Sihem Bensedrine, Ben Alis mutige Gegnerin

Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2006
Artikel veröffentlicht am 14. Oktober 2006

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Die tunesische Journalistin Sihem Bensedrine, 56, wurde in ihrem Heimatland bedroht, verhaftet und gefoltert – und doch nicht zum Schweigen gebracht.

Man muss nur fünf Minuten mit Sihem Bensedrine verbringen, um etwas von dem Engagement zu spüren, das diese zierliche Frau antreibt.

Zum Interview kommt sie zu spät, wofür sie sich, noch außer Atem, entschuldigt. Gerade als wir mit dem Gespräch beginnen wollen, klingelt das Telefon. Die Organisation für Freien Internationalen Meinungsaustausch (IFEX), deren wöchentliches Bulletin Bensedrine mit herausgibt, bittet zur Telefonkonferenz. Kurz diskutiert sie mit ihren Kollegen über die Redaktionslinie, dann verabschiedet sie sich hastig von der Besprechung und lässt sich schließlich seufzend in einen Sessel fallen.

Kampf gegen Unterdrückung

Trotz ihrer 56 Jahre wirkt Bensedrine jugendlich. Ihre dunklen Augen funkeln lebenslustig, die braunen Locken hat sie zu einem kurzen Zopf gebändigt. Seit vier Jahren ist Bensedrine nun schon im Exil in Hamburg. Hier, in einem Altbau im Schanzenviertel, hat sie eine Wohnung, in der sie mit ihrer Familie lebt. Ihre Tochter geht in Hamburg zur Schule, ihr Sohn studiert in Frankreich.

Gestern Abend ist sie aus Casablanca zurückgekehrt. Morgen früh fliegt sie nach Lagos, um dort an einer Konferenz des afrikanischen Netzwerkes von Organisationen für Meinungsfreiheit (NAFEO) teilzunehmen. Heute Vormittag musste sie deshalb nach Berlin, um sich ein Visum für die Einreise nach Nigeria zu besorgen.

„Es liegt nicht in meiner Natur, mich zu unterwerfen“ kommentiert Bensedrine ihre Lebensgeschichte. 1987 kam Zine El Abidine Ben Ali durch einen Staatsstreich in Tunesien an die Macht. Er schaffte die Pressefreiheit Anfang der Neunziger ab, gleichzeitig begann er, islamistische Fundamentalisten im Land zu bekämpfen.

„Viele Menschen wurden zu Tode gefoltert“, erzählt Sihem Bensedrine. Sie dokumentierte die Gewalttaten und sprach mit den Familienangehörigen der Opfer. Ihr Engagement kam nicht von ungefähr: Schon vor der Machtergreifung Ben Alis hatte sie sich für soziale Gerechtigkeit engagiert und war Vorstandsmitglied in der Tunesischen Liga für Menschenrechte. Als sich in den achtziger Jahren erstmals eine freie Presse in ihrer Heimat entwickelte, wurde sie Journalistin. „ Es war eine aufregende Herausforderung die Monopolstellung der offiziellen Staatspresse zu durchbrechen“, sagt sie.

Überwacht, verhaftet, gefoltert

Doch durch ihr Engagement wurde sie Ben Ali gefährlich. Er verordnete Repressalien gegen die Aktivistin und ihre Familie: Die Geheimpolizei überwachte die Familie jahrelang. Der Pass von Sihem Bensedrine wurde für sechs Jahre konfisziert, ihr Mann wurde zwei Jahre unter Hausarrest gestellt und verlor dadurch seine Existenzgrundlage, eine Farm. Der Hund der Tochter wurde erhängt. Sihem Bensedrine wurde mehrfach öffentlich verleumdet und auf der Straße verprügelt. 2000 wurden ihr im Gefängnis die Rippen gebrochen, ihre Wirbelsäule und ein Auge verletzt. Ein Jahr später wurde sie wieder verhaftet.

2002 lud die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte Sihem Bensedrine für ein Jahr an die Elbe ein. Als sich die Situation für die Journalistin in Tunesien nicht verbesserte, wurde das Stipendium mit Hilfe privater Sponsoren bis 2005 verlängert. Seit diesem Jahr ist sie Gast der internationalen Schriftstellervereinigung (PEN) in Deutschland.

Sihem Bensedrine mag Deutschland. Solange es keinen Machtwechsel in ihrem Land gibt, würde sie gerne bleiben. Die Tunesierin schätzt die Deutschen und ihren Lebensstil. Lachend meint sie: „ Mir gefällt, dass die Menschen bei Rot nicht über die Straße gehen. Hier respektieren alle die Vorschriften. In meinem Land gibt es keine Gesetze, die für alle gelten und auf die sich alle berufen können.“

Wie es für sie und ihre Familie im nächsten Jahr weitergehen soll, weiß sie nicht. „Meine Tochter möchte wissen, ob sie ihren Schulabschluss hier machen kann. Ich kann unsere persönliche Zukunft nicht planen.“ Ganz kurz wirkt sie, die Kämpferin, erschöpft. „Ich würde gerne nach Tunesien zurückkehren und dort ein ganz normales Leben führen.“

Scheinheiliges Europa

Während ihres Exils haben Sihem Bensedrine und ihr Mann Omar Mestiri das Buch „Despoten vor Europas Haustür“ geschrieben. Darin kritisieren sie, dass die EU die autoritären Regime in Nordafrika unterstütze. „ Wenn die demokratischen Staatsmänner Europas Diktatoren in Afrika tolerieren, dann dürfen sie sich nicht wundern, dass die Menschen aus diesen Staaten versuchen, nach Europa zu fliehen.“

Der Großteil der Bevölkerung Afrikas, beklagt Bensedrine, habe keinen Zugang zu den landeigenen Ressourcen und Geldern. „Wir wandern aus, weil wir in unserer Heimat keine Zukunft haben. Und Europa ist mitverantwortlich für diese Situation.“