Sex-Bus: Küssen schadet der Gesundheit in Istanbul

Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2011
"Kein Sex in meinem Bus!": Am 17. April forderte der Fahrer eines städtischen Busses in Istanbul ein junges türkisches Paar zum Aussteigen auf, da er ihr Küssen und Händchenhalten in der Öffentlichkeit obszön befand.
Seitdem hat sich die Lage verschlimmert: Während einer der Fahrgäste, der 28-jährige Politikstudent Gökçe Koç, an der Haltestelle Taksim Square mit dem Fahrer diskutierte, um das Paar zu verteidigen, wurde er von einem zusteigenden Fremden angegriffen. Gökçe und ich chatten über den Vorfall auf Facebook, wo er die Protestgruppe namens Seks Otobüsü34 TN 1992 25T (Sex-Bus Nr.34 TN 1992 25T) gestartet hat.

Gökçe, was ist seit dem Vorfall in Istanbul passiert?

Der Fahrer wurde während der Untersuchungen vorübergehend beurlaubt. Am 24. April haben rund vierzig junge türkische Paare an Bord des gleichen Busses protestiert, indem sie während der Fahrt Händchen hielten und sich küssten. Einige Islamisten starteten daraufhin eine Gegendemonstration und kündigten online an, dass sie ebenfalls zusteigen und dabei Scheitelkäppchen (eine religiöse Kopfbedeckung; A.d.R.) tragen würden. Eine islamistische Kolumnistin, Esra Elönü, unterstützte sie, doch die meisten anderen waren dagegen.

Wie steht es um die Berichterstattung der Medien seit dem Ereignis?

Viele Zeitschriften und Sender bitten mich um Interviews, aber ich weise die meisten ab. Ich will nicht das öffentliche Gesicht des Zwischenfalls werden. Es geht hier nicht bloß um mich, sondern um jeden, der die moderne türkische Republik verteidigt. Taksim Square, wo sich der Zwischenfall ereignet hat, ist nicht nur wortwörtlich das Zentrum von Istanbul, sondern auch das Zentrum der modernen Türkei. Ich wurde in Taksim geboren und wuchs dort auf und war immer stolz darauf. Ich bin enttäuscht, dass mich dort keiner unterstützte. Doch der islamische Einfluss auf die moderne türkische Gesellschaft war schon immer ein Problem. In den letzten zwanzig Jahren hat sich eine sogenannte‚ warme islamische Politik entwickelt. Bei dem Vorfall damals reagierte niemand, weil die türkische Bevölkerung Angst vor der Obrigkeit hat.

Haben du oder das Paar gegen das Gesetz verstoßen?

Nein. Ich verstieß gegen ein Tabu. Der Fahrer sagte: „Das ist nicht der richtige Platz, um Sex zu haben“. Ich antwortete, dass der Bus nicht zur Ideologie der aktuellen Regierung gehört. Seit 1994 – mit dem Wahlerfolg der islamistischen Refah-Partei und dem Amtsantritt von Recep Tayyip Erdoğan als Istanbuls Bürgermeister – werden die meisten öffentlichen Arbeiter in der Türkei wegen ihrer Ideologie, familiären Verbindung oder religiöser Gemeinschaft eingestellt. Diese Praxis wird kadrolaşma oder 'Stellenschieberei' genannt.

Warum wollen die Türken heute andere Dinge als während der Atatürk-Periode?

Mustafa Kemal Atatürk hat die Türkei extrem verwestlicht und modernisiert. Aber nach seinem Tod 1938 war er quasi omnipräsent. Sein Name wurde jedem Stadion, Flughafen und öffentlichen Plätzen verliehen. Diese Überdosis störte einige der rechten Szene und bewirkte in der Gesellschaft letztendlich das Gegenteil.

Bedeutet die Tatsache, dass Atatürks Revolution die öffentliche Meinung nicht grundlegend änderte, dass die Veränderungen nur ein Fake waren?

Atatürks Revolution war nicht gefaked, auch wenn sie das Arbeitslosigkeitsproblem nicht löste. Leute nähern sich Parteiideologien oft nur, wenn man ihnen eine bessere wirtschaftliche Situation verspricht. Als die regierende Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (Adalet ve Kalkınma Partisi, AKP) 2003 an die Macht kam, löste sie das Inflationsproblem. Wirtschaftliche Stabilität zieht sogar sehr wichtige Intellektuelle an und Leute, die sich selbst für modern halten. Es ist wie früher in der Islamischen Republik Iran. Die türkische Bevölkerung hält die islamische Bedrohung für einen Witz, dabei ist es eigentlich eine Frage des Bewusstseins. Gebildete Leute denken wie ich.

Aber der Premierminister ist doch gebildet, oder etwa nicht?

Erdogan besuchte eine Religionsschule, die İmam Hatip. (İmam-Hatip-Schulen sind staatliche Berufsfachgymnasien für die Ausbildung zum Vorbeter (Imam); anschließend studierte Erdogan Wirtschaftswissenschaften an der staatlichen Marmara-Universität; A.d.R.).

Kann man die ideologische Einstellung der Jugendlichen verallgemeinern?

Jeder moderne Verteidiger der Türkei denkt, dass wir immer mehr wie der Iran werden.

Es herrscht eine tiefe Kluft, sogar in meiner eigenen Generation. Jugendliche sind religiös, wenn es ihre Eltern sind. Viele Familien sind noch immer streng gläubig. Oft waren Großeltern in ihrer Jugend weltlicher als ihre Kinder jetzt. Das Kopftuch war nicht so weit verbreitet wie heute, besonders in den westlichen Städten. Es ist alles eine Frage der Bildung. Fethullah Gülen, der geheime Kopf der türkischen Islamisierung, bietet Stipendien für junge Studenten an, gründet Missionarschulen von Afrika bis Kanada und hat einen großen Einfluss auf die türkische Innenpolitik.

Hat die EU-Politik in puncto Türkei-Beitritt die Ideologien im Land verändert?

Allerdings! Die Türkei muss sich in die EU integrieren, um die Bedrohung durch die Islamisierung zu bekämpfen. Jeder moderne Verteidiger der Türkei denkt, dass wir immer mehr wie der Iran werden. Zurzeit scheint das vielleicht noch übertrieben, aber in der Zukunft ist das durchaus möglich. Fremde sind oft von der Fortschrittlichkeit des Landes überrascht, da sie glauben, dass die Türkei sehr mystisch und hinterweltlich ist. Aber sie sehen nur die Oberfläche. In Wahrheit ist die Türkei ein sehr konservatives, nationalistisches Land. Ausländer interpretieren 'islamisch' als 'orientalisch' und respektieren es, da viele EU-Länder Multikulturalismus fördern. Sie sehen die Bedrohung nicht – das ist Blindheit. Diese Dummheit hängt mir echt zum Hals raus. Manche Leute können die Bedeutung von Freiheitsrechten und Fortschrittlichkeit einfach nicht sehen. In einem Monat finden in der Türkei Wahlen statt. Die Lage ist sehr gespannt, denn diese Wahl entscheidet über die Zukunft der Türkei. Für uns ist es die letzte Möglichkeit für Veränderungen.

Fotos: (cc)∆ matt caplin ∆/ Matt Caplin/flickr/ noinever.blogspot.com; Seks Otobüsü (‘Sex Bus Nr. …’): 34 TN 1992 25T