Silent Disco in Sarajevo: Allein unter Freunden

Artikel veröffentlicht am 6. März 2014
Artikel veröffentlicht am 6. März 2014

In Sa­ra­je­vo gibt es einen Club ohne wummernde Musik. Im Kri­te­ri­on in Sa­ra­je­vo kann man sich sogar in Zim­mer­laut­stär­ke auf der Tanz­flä­che un­ter­hal­ten. Was pas­siert, wenn alle einen an­de­ren Track auf den Ohren haben? Ein Tanzversuch.

Das Prin­zip der Si­lent-Dis­co fand ich am An­fang sehr merk­wür­dig. Wozu soll­te man mit Freun­den in die Disco gehen, wenn jeder in sei­ner ei­ge­nen Par­al­lel­welt tanzt? Kön­nen akus­tisch ab­ge­schot­te­te Men­schen zu­sam­men­kom­men? Zwei­felnd ging ich mit mei­nen Freun­den ins Kri­te­ri­on, das di­rekt am Mil­ja­cka liegt, der still durch die Stadt fließt. Ein Dis­co­abend stell­te für mich immer die Mög­lich­keit dar, Musik mit an­de­ren Men­schen zu tei­len. Ich lag aber falsch. 

KOPF­HÖ­RER AN

Di­rekt am Ein­gang be­kom­men wir einen schall­ge­dämm­ten Draht­lo­skopf­hö­rer: Das ist alles was man braucht. „Jetzt ist der Spaß ist vor­bei“, denke ich. Das Ken­nen­ler­nen wird nun in den Hin­ter­grund tre­ten, denke ich.  

Doch die In­ter­ak­ti­on spielt sich in einer Si­lent-Dis­co auf einer ganz an­de­ren, ir­gend­wie in­ten­si­ve­ren, Ebene, ab. Kopf­hö­rer auf den Schul­tern gehen wir auf die Bar zu, um etwas zu trin­ken zu holen. Wir kön­nen in nor­ma­ler Laut­stär­ke wei­ter­plau­dern. An­brül­len, wie in einer normalen Disco, ist hier gar nicht nötig. Wir set­zen die Kopf­hö­rer wie­der auf, die sich au­to­ma­tisch ein­schal­ten und gehen auf die Tanz­flä­che. 

KOPF­HÖ­RER AUS

Auf dem größ­ten Floor legen fünf DJs gleich­zei­tig auf, die alle einen ei­ge­nen Kanal haben. Die Musik ist bunt ge­mischt und wer will kann sich in einer Grup­pe die­sel­be Musik an­ma­chen. Wenn man den Kopf­hö­rer in den Na­cken rut­schen lässt, herrscht dann plötz­lich eine er­staun­li­che Ruhe. Ich drü­cke ein­fach das Ohr an den Kopf­hö­rer mei­nes Nach­barn, um zu hören, was er lau­fen hat.

An­ders als in einer „nor­ma­len“ Ver­an­stal­tung, kann hier jeder für sich die Laut­stär­ke selbst be­stim­men und nicht nur pas­siv die laute Musik mit­er­le­ben. Wer in der Si­lent Disco tan­zen­de Leute sieht, ohne zu wis­sen, wel­che Musik sie ge­ra­de hören, ver­spürt einen star­ken Reiz. Arg­los kann man ins Innere sei­ner Mit­men­schen bli­cken.

So­bald es mir be­wusst wird, dass wir alle das­sel­be Ge­fühl tei­len, fühle ich mich frei und be­we­ge mich, als ob ich al­lein zu Hause in mei­nem Zim­mer wäre. 

Bes­ser ins Kri­te­ri­on

Das Kri­te­ri­on un­ter­stützt Ver­an­stal­tun­gen vom „Rand der Ge­sell­schaft“. Neu­er­dings wird dort das Fes­ti­val LGBT ver­an­stal­tet. Rechts­ex­tre­me haben bei die­sem Fes­ti­val drei Men­schen ver­letzt. Das Kri­te­ri­on stellt seine Räume für un­ab­hän­gi­ge Film­pro­duk­tio­nen zur Ver­fü­gung, or­ga­ni­siert Ta­gun­gen für stu­den­ti­sche- sowie zi­vi­le Or­ga­ni­sa­tio­nen, und setzt sich für aus der Re­gi­on stam­men­de Künst­lern ein.

Sol­che Ver­an­stal­tun­gen spre­chen ein al­ter­na­ti­ves, ur­ba­nes und of­fe­nes Pu­bli­kum an, das sich in der eta­blier­ten Welt nicht wie­der­er­kennt. Das Pro­gramm des Kri­te­ri­on zielt dar­auf ab, das Team­work zu för­dern, neue Ar­beits­er­fah­rung zu ma­chen, und nicht zu­letzt das Selbst­wert­ge­fühl bei jun­gen Bos­ni­ern zu stär­ken. Im Kri­te­ri­on fin­den nicht we­ni­ge junge Leute Ar­beit.

Nach An­ga­ben der Welt­bank, sind fast 58% der 15 bis 24jäh­ri­gen Bos­ni­er ar­beits­los. Sei­nen Mit­ar­bei­tern, die aus­schließ­lich Stu­den­ten sind, bie­tet das Kri­te­ri­on im­mer­hin eine vor­über­ge­hen­de Be­schäf­ti­gung bis zum Un­iab­schluss an. Jeder Mit­ar­bei­ter hilft bei der Or­ga­ni­sa­ti­on mit und trägt somit zum Er­folg der Ver­an­stal­tun­gen bei. Im besten Fall zur Si­lent-Dis­co.