Sigrid Verbert: Kochen und Bloggen für Europa

Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2010
Artikel veröffentlicht am 22. Januar 2010
Das Kochbuch Il Cavoletto die Bruxelles verspricht eine Reise direkt in den Kochtopf Europas. Die belgische Food-Bloggerin Sigrid Vebert meint sogar, dass wir Europäer zusammen mit dem Kochlöffel eine gaumenfreundlichere Wirklichkeit schaffen können.

Was ich mit Sigrid Verbert gekostet habe, nachdem wir uns an einem Tisch auf der Terrasse des Eataly, einer italienischen Restaurantkette, die lokal produzierte Delikatessen für jeden erschwinglich machen will, nieder gelassen haben, lässt sich nicht unbedingt als ein echter Brunch bezeichnen. Eigentlich waren wir schon recht satt, weil wir die letzten vier Stunden in den majestätischen Küchen eines önogastronomischen Restaurants damit verbracht hatten, im Rahmen von Sigrids Buchpräsentation, die kurz vorher stattgefunden hatte, ihre Kohlrezepte nachzukochen. In unserer unmittelbaren Nähe, unter einem grauen Novemberhimmel, der alle Vorurteile über die Piemontesen bestätigt, haben es sich die anderen zwanzig Leser und Blogger, die zum großen Palaver am Fuße der Turiner Mole eingeladen worden sind, bequem gemacht. So hat sich mein Treffen mit Sigrid von einem Interview zu einem zwanglosen Gespräch mit mehreren Teilnehmern entwickelt.

Drei Leidenschaften - ein Beruf

Die belgische Bloggerin mit dem Faible für Rosenkohl hat besonders in italien ErfolgIn den letzten Jahren ist Il Cavoletto di Bruxelles (Name der Website von Sigrid Verbert, auf Deutsch 'Rosenkohl'; A. d. R.) unter italienischen Internutzern (und nicht nur diesen) immer bekannter geworden. Mit ungefähr 7000 Besuchern und 21.000 Seitenaufrufen pro Tag ist Sigrids Blog eines der am meisten gelesenen im italienischen Netz. Liegt es vielleicht daran, dass sie über Dinge schreibt, die alle interessieren? In ihren Posts geht es um gutes Essen, traditionelle und neu entdeckte Rezepte, immer begleitet von schönen Fotos.

„Aber der Leitfaden bin ich”, betont Sigrid, „denn jedem Gericht entspricht eine Geschichte, eine Erinnerung, ein Gedanke oder ein Teil von mir.” Sigrid wurde vor 32 Jahren in Belgien geboren, ist zwischen Ostende und Brüssel aufgewachsen und hat schon immer zwei Leidenschaften gehegt: das Schreiben und das Kochen. Beinahe gäbe es noch eine dritte- das Fotografieren - aber ihr Vater, ein professioneller Fotograf, hat immer versucht, sie davon abzubringen, die Fotografie zu ihrem Broterwerb zu machen. „Ich habe dann Sprachen studiert, weil ich gerne kommuniziere. Mit 21 habe ich Erasmus in Sizilien gemacht und mich in Italien verliebt.” Sich auch in einen Italiener zu verlieben, war da ganz leicht, ebenso wie die Entscheidung, ihren Job bei der belgischen Tageszeitung Le Soir, bei der sie nach ihrem Studium zu arbeiten angefangen hatte, aufzugeben, um ihm nach Italien zu folgen.

„In Rom angekommen habe ich schnell verstanden, dass ich nicht länger als Journalistin arbeiten kann: Hier einen Beruf auszuüben ist schwieriger als in meiner Heimat und auch eine freie Mitarbeit bei Le Soir stellte sich als zu kompliziert heraus.” Daher entschied sich Sigrid dafür, zu ihren Büchern zurück zu kehren, um ihre zwei Leidenschaften zu verbinden und daraus einen neuen Beruf zu schmieden: „Ich habe mich dann für den Master des Gambero Rosso (ein italienischer Verlag, der einen bekannten Weinführer herausgibt, auf Deutsch: „roter Krebs”; A.d.R.) in önogastronomischer Kommunikation eingeschrieben. Damit hat die Verbindung von Schreiben, Kochen und Fotografieren wohl angefangen.” Seit 2006 verwöhnt Il Cavoletto di Bruxelles jetzt schon die Gaumen der italienischen Internutzer, während die hauptberufliche Bloggerin nebenbei für alle Bewohner des italienischen Stiefels fotografiert und kocht.

Fusion kommt in Italien gut an

Eine neue Form der fusion cuisine

In den letzten Wochen ist Sigrid Verbert im wahrsten Sinne des Wortes durch die Küchen Italiens gezogen: Der Anlass ist die Veröffentlichung ihres ersten Buches, Il Libro del cavolo (auf Deutsch: „Das Buch vom Kohl”; A.d.R.), das die für den Lebensweg der Autorin wichtigsten Rezepte und Bilder zwischen zwei Buchdeckeln versammelt. Die junge Belgierin hat aber nicht nur einen einzigartigen Beruf, sondern auch eine ganz neue Kochbuch-Form erfunden: „Ich musste mich mit einer Schwierigkeit auseinandersetzen, die man in Italien und anderswo immer häufiger antrifft: Um ein qualitativ hochwertiges Buch zu schreiben, in dem alle Details stimmen, musste ich einen kleinen, unabhängigen Verlag aussuchen und mich daher dafür entscheiden, mein Buch nicht über die klassischen Buchläden zu vertreiben, da diese eine Beteiligung von fast 60% des Buchpreises verlangen und so einen absurden Profit machen.”

Auf ihrer Reise wird Sigrid von den Lesern ihres Blogs beherbergt.

Daher ist  bisher nur im Internet erhältlich und Sigrid tourt durch Italien, um es in den Weinfachgeschäften und im gastronomischen Fachhandel anzupreisen. Auf ihrer Reise wird sie von den Lesern ihres Blogs beherbergt. Die zehn Kapitel, die das Buch umfasst, versammeln das Beste der belgischen, französischen, italienischen, ungarischen und spanischen Küche: Zehn Reisen also, die von Sigrids europäischem Leben erzählen. „Ich muss fast lachen, wenn ich daran denke, dass ich in einem winzig kleinen Land geboren bin, dass viele gerne in zwei Staaten spalten würden, auch wenn ich gar nicht verstehe warum.”

Schon nach kurzem Blättern im Kochbuch wird klar, warum in der Person der jungen Belgierin verschiedene Kulturen aufeinandertreffen: „Ist das nicht vielleicht der Sinn Europas? Wir sind unterschiedlich, so wie die typischen Gerichte, die wir essen, aber so wie verschiedene Kombinationen von Geschmacksrichtungen und gastronomischen Traditionen, die sich vermischen, etwas ganz Besonderes werden, können auch wir Europäer eine gaumenfreundlichere Wirklichkeit schaffen.” Sigrid lässt ihren Erinnerungen freien Lauf, erzählt von ihren letzten Reisen und der ersten, ihrem Erasmusaufenthalt, der ihrer Meinung nach für alle verpflichtend sein müsse und ihre Neugier, immer wieder neue Geschmacksrichtungen auszuprobieren, geweckt habe.

Ein Menü für Europa

Das Gespräch auf der Terrasse des Eataly wird immer lockerer. Sigrid blättert immer wieder durch ihre spanischen Rezepte, alle von dem Talent Ferràn Adriàs inspiriert - ihr kulinarisches Vorbild: „Auch er ist ein Meister der Küche, der verschiedene Geschmacksrichtungen und Traditionen verbindet und daraus etwas Einzigartiges macht, das vorher unmöglich erschien.” Ich schlage Sigrid daher ein Spiel vor: Stell dir vor, du musst eine bunt gemischte Gruppe zum Abendessen einladen. Gäste, die aus allen vier Ecken Europas kommen. Welches Menü würdest du ihnen vorsetzen, um allen Geschmäckern gerecht zu werden? Sigrid nimmt ihr Buch in die Hand und fängt an, ungeduldig zu blättern. Dann hellt sich ihre Miene auf: „So schwer ist das gar nicht: Um sicher zu gehen, sollte man sich für mediterrane Gerichte entscheiden, da die wirklich allen schmecken, und ausgefallene Gewürze und Zutaten hinzufügen, die allen neue Geschmackserlebnisse bescheren.”

Daher schlägt Sigrid vor, mit einem Antipasto aus Schwertfischfrikadellen, Pistazien und Mandeln und einem Gazpacho aus Tomaten und Erdbeeren anzufangen. Danach eine gute Pasta: Linguine mit Spargel und in Orangensaft marinierten Krebsen; ein schnelles Gericht, das von der traditionellen sizilianischen Küche inspiriert ist. Der Spargel und die Krabben sollten dabei, während die Pasta noch kocht, kurz in Olivenöl mit ein wenig Orangensaft angebraten werden. Die Linguine werden danach mit dem Spargel und den Krebsen in der Pfanne vermischt und mit viel Petersilie und ein bisschen Nudelwasser zu einer cremigen Soße verrührt. Und als Dessert? Kleine Törtchen mit Matcha-Tee und Himbeeren, um ein bisschen über den Tellerrand zu schauen und auch mal einen Nachtisch aus dem Fernen Osten zu probieren.