zu lernen. Am Ende waren wir so beflügelt von unserem Erfolg, dass wir die wöchentliche Girls Skate Night bei SITE ins Rollen gebracht haben. Refurb war zuerst ein Spitzname für die paar Mädels von uns im Test-Programm und durch die Girls Skate Night konnten wir über 40 Frauen (zwischen 5-35 Jahren) für etwas begeistern, an das sie sich wohl unter anderen Umständen nie herangetraut hätten. Es ist uns sehr wichtig, dass auch die Männer von Refurb die Anerkennung bekommen, die sie verdienen. Duncan Philp ist ein großartiger Skater und spielte eine immens wichtige Rolle auf unserem Trip nach Nepal. Obwohl Refurb hauptsächlich eine weibliche Skate-Community ist, waren Duncan und Jens von Tag eins an mit dabei.

Cafébabel: Warum eigentlich Skaten, was verbindet euch mit diesem Sport ?

Bibbi Abruzzini: Ich fand Skaten schon immer faszinierend. Dann habe ich in Paris zu skaten begonnen und mir fast die Rippen gebrochen. Mein Onkel war früher mein Vorbild: Er ist immer auf seinem Longboard durch Rom gecruised, hat dabei den Hobbit laut vorgelesen und Guns’n’Roses gehört. Ich habe immer den Community-Aspekt an diesem Sport geschätzt und dass er für die meisten Menschen zugänglich ist.

Als Frau finde ich die Beziehung zwischen Skaten und Weiblichkeit sehr interessant. In meinen Augen sind viele Sportarten gegendert. Als Kind habe ich mich als Junge definiert, weil ich Basketball gespielt habe, aber nach einiger Zeit dachte ich mir: „Wisst ihr was? Ich kann Basketball spielen, mich wie Allen Iverson anziehen und immer noch eine Frau sein, oder wer auch immer ich sein möchte!“ Es war spannend für mich, fünf Jahre in Nepal zu leben und zu beobachten, wie dieser Sport von der Gesellschaft angenommen wurde und welches Selbstbild die skatenden Mädchen entwickelt haben. 

Zyanya Jackson: Um ehrlich zu sein: Ich habe keine Ahnung, warum. Ich hatte als Kind zwar ein Skateboard, aber nie Freunde, die Skateboard gefahren sind, also bin ich dann erst in Queenstown richtig dazu gekommen. Heute liebe ich es, weil es einerseits so ein individuelles Ding ist und ich andererseits so viele Freunde dabei gefunden habe. Ich habe erkannt, dass, obwohl du vielleicht alleine zum Skaten wohin kommst, die Leute allgemein eine sehr positive Einstellung untereinander hegen, egal wie gut oder schlecht du bist. Es fühlt sich ziemlich gut an, zu so einer Community zu gehören.

Cafébabel: Inwiefern spiegelt dieses Projekt unsere Generation wider?

Bibbi Abruzzini: Es zeigt, dass wir keine Angst davor haben, Neues auszuprobieren und es bringt bedingungslose Positivität mit sich, weil es Menschen unterschiedlichster Kulturen verbindet und jedem und jeder Platz bietet, sich auszudrücken. Wir sind eine Generation, die an sich glaubt. Wir wollen glauben, dass alles möglich ist, alles erlaubt ist. Die Jugend von überall, von Nepal bis in die USA, sprengt Grenzen und drängt auf eine Neudefinition von ‘normal‘. Wir wollen Veränderung bewirken, reisen und die Welt verstehen, die uns immer leichter zugänglich ist. Wir bewegen uns mit schwindelerregender Geschwindigkeit und haben unser Potential vielleicht noch nicht völlig ausgeschöpft, aber wir sind die Zukunft… in unserem Tempo.

Zyanya Jackson: Mir fällt besonders auf, dass man in den letzten paar Jahren, vor allem auch befördert durch Social Media, immer mehr Frauen skaten sieht. An den Wettbewerben nehmen nicht nur Profi-Athleten teil. Auf Instagram oder Facebook kannst du sicher 100 verschiedene Accounts finden, die Mädchen-Skate-Tage dokumentieren oder lokale Competitions zeigen oder einfach nur Freunde, die sich gegenseitig begeistert ihre Skate-Clips posten. Oft ist es ein langer Weg, Einstellungen früherer Generationen zu verändern, die sonst eher negative Bilder mit Skaten verbunden hätte, aber wir sind mitten im Prozess. Das gewährt auch Frauen Präsenz in einem Gebiet, das lange Zeit von Männern dominiert wurde. Um ehrlich zu sein, sind wir echt begeistert, dass Refurb Skate ein Teil dieser Veränderung ist.

Cafébabel: Was waren die größten Herausforderungen beim Dreh der S.K.A.T.E Dokumentation?

Bibbi Abruzzini: Ich wollte eine Doku machen, zu der jede und jeder Bezug nehmen kann, egal welcher Nationalität. Nicht jeder ist für das Skaten zu begeistern, also war es mein Ziel, eine umfangreichere Geschichte zu erzählen. Nachdem ich 5 Jahre in Nepal gelebt hatte, wollte ich das Land als Ort portraitieren, an dem Veränderung gelebt wird. Ich wollte nicht das stereotype Erzählmotiv der ‘Armuts-Nation am Himalaya‘ weiterverbreiten.

Eine Independent-Doku zu machen ist nie leicht, weil meistens begrenzte Ressourcen zur Verfügung stehen und du deine Zeit zwischen deinem ‘echten Job‘ und deinem Projekt unter einen Hut bringen musst. Manchmal war ich echt zu müde, um zu filmen oder 10 Kilo Equipment herumzuschleppen, oft war ich auch einfach zutiefst uninspiriert. Ich wusste nicht, was aus dem Projekt werden würde, doch es entwickelte dann irgendwie Eigenleben.

Zyanya Jackson: Der gesamte Trip war eine immense Lernaufgabe für uns. Die Sprachbarriere war sicher eine der größten Herausforderungen, aber auch das Programm in Pokhara zu managen war ungleich schwieriger als das Programm in Queenstown. Dort hatten wir das Glück, auf eine etablierte Community, effektive Kommunikations-Möglichkeiten und viel Equipment zurückgreifen zu können. Hier in Nepal mussten wir von Null beginnen.

Es brauchte Zeit, die nepalesische Kultur zu verstehen und dahinterzukommen, wie wir unsere Arbeit rund um das unglaubliche Ausmaß an Verpflichtungen, das die Menschen hier bewältigen müssen, zu organisieren. Aber glücklicherweise fielen längere staatliche Feiertage in die Zeit, als wir dort waren, und so konnten viele Kinder täglich zum Skatepark kommen. In den Gesprächen mit den Mädchen, die wir in Nepal getroffen haben, merkte man deutlich die noch fest verankerten stereotypen Geschlechter-Rollenbilder in der Gesellschaft. In der Doku hört man Rezinas Mutter darüber sprechen, wie sehr die Nachbarn es missbilligten, dass sie ihre Tochter skaten und ihr freie Wahl über ihren Kleidungsstil ließe. Auch erklärt sie, dass es immer noch die Frauen sind, die ihre ganze Zeit fürs Kochen und Putzen aufbringen müssen. Wir hatten wirklich Glück, Mädchen wie Rezina in Kathmandu und Thombay und Archana in Pokhara zu treffen, die diese Stereotypen hinterfragen und den Rückhalt ihrer Familien haben, um tun zu können, was sie lieben.

Zu guter Letzt galt es, die Mittagshitze und die nachmittäglichen Sintflut-Regenfälle zu vermeiden. So waren wir um 7 in der Früh schon im Skatepark und verließen diesen auch üblicherweise nicht vor Einbruch der Dunkelheit.

Cafébabel: Worauf seid ihr besonders stolz ?

Bibbi Abruzzini: Ich schätze mich wirklich glücklich, diese Geschichte erzählen zu können und so viel auf dem Weg gelernt zu haben. Mein Weg kreuzte den von verschiedensten Menschen aller Altersgruppen und Herkunftsgeschichten und jeder einzelne hat Eindrücke in mir hinterlassen. Das Refurb Skate Team konnte so kraftvolle Verbindungen mit den Mädchen in den Skate-Parks in Kathmandu und Pokhara schließen, es war wahrlich eine Ehre, so viel Freundschaft und Liebe erleben zu können. Ich war auch sehr froh, mit einigen lokalen Fotojournalisten zu arbeiten, die nun immer mehr darauf aufmerksam werden, wie sehr die lokale Skater-Szene aufblüht. Besonders einer, Sanjog Manandhar hat wundervolle Arbeit geleistet: Seine Reportage über die Skate-Szene in Kathmandu zeigt, wie sehr hier gesellschaftliche Erwartungs-Haltungen herausgefordert werden. Ich hoffe, dass diese Doku Menschen in Nepal und auch anderorts ermutigt, ihre eigenen, großartigen Geschichten zu erzählen.

Zyanya Jackson: Die Jungs im Annapurna-Skatepark in Pokharna zu sehen, wie sie begonnen haben, den Mädchen beim Skaten Lernen zu helfen. Es war ein kompletter Wandel zu beobachten: Anfänglich herrschte völlige Ignoranz, maximal wurden ihnen die Boards weggenommen, und schließlich ließen sie den Mädels den Vortritt und ermutigten sie, gaben ihnen ihren eigenen Raum, um vorwärts zu kommen. Ich glaube, es war sehr wichtig für die Jungs, dass Duncan ein positives Beispiel vorgegeben hat. Es war cool zu sehen, wie sich ihre kleine Community geformt hat, in der Mädchen und Jungs den Skatepark teilen.

Cafébabel: Könnt ihr euch ein Projekt wie dieses in Europa vorstellen? Wenn ja, was wäre ähnlich und was wäre anders?

Bibbi Abruzzini: Ja, aber es wäre bestimmt anders, weil Skateboarden in Europa ja schon eher Mainstream ist. Momentan ist ein super Zeitpunkt für Frauen in der Action-Sport-Industrie. Die Partizipation wächst exponentiell, obwohl es immer noch Männer-dominiertes Gebiet ist. Was so spannend am Nepal-Projekt war, ist, dass sich ähnlich wie in anderen südasiatischen Ländern wie Afghanistan Skateboarden als ultimatives Empowerment-Schlupfloch erwiesen hat. In einer Region, wo es absolut missbilligt wird, dass sich Frauen für Sport begeistern, sehen plötzlich Eltern und Großeltern ihren Kindern beim Skaten zu. Das hätte sich niemand vorstellen können, bevor Refurb Skate den Sport bekanntgemacht hat.

Zyanya Jackson: Ich glaube, ein Projekt wie dieses wäre sehr erfolgreich in Europa. Die kulturellen Ähnlichkeiten würden es einfacher machen und auch eine gemeinsame Sprache wäre leichter zu finden. Es gibt schon sehr viele Mädchen, die skaten, also würde es eher darum gehen, alle zusammenzubringen und Sponsoren zu involvieren, um ein Projekt zu finanzieren, anstatt nur einem einmaligen Event. In Europa haben wir Glück, dass es ein viel größeres Business rund um das Skaten gibt, aus dem man schöpfen kann. Wir brauchten definitiv einige Sessions, bevor wir wirklich signifikante Fortschritte sehen konnten. Skaten ist nichts, was sich über Nacht etabliert, man muss wirklich dran bleiben. Deshalb war es großartig, dieses Monat in Nepal zu haben, um jeden und jede auf ein Skateboard zu bringen und ihnen die Basics beizubringen. Aber stell dir vor, wie genial es wäre, wenn es ein permanentes Programm dort gäbe, das das Feuer dieser Mädchen weiterbrennen lässt.

Cafébabel: Welches Potential seht ihr im Skaten als Empowerment für junge Frauen und Kinder in Europa?

Bibbi Abruzzini: Von Sport allgemein und von der Selbst-Herausforderung beim Skaten kann jeder profitieren. Es ist aber ein Sport, an dem immer noch ein gewisses Stigma haftet. Doch die Tatsache, dass Skateboarden langsam zum elementaren Bestandteil von Communities und von öffentlichem Raum wird, macht die Menschen offener dafür, es selbst auszuprobieren.

Zyanya Jackson: Dieser Sport hat das Potential, dass junge Frauen und Kinder Geschick und Selbstvertrauen entwickeln. Auch wenn es grundsätzlich um körperliche Fertigkeiten geht, birgt das Skaten auch eine vielfältige Kultur, die Sport mit Musik und Kunst verbindet und viele offene Individuen anzieht, die stets den Status-Quo herausfordern wollen. Ob das nun in Form von sportlichen Skills passiert oder durch eine Kombination ihrer Kunst und dem Skaten – es erlaubt den Menschen, sich kreativ auszudrücken und ihre Körper kennenzulernen. So lernt man, sich zu bewegen, zu stürzen und wie man Ängste überwindet. 

Cafébabel: Wenn ihr einen Wunsch für eine bessere Zukunft frei hättet - Was wäre das?

Bibbi Abruzzini: Dass die Menschen mehr Wissen und Emotionen miteinander teilen.

Zyanya Jackson: Mehr Skateparks. Und auf jeden Fall mehr Gleichberechtigung.

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