Sizilien: Reif für die Street-Art Insel

Artikel veröffentlicht am 24. November 2017
Artikel veröffentlicht am 24. November 2017

Sizilien erkunden – auf anderen, außergewöhnlichen Wegen. Es sind die Straßen der Street-Art, die der Insel ein neues Gesicht geben und Alt und Jung miteinander ins Gespräch bringen.

Bilder eines Mannes, der in einem Mülleimer-Boot rudert, eines menschlichen Kopfes, dessen Narben von den Rissen in der Wand geformt werden, eines in einer Flasche gefangenen Kindes. Als am Flughafen Falcone-Borsellino gelandeter Tourist, der die Autobahnstrecke Richtung Palermo zurücklegt, kann man dort Murals entdecken, Wandbilder, welche auf den Betonskeletten nicht fertiggestellter Gebäude und den nicht genehmigten Wohnhäusern an der Küstenstraße von Carini zu sehen sind. Sie gehören zu dem Projekt Welcome to Palermo – Vamos a La Playa, durch das einige Künstler aus Sizilien und anderen Teilen Italiens sich mit illegalen Machenschaften und Schwarzbau auseinandergesetzt haben.

Während Street-Art auf nationaler und internationaler Ebene immer mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist Sizilien schon seit einigen Jahren zu einem Freilichtmuseum geworden, das es zu erkunden, besichtigen und entdecken lohnt, wie es der Semiologe Marco Mondino, die Soziologin Luisa Tuttolomondo und der Architekt Mauro Filippi getan haben. Sie sind die Autoren des Buchs Street Art in Sicilia - Guida ai luoghi e alle opere (dt. Street-Art in Sizilien – ein Führer zu den Orten und Werken) aus dem Verlag Flaccovio, in dem 300 Werke aus über 30 sizilianischen Städten verzeichnet sind.

Durch die Street-Art ändern sich die touristischen Routen im Sizilien der städtischen Kunst: Sie krempelt die Rangordnung der Ziele um und zeichnet die Karte neu. Wenngleich Palermo, Catania und Messina wichtige Drehpunkte bleiben, die Schriftstellerei, Fotojournalismus, Land und Pop Art, Mosaik- und Posterkunst, Stencil, vermischten Techniken und Kreuzungen aller Art Raum bieten, entstehen auch neue Kunstzentren. So kommt es, dass Licata und Favara wichtiger als die Provinzhauptstadt Agrigento werden.

„Street-Art hält in Altstädten Einzug, die schon seit den Sechziger- und Siebzigerjahren unbewohnt sind, weil die Bevölkerung in neue Stadtteile abgewandert ist.“, erklärt Marco Mondino.

Ein Sizilien, das mit einem neuen Blick betrachtet werden will. Dabei werden die üblichen touristischen Ziele wie Cefalù oder Taormina beiseitegelassen, um das Augenmerk auf Salemi, Floridia und Castell’Umberto zu richten.

In Petrosino in der Provinz Trapani erzählen die mit FX und Dzia signierten Kunstwerke von der Identität eines ländlichen Orts an der Küste, umgeben von Weinbergen und geprägt von typischen historischen Gebäuden mit Innenhöfen. Indes ist „die Street-Art in Gibellina schon lange heimisch geworden. Sie ist in einem ständigen Dialog mit den Kunstformen der Vergangenheit und macht diese so wieder aktuell.“, erzählt die Soziologin Luisa Tuttolomondo. Gibellina ist ein Ort, der seit dem Erdbeben 1968 offen für Kunst ist, denn sie wurde zum willkommenen Mittel zur Förderung des Gebiets durch in Europa einzigartige Land-Art-Werke, darunter der „Cretto di Burri“.

Marco Mondino räumt ein, dass „mittels Street-Art nicht nur von mit einer Stadt oder einem Ort verbundenen Erinnerungen erzählt werden kann, sondern auch von Erinnerungen an einen Künstler. In Maregrosso, einem Viertel von Messina, greifen viele Street-Art-Werke das Motiv des Elefanten auf, ein typisches Element der Kunst von Giovanni Cammarata, einem Art-Brut-Künstler, der von den Sechziger- bis zu den Neunzigerjahren dazu beigetragen hat, das Viertel wieder attraktiver zu gestalten.“

Ein solcher Aufwertungseffekt wird durch die Beziehung zu den Bildern, aber auch durch das Verhältnis zwischen der Kunst und dem zugehörigen Gebiet erzielt, indem symbolische Orte gewählt werden, an denen bestimmte historische, gesellschaftliche oder politische Ereignisse stattgefunden haben. Und dieses Verhältnis ist nicht immer friedlich. In Niscemi kam es durch Künstler wie Blu, die die Aktivistengruppe No MUOS unterstützten, zu politischen Spannungen. Hier hat die Kunst eine gesellschaftliche und politische Rolle eingenommen, die sie nun provokant spielt und Missstände anprangert. Damit erinnert sie an den ideologischen Nachdruck, der in den Zwanziger- und Dreißigerjahren in Mexiko mit Künstlern wie Huerta und Orozco, Verfechter einer gemeinschaftlichen Kunstidee, die ersten Murals hervorbrachte. Diese Künstler erzählen mit knalligen Farben und expressionistischen Formen von Vorfällen sozialer Ungerechtigkeit.

Im Südosten Siziliens hingegen konnte sich Street-Art durch Veranstaltungen von großer Bedeutung etablieren. Marco Mondino stellt fest: „In vielen Städten kam Street-Art durch internationale Festivals auf. In Ragusa gibt es ein internationales Festival der Wandbilder, das Festiwall, mit imposanten Werken, die sich über ganze Gebäudefassaden erstrecken. Es wurde sogar ein Museumsrundgang durch die Stadt entworfen, um Touristen anzulocken. In Giardini Naxos fand eines der ersten Street-Art-Festivals statt, wobei das allererste Festival der Pioniere der sizilianischen Street-Art das in Campofelice di Roccella in der Provinz Palermo war.“

  Und nach Palermo kehren wir nun zurück, in das Sozialviertel Borgo Vecchio. Mauro Filippi, Projektmanager der Designagentur Push, hat gemeinsam mit dem Wohltätigkeitsverband Per Esempio Onlus den Künstler Ema Jons hierher eingeladen, der mit der Hilfe von einigen Kindern aus dem Viertel ein Museum im Freien voller Farben, Formen und Persönlichkeiten, die das örtliche Zugehörigkeitsgefühl stärken, erschaffen hat.

Doch in Palermo zeigt Street-Art auch den Dialog mit der Tradition und mit den Symbolen der Stadt am Vucciria-Markt, die kulturelle Verschmelzung am Ballarò-Markt, die Verbindungen zu Mafia, Kriminalität und Schwarzbau im Vorort ZEN sowie märchenhafte Bilder in den „Cantieri Culturali alla Zisa“.

Die verschiedenen Seiten der Stadt werden auch in Catania durch Street-Art deutlich: Werke an der Waterfront, die allerersten Siziliens, Wandbilder in San Berillo, einem historischen Viertel, das in den letzten Jahren unter Zerfall und Kriminalität litt und das nun von Street-Artists wieder aufgehübscht wurde, die die gemauerten Tore des Viertels bemalt haben.

Luisa Tuttolomondo stellt abschließend fest: „Die städtische Kunst ist in Sizilien angekommen weil ein Bestreben verschiedener Gegenden erkannt wurde, sich aufzuwerten. Sie schaffte es, indem sie die Menschen mit einbezieht, sich auf die Besonderheiten der Orte einlässt oder auf thematischer Ebene, indem sie traditionelle Figuren wie den Genius und die heilige Rosalia von Palermo und den Liotru von Catania aufgreift, mit Künstlern, die mit den Symbolen der Stadt spielen.“