Simone Veil: ein europäisches Leben

Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2008
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2008
Sie hat Europa von allen Seiten kennen gelernt: Seine dunkelsten Jahre des Krieges und das so lang ersehnte Zusammenwachsen des Alten Kontinents. Simone Veil, von 1979 bis 1982 erste Präsidentin des Europäischen Parlaments hat ihre Autobiografie veröffentlicht.

Diese Bilanz eines Lebens mit den unterschiedlichsten Facetten kommt genau im richtigen Augenblick, denn Simone Veil genießt in Frankreich das Ansehen einer Legende.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde sie mit ihrer Mutter Madeleine (die sie liebevoll „Milou“ nennt) und einer ihrer Schwestern ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Simone Veil überlebte. Sie hätte den Kontinent, der ihr und ihrer Familie so viel Leid angetan hatte, 1945 verlassen können. „Meine Schwestern und ich waren am Leben, aber wie so viele andere, hatte auch die Familie Jacob [A.d.Ü.: Geburtsname von Simone Veil] unter dem Schreckensregime schwer gelitten. Wir erkannten sehr schnell, dass wir weder Papa noch Jean [A.d.Ü.: ihr Bruder] jemals wiedersehen würden. Milou, abgemagert bis auf die Knochen und mit Ekzemen übersät, war durch den Typhus furchtbar geschwächt.“

„Die reaktionäre Haltung einiger Richter“

Entgegen allen Erwartungen ging das Leben weiter und Simone blieb in Europa. Sie begann ein Studium am Politikwissenschaftlichen Institut in Paris, später ging sie an die rechtswissenschaftliche Fakultät Assas. Ihre erste Aufgabe als Anwältin war die Wiedererrichtung der Gefängnisse in Frankreich.

1974 tritt Simone Veil ganz in das politische Leben Frankreichs ein. Jacques Chirac, damals Premierminister unter Valérie Giscard d’Estaing, vertraut ihr das Gesundheitsministerium an. Ihr größtes Unterfangen: Die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen: „Mit den Jahren wurde ich sensibilisiert für die Problematik der Abtreibungsgesetze. Nicht nur als Frau, sondern auch als Anwältin. Wie die meisten meiner Kollegen war ich erschrocken über die dramatischen Schicksale, von denen ich erfuhr. Und die besonders rückständigen Haltungen einiger Richter haben mich schockiert. […] Sie verfolgten erbittert die Ärzte, die Abtreibungen durchgeführt hatten, um ihnen für den Rest ihres Lebens die Ausübung ihres Berufes zu verbieten.“

Im darauf folgenden Jahr, nach zahlreichen Tumulten und einer denkwürdigen Rede vor der Nationalversammlung, wurde das Gesetz zur Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs angenommen. Aber Simone Veil, die in Nizza geboren wurde, hatte noch andere Pläne. Nicht für sich oder für ihre Karriere, sondern für Frankreich und ihre Herzensangelegenheit: Europa. „… sobald die Möglichkeit Gestalt anzunehmen begann, die ersten Wahlen zum Europäischen Parlament auf gesamteuropäischer Ebene durchzuführen […] habe ich die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Abgesehen von einem gelegentlichen Bedürfnis nach Abwechslung hatte ich das Gefühl, dass ich keinen anderen Job mehr machen wollte.“

Die Notwendigkeit einer europäischen Einheit

Während der drei Jahre an der Spitze des Europäischen Parlaments, begann die langjährige Europäerin Simone Veil, die Struktur der EU zu reformieren: Finanzierung, Wahlen, und die Diplomatie. Simone Veil sah die schweren Prüfungen voraus, die die Europäische Union noch bewältigen musste. „Angesichts der internationalen Spannungen besteht auf der diplomatischen Ebene mehr denn je die Notwendigkeit einer europäischen Einheit. Und die Irakkrise hat auf tragische Weise gezeigt, wie schwer es Europa noch immer fällt, mit einer einheitlichen Stimme zu sprechen und sich so Gehör zu verschaffen.“

Der alte Kontinent hat natürlich wesentlich schlimmere Zeiten erlebt: Zwei mörderische Kriege, eine Mauer, die ihn teilte. Die Zukunft Europas sieht nicht so schwarz aus, wie einige sie machen wollen. Denn „hier, wo das absolute Böse begangen wurde, muss die Bereitschaft wiedergeboren werden, eine brüderliche Welt zu schaffen. Eine Welt, die begründet ist auf dem Respekt des Menschen vor seiner Würde.“

Ein Leben:. Simone Veil (erschienen im Stock-Verlag)

Johara BOUKABOUS

Jan ELHERT