Sexismus-Debatte: #aufschrei für Europa

Artikel veröffentlicht am 29. Januar 2013
Artikel veröffentlicht am 29. Januar 2013
Neu sind nicht die Altherrenwitze von Brüderle, Montezemolo oder Aznar – die scheinen in Europa eher flächendeckend. Doch der allgemeine Aufschrei, den der Fall Brüderle in Deutschland hervorgerufen hat, zeigt – dem Alltagssexismus geht es zunehmend an den Kragen.

Ein Herrenwitz. Das ist ein derber, frivoler Witz, der üblicherweise erzählt wird, wenn Männer unter sich sind, so steht es im Duden. Witze wie diese sind seit jeher das Steckenpferd von Italiens Ex-Premier Silvio Berlusconi, hochnäsig beäugt von der internationalen Presse. Nun tippen sich Kolumnisten und Meinungsmacher aber auch in Deutschland die Finger wund: Die aktuelle Sexismus-Debatte, die der letzte Woche erschienene Artikel 'Der Herrenwitz' von stern-Journalistin Laura Himmelreich losgetreten hat, ist auch hierzulande längst nicht mehr wegzureden. Zu viele Frauen und Männer haben reagiert – in Kommentaren, in Blogs und Sozialen Netzwerken.

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. In ihrer 3-seitigen Reportage zeichnet die 29-jährige Journalistin das Porträt des FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle, der sie am Vorabend des Dreikönigstreffens der FDP vor einem Jahr mit anzüglichen Sätzen auf ihre politische Fragestellung hin abgefertigt habe. "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“, habe Brüderle mit abschweifendem Blick auf ihren Busen gesagt. Im Gesprächsverlauf habe er die Hand der Journalistin genommen, diese geküsst und "Ich möchte, dass sie meine Tanzkarte nehmen" gesagt.

Oh, da hat dein Sender aber das Schönste geschickt, was er zu bieten hat!

Etliche Kolleginnen melden sich auf die Anfrage hin, ob auch sie in dieser Hinsicht bereits Probleme hatten. Zwei davon zitieren ebenfalls Brüderle. „Als ich 2009 Hospitantin beim Fernsehen war, sollte ich einen O-Ton mit ihm machen. Als er aus dem Auto stieg, meinte er: 'Oh, da hat dein Sender aber das Schönste geschickt, was er zu bieten hat'“, erzählt Rabea Ottenhues. „Später hat er dann vorgeschlagen, wir könnten für das Antextbild ja auch Arm in Arm die Straße entlang schlendern. Ich war 23 und fand das damals eher amüsant als sexistisch. Im Nachhinein betrachtet finde ich die Situation weniger amüsant, denn ich bin für sexistische Äußerungen und Kommentare viel sensibler geworden. Sie begegnen mir immer und machen mich echt wütend. Vor allem, wenn unterschwellig angenommen wird, eine Frau sei sowieso nur in ihre berufliche Position gekommen, weil sie gut aussieht oder dem Chef schöne Augen gemacht hat. Sowas hat man ja auch Annett Meiritz in Bezug auf ihre Recherchen bei der Piratenpartei vorgeworfen.“

Eurosexismus mit Aznar, Strauss-Kahn und Montezemolo

Doch das Problem heißt nicht Brüderle. Diese amüsanten Ausweichmanöver sind eine beliebte Methode zur (immer noch) hauptsächlich männlichen Machtdemonstration. Unter italienischen Journalistinnen ist Luca Cordero di Montezemolo, Präsident der Confindustria und Verwaltungsratsvorsitzender bei Ferrari, der sich für eine zweite Regierung Monti einsetzt, aktuell der meistzitierte Sabberer, wenn man sie mit der Sexismus-Debatte konfrontiert. Elena Boromeo von der italienischen Presseagentur Dire erinnert sich gut an einen Abend im Theater Valle in Reggio Emilia, als Montezemolo lächelnd das Gesicht einer Kollegin streichelte, ohne auf ihre Frage einzugehen. Auch Mariangela, Journalistin beim Finanzkanal Class CNBC, musste den Romeo während eines Gipfeltreffens in China bereits mehrmals zurechtweisen.

Und wir müssen in puncto alltäglicher Sexismus nicht nur in Italien bleiben: Da wäre der ehemalige spanische Ministerpräsident Aznar, der 2006 der attraktiven Journalistin Marta Nebot auf ihre Frage zur baskischen Unabhängigkeitsbewegung hin einen Kugelschreiber ins Dekolleté steckt.

Oder die französische Journalistin Tristane Banon, die gegen den ehemaligen IMF-Chef Dominique Strauss-Kahn Anklage wegen Vergewaltigung erhoben hatte, nachdem sie ihn 2003 in einer Pariser Wohnung interviewt hatte. DSK sei damals „wie ein brünftiger Schimpanse“ über sie hergefallen. Das Verfahren wurde – da verjährt - allerdings eingestellt.

In Deutschland wirft man Himmelreich prompt vor, unprofessionell gearbeitet zu haben. Die falsche Frage habe sie gestellt ("Ich möchte von ihm wissen, wie er es findet, im fortgeschrittenen Alter zum Hoffnungsträger aufzusteigen."). Zur falschen Zeit veröffentlicht. Zur falschen Zeit am falschen Ort sei sie außerdem gewesen (Mitternacht, Hotelbar). Ganz falsch überhaupt, mit jungen Frauen zu sprechen, befindet der thüringische FDP-Generalsekretär, der sich von nun an nur noch mit „alten grauen Redakteuren“ abgeben möchte. Falsch, falsch, falsch.Rabea: „Brüderle halte ich wirklich für sexistisch und anzüglich. Aber man muss natürlich auch sehen, dass das Thema jetzt zu einem sehr strategischen Zeitpunkt aufgebracht wurde. Als ich damals in die Redaktion zurückkam und von meinen Erlebnissen mit Herrn Brüderle berichtete, wäre niemand dort auf die Idee gekommen, das als Thema aufzugreifen. Auch ich habe nie daran gedacht, daraus ein Thema für einen Artikel zu machen.“

Und wenn Himmelreich alles richtig gemacht hätte?

Schön und gut, wäre da nicht ein allgemeiner Aufschrei, der sich in den Tagen nach der Veröffentlichung unter dem gleichnamigen Hashtag #aufschrei wie ein Lauffeuer über das soziale Netzwerk Twitter verbreitet hat. Anne Wizorek heißt die Nerdette mit Wohnsitz Internet und Berlin (so heißt es auf ihrer Webseite), die den Stein kurz nach dem Herrenwitz ins Rollen brachte. Dort kann man lesen, dass ibotrampe „während ihrer Journalistenzeit mehrfach Exklusivstories gegen sexuelle Gefälligkeiten angeboten“ wurden. Oder dass Kati Kürsch sich beim Anziehen morgens viel lieber fragen würde "Fühle ich mich darin wohl?", anstatt: "Ist der Ausschnitt okay oder werde ich angemacht?" Mittlerweile hat #aufschrei bereits sein internationales Pendant #outcry. Auch ein tumblr namens rainerbruederlelookingatgirls und eine Webseite für Sexismus im Alltag stehen inzwischen online.

Leider besteht wie allzuoft in Sexismus-Fragen die Gefahr der Schwarzweiß-Malerei. Dabei haben auch Männer ihre Zustimmung auf Twitter bekundet. Und: „Auch unter Frauen gibt es Sexismus. Eine Kollegin, die für die Öffentlich-Rechtlichen arbeitet, sagte mal zu mir: 'Also hübsche Frauen kann ich einfach nicht so ernst nehmen.' Die Aussage hat mich wirklich sprachlos gemacht“, erinnert sich Rabea. Die Sexismus-Debatte wird wohl erst dann verklingen, wenn sich die Machtverhältnisse in Europa und anderswo gleichmäßiger verteilen und wenn zur Fernsehtalkshow nicht der Chefredakteur, sondern die betroffene Journalistin selbst Auskunft gibt.

Illustrationen: Teaserbild (cc)KrisKesiakPhotography/flickr, Stop (cc)norte_it [Dario J Lagana]/flickr, tumblr (cc)rainerbruederlelookingatgirls; Videos: Aznar (cc)viejomoeb/YouTube