Silbermond auf Stippvisite in Paris: "Je suis un perroquet"

Artikel veröffentlicht am 8. Juni 2012
Artikel veröffentlicht am 8. Juni 2012
Ob die Emo-Jungs von Tokio Hotel oder die urigen Rocker von Rammstein: Deutschsprachige Musik hat international umso mehr Erfolg, je kurioser sie ist. Kein Wunder also, dass die deutsche Band Silbermond im Ausland weitestgehend unbekannt ist: Sie ist einfach zu nett und skandalfrei – machte aber trotzdem in Brüssel, Amsterdam, London und natürlich Paris Station.

Paris, Dienstagabend, im 20. Arrondissement. Selten hat man in Paris so viele deutsche Stimmen auf einem Haufen gehört. Im Hof des alternativ-hippen Café-Restaurant-Klub-Komplexes La Maroquinerie herrscht Betriebsamkeit. Tickets gehen über die Kasse, ein deutscher Manager telefoniert laut mit seinem Handy, Getränke werden in der Abendsonne geschlürft, die durch die Glasfassade des Restaurants scheinen. Mittendrin sitzt die Band Silbermond, ganz artig um einen Holztisch gereiht. Kein Alkohol. Gleich ist Auftritt. Stattdessen antworten sie charmant auf die Fragen einer Reporterin der ARD. Einen Tag später sind sie im regionalen Nachrichtenradio zu hören – in ihrer Heimat.

Silbermond kommen aus Bautzen. Das ist in Ostdeutschland. Dort wo die Jugend zahlreichen Studien zu Folgen kaum Chancen hat. Stefanie, Andreas, Johannes und Thomas haben es dennoch geschafft. Sie stehen an diesem Abend in Paris auf der Bühne – nicht weil sie in Frankreich so erfolgreich sind (einen Charthit hatten sie hier nie), sondern weil sie einfach Bock darauf hatten. „Es haben sich in den letzten Jahren viele Fans gemeldet, die irgendwie im Ausland unterwegs sind – sei es für Au-pair oder Auslandssemester. Und dann haben wir uns gesagt: Die vierte Platte ist fertig, wie müssen mal vorbeikommen“, sagt Frontfrau Stefanie Kloß, zu deren Markenzeichen der schwarze Eyeliner und eine enge Lederjacke zählen – ebenso wie ihr Redebedarf. Stefanie quatscht viel.

Mai 2012

Auf der Bühne in der Maroquinerie verkündet sie deshalb einen Satz, den sie nach eigener Aussage selbst nicht versteht. Die anderen Bandmitglieder hätten ihn für sie aufgeschrieben. „Je suis un perroquet“ (Ich bin ein Papagei), liest sie von einem Zettel ab und das Publikum grölt vor Lachen. Französisch können sie wohl auch. Trotzdem wird an diesem Abend Deutsch gesprochen und gesungen.

In der ersten Reihe des kleinen Klubs, der an diesem Abend nur halb gefüllt ist, steht eine Gruppe treuer Fans, die so ziemlich jeden Text hörbar souffliert. Darunter ist auch der Song „Symphonie“, mit dem Silbermond 2004 seinen ersten Top5-Hit in Deutschland erzielte. In den folgenden Jahren haben sie immer wieder nach ganz vorn in die deutschen, schweizerischen und österreichischen Charts geschafft. Mit balladenhaften Pop-Rock-Nummern wie „Das Beste“, „Irgendwas bleibt“ oder ihrem neuesten Song „Himmel auf“ hat sich die Band eine treue Anhängerschaft zusammengespielt. Englische Titel spielen sie keine. Silbermond zählt zur „Neuen Neuen Deutschen Welle“, der Nachfolgegeneration deutschsprachiger Musiker wie Nena oder Falco aus den 1980ern. Im Gegensatz zu anderen Bands dieser Welle wie Wir sind Helden oder Juli sind sie allerdings noch immer unterwegs. Woran liegt‘s?

„Wenn wir uns mal wegen Alkohol übergeben, dann räumen wir es hinterher auf"

In der Presse trägt Silbermond das Label der Gutmenschen. Frontfrau Stefanie kann sich mit dieser Bezeichnung nicht so richtig anfreunden und würde gern einmal wissen, „was denn so einen Gutmenschen ausmacht“. Sie fände es wünschenswert, dass jeder Mensch von Natur aus gut ist – ohne dafür besondere Lorbeeren zu bekommen. Bassist Johannes hat hingegen eine humorvolle Erklärung für das Label parat. „Wenn wir uns mal wegen Alkohol übergeben, dann räumen wir es hinterher auf“, sagt er.

So sind die Silbermönde: Eine nette, eingeschworene Clique von vier Freunden, die sich als Jugendliche bei einem Musicalprojekt kennengelernt und trotz ihrer steilen Karriere als Band menschlich und sympathisch geblieben sind. Das merkt man auch in ihren Texten, die einen durchweg positiven Grundtenor haben – selbst wenn die Themen schonmal traurig sein können. „Es bringt ja nichts zu sagen, es ist alles doof. Es muss ja trotzdem irgendwie weitergehen. Und wir sind halt so Typen, die das rüberbringen“, sagt Stefanie. Das wird auch in ihrer neuen Single deutlich. In „Himmel auf“ geht es um das Schicksal von Menschen, Ausgrenzung und Überforderung: „Den kalten Himmel und das kalte Berlin/ Sie ist nicht gerne gesehen in dieser Stadt/ weil unser Netz sie nicht aufgefangen hat/ weil der Teufel seine Kreise um sie zog“. Im Song fragt Silbermond hoffnungsvoll: „Wann reißt der Himmel auf – auch für mich?“

Die Songs, mit denen die Band auf Erfolgskurs ist, sind meist seichter. Beim Konzert mutieren Silbermond aber überraschenderweise zu handfesten Rockern. Licht blitzt im Takt des Schlagzeuges auf, Stefanie singt sich die Seele aus dem Leib und Gitarrist Thomas legt ein Solo hin, das sich gewaschen hat. Ja, diese Band geht ab. Und so schwitzt auch die Maroquinerie in aufgeheizter Stimmung. Zum Schluss gibt’s sogar ein Crowd Surfing von Stefanie einmal quer durch den Klub. Und fertig. Danach packen sie zusammen, trinken französischen Wein aus weißen Plastikbechern und Schlagzeuger Andreas hat einen Stick mehr, der demnächst ins Haus seiner Oma wandert. Denn dort landet jeder Stick, den er an seinem Schlagzeug kaputt schlägt. Es wird nicht der letzte gewesen sein, den er für Silbermond zerhaut.

Illustrationen: Teaserbild ©Sony Music; Im Text/ Silbermond in Paris ©mit freundlicher Genehmigung von Silbermond; Videos: (cc)ErdbeerPfirsischx/YouTube, (cc)silbermondband/YouTube