Shh(it) die Queen kommt – und die Iren fehlen

Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2011
Das Ereignis wurde als Gipfel des anglo-irischen Friedensprozesses bejubelt: der erste Besuch eines britischen Monarchen in der Irischen Republik am 17. Mai. Doch angesichts von Dublins leeren Straßen und der im Norden als ‚ernst‘ eingestuften terroristischen Bedrohungsstufe, gleicht der Besuch eher einer sehr kostspieligen Übung in Zynismus.

Von Kopf bis Fuß in Smaragdgrün gekleidet steigt Königin Elisabeth II. aus ihrem Privatjet – und begegnet einer komplett ungewohnten Kulisse. Ganz anders als bei der güldenen Hochzeitsprozession durch London vor ein paar Wochen warten hier keine Menschenmassen, werden keine Fahnen geschwenkt, stehen keine Übernachtungszelte. Stattdessen befindet sich die Queen auf einem kleinen, abgelegenen Flughafen, der unter dem grauen Himmel Irlands so gut wie verlassen daliegt – ausgenommen einer kleinen Ansammlung stocksteifer Soldaten sowie einer eng gedrängten Journalistengruppe, die erwartungsvoll mit ihren Kugelschreibern klickt. Die lächelnden, freundlichen Diplomaten, die die Queen begrüßen, machen weder eine Verbeugung noch einen Knicks – ein Etikettenverstoß, der in der britischen Presse zu einem wahren Zankapfel werden soll. Hastig wird ein einzelnes Schulmädchen mit einem einfachen Blumensträußchen zur Queen geführt, bevor man die Monarchin rasch in einen gepanzerten, schwarzen Range Rover packt.

1911 - 2011

Die Fensterscheiben des königlichen Gefährts sind verdunkelt und die Straßen, auf denen die Queen die Stadt durchquert, streng geheim. Die live-Berichterstattung ist wackelig und seltsam fern, da Videokameras, selbst die der öffentlich-rechtlichen irischen Rundfunkanstalt RTÉ (Raidió Teilifís Éireann), nicht zu nah an die Prozession gelassen werden. Dublins Phoenix Park, einer der weltweit größten Stadtparks und Standort von Áras an Uachtaráin, der Residenz des irischen Präsidenten, wurde evakuiert. Mitten auf der riesigen offenen Grünfläche wird die kleine Menschenmenge Zeuge eines seltenen Ereignisses: dem Spielen der britischen Nationalhymne auf irischem Boden. Dies wird postwendend von einem noch seltenerem Ereignis gefolgt: Englands Königin steht für die Nationalhymne der irischen Republik auf. Diesen Teil des Besuchs schneidet die britische Rundfunkanstalt BBC aus ihrer Berichterstattung aus.

Alle sind sich einig, dass dies ein bedeutendes Ereignis für beide Länder ist. Wo also sind 'alle'?

Dies ist der erste Besuch eines britischen Monarchen im Land seit 1911 und somit auch seit der Gründung des irischen Freistaates im Jahr 1922. Die lang erwartete Geste soll die wieder aufgenommenen, freundlichen Beziehungen zwischen Irland und Großbritannien unterstreichen – die Frucht des mühsamen Friedensprozesses, der im Aufbau einer neuen, inklusiven Politik in Nordirland mündete. Alle sind sich einig, dass dies ein denkwürdiges Ereignis für beide Länder ist. Wo also sind 'alle'?

Geisterstadt Dublin

Die unheimliche Leere wird zum ständigen Thema des Besuchs: Dublin wurde geschlossen. Der größte Sicherheitseinsatz in der Geschichte des irischen Staates hat die Stadt mit 25 Millionen Metallbarrikaden umgeben. Die Königin paradiert durch größtenteils leere Straßen, nur wenige 'gewöhnliche' Leute erhaschen einen Blick auf sie. Die Sicherheitsmaßnahmen schützten gegen mögliche Terrorangriffe, führen aber auch zu einem problematischen Mangel an fröhlichen, jubelnden Menschenmengen. Während die Queen im städtischen Garten der Erinnerung (Garden of Remembrance), der an alle für die irische Freiheit Gefallenen erinnert, eine Schweigeminute hält, hält die Bereitschaftspolizei Protestler durch Tränengas von den umgebenden Straßen fern. Doch das ferne Rufen und Johlen ist selbst über das Getöse der Sicherheitshubschrauber deutlich hörbar.

Die Medien freuen sich, dass die Queen Dublin in Sicherheit besuchen kann – und übersehen, dass Dublin zuerst evakuiert werden musste.

Für viele ist der Besuch nur eine weitere Publicity-Aktion in einem Friedensprozess, bei dem es oft mehr um Fotomöglichkeiten ging als um praktische Veränderungen. Die Medien freuen sich, dass die Queen Dublin endlich in Sicherheit besuchen kann – und übersehen dabei weitgehend die Ironie, dass Dublin hierfür zuerst evakuiert werden muss. Während des Besuchs werden in London und Dublin Bombendrohungen veröffentlicht (am Morgen des Besuchs fand man mehrere verdächtige Gegenstände), im Norden ist eine Splittergruppe der paramilitärischen IRA (Irish Republican Army) wieder auferstanden und in Belfast blickt man einer marching season entgegen, die Gewalt und Sektierertum verheißt (die „Marschsaison“ findet in Nordirland von April bis August statt und beinhaltet Aufmärsche verschiedener Gruppen, z.B. in Erinnerung an historische Ereignisse). Während die Queen aus einem gepanzerten Auto leeren Straßen zuwinkt, muss man sich fragen, was die beiden Regierungen zu beweisen versuchen und wem. Übrigens: Das Ereignis kostete geschätzte dreißig Millionen Euro.

Bild: Homepage (cc) stringberd/ Matt/flickr