Sevilla setzt bei der Stromerzeugung auf Archimedes

Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2011
Im März 2011 überstieg in Spanien der Anteil der Windenergie zum ersten Mal in der Geschichte erneuerbarer Stromquellen den von Atomenergie. Eine erfreuliche Nachricht für die Verfechter regenerativer Energien. Doch sie birgt ein Paradox: Wie kommt es, dass 2010 im sonnigsten Land Europas 16 % der Elektrizität durch Wind produziert wurde, aber nur 2,7 % durch Sonne?
Ein Blick nach Sevilla, wo die Sonne 3 000 Stunden pro Jahr scheint.

Von derEin Gesetz machte ihre Nutzung bei jeglichem Neubau und jeglicher Renovierung obligatorisch. Heute gibt es davon in Andalusien 700 000 m². Spitze des ehemaligen Minaretts La Giralda im Herzen Sevillas aus kann man lange suchen: Auf den städtischen Dächern sieht man praktisch keine Fotovoltaik-Anlagen. Pablo Alonso, der geschäftsführende Direktor von Irradia – einer Firma für Anlagen erneuerbarer Energie, die in Sevillas Umgebung Fotovoltaik-Installationen mit einer Leistung von 30 Megawatt (ein Megawatt oder MW entspricht einer Millionen Watt) gebaut hat – erklärt das folgendermaßen: „Die Dächer bieten nur wenig Platz, Installationen wären also klein und nur schwer zu rentabilisieren.“ Aus diesem Grund haben sich die Unternehmen des Sektors auf den Bau von 'Solar-Bauernhöfen' spezialisiert: bis zu mehrere Hektar große Installationen, entweder auf den Dächern von Industrie- und Dienstleistungs-Gebäuden oder auf dem freien Feld. „So konnten wir bedeutende Einsparungen erreichen und den Preis der Fotovoltaik-Produktion um 70 % senken“, erklärt der junge Unternehmer, der Mitglied der spanischen Industriellen Fotovoltaik-Organisation ASIF (Asociación de la Industria Fotovoltaica) ist. Trotz dieser positiven Entwicklungen, macht die Fotovoltaik-Branche derzeit eine schwierige Zeit durch. Der Grund: „Fotovoltaik-Anlagen erfordern hohe Investitionen und vor allem einen klaren, rechtlichen Rahmen. Die Regierung aber war die letzten Jahre über nicht konsequent.“ So erlebte der Sektor zwischen 2007 und 2008 zwar dank öffentlicher Hilfen einen wahren Boom, doch als der öffentliche Finanzhahn allmählich zugedreht wurde, fiel der Bereich einer äußerst negativen Pressekampagne zum Opfer. Auch das folgende allgemein unsichere Klima bremste Investitionen. Ende 2010 verpasste die Madrider Regierung der Fotovoltaik-Branche den endgültigen Schlag, indem sie ihre Unterstützung noch weiter senkte, ohne Garantien für die Zeit nach 2013 zu geben…

Aufschrei über Fotovoltaik

Dämpfer! Die meisten Hersteller von Fotovoltaik-Zellen befinden sich in China und Indien.

Die Entscheidungen aus Madrid mögen die Professionellen der Branche auf die Palme treiben, doch die andalusischen Autoritäten überrascht sie nicht. „Es ist klar, dass die Regierung in dieser Krisenzeit Einsparungen machen muss“, sagt Mónica Sánchez Astillero, Chefin der Planungsabteilung der Andalusischen Energieagentur AEE (Agencia Andaluza de la Energía). „In der regionalen Politik hatten wir uns das Ziel von 400 MW Solarzellen bis 2013 gesetzt; jetzt sind wir schon bei 700 MW.“ Das ist ein zweischneidiges Argument in den Händen derer, die die Investitionen in die Fotovoltaik-Technologie stoppen wollen – wie beispielsweise José Manuel Izquierdo, Leiter der Grupo Textura, einem Think Tank mit Sitz in Sevilla, der das Thema erneuerbare Energien aus sozialer und kultureller Perspektive hinterfragt. „Das Kosten-Nutzen-Verhältnis dieser Technologie ist unbefriedigend“, behauptet Izquierdo. „Außerdem befinden sich die meisten Hersteller von Fotovoltaik-Zellen in China und Indien, was die ökologische und gesellschaftliche Bilanz dieser Technologie ziemlich dämpft.“ Solch eine Aussage lässt Pablo Alonso von seinem Sessel aufspringen. Alonso zählt die Mitglieder des spanischen Fotovoltaik-Verbands ASIF (Asociacion de la Industria Fotovoltaica) auf, die schließen mussten oder kurz davor sind, und ruft aus: „Das sind alles kleine und mittelständische Unternehmen, die lokale Arbeitsstellen schaffen, die nicht ausgelagert werden können. Mit einem stabilen Markt und einer konsequenten Politik hätten sie eine lokale Produktion entwickeln können wie es in Deutschland der Fall war.“

Andalusien entdeckt Archimedes' Sonnenspiegel (wieder)

DieIn der Region gibt es sechs aktive Installationen, die insgesamt 331 MW produzieren. Das Ziel: 800 MW bis 2013. andalusische Schmähung von Fotovoltaik liegt daran, dass die Region ein neues Steckenpferd gefunden hat: Solarthermik. Diese Technologie wurde 1977 vom spanischen Technologiezentrum für erneuerbare Energien CTAER (Centro Tecnológico Avanzado de Energías Renovables) durch die Solar-Plattform im Hafen von Almeria auf den neuesten Stand gebracht. Sie basiert auf der gleichen Methode wie die der Sonnenspiegel des antiken griechischen Ingenieurs Archimedes: Als Syrakus von einer römischen Flotte belagert wurde, soll er mit Hilfe von Spiegeln das Sonnenlicht gebündelt und auf die Schiffe gelenkt haben, sodass diese in Feuer aufgingen. In Sevilla bringen heute die durch mobile Spiegel gebündelten Sonnenstrahlen eine Flüssigkeit zum Kochen, die wiederum Turbinen antreibt. „Die Technologie ist mittlerweile ausgereift und wird vom Unternehmen Abengoa in dem Technologiepark Solucar vor Sevilla kommerziell genutzt, “ erklärt José Manuel Izquierdo. Seit 2006 wurden drei Solartürme gebaut: riesige Installationen – mehrere Hundert Hektar an Spiegeln, die in die Richtung der 50 bis 165 Meter hohen Türme zeigen und die Blicke der Flugpassagiere bei ihrer Landung auf Sevillas Flughafen gefangen nehmen.

Doch die Türme haben auch Auswirkungen auf die Landschaft von Sanlucar la Mayor, einem kleinen, von Weizenfeldern umgebenen Städtchen. Manuel Jesus Bernal, Saisonarbeiter beim Betrieb Casa Quemada, welchem die Felder von Abengoa gehören, ist allerdings skeptisch: „Ganz ehrlich, die Türme stören die Landarbeit nicht.“ Im Gegenteil, der Ort ist sogar stolz auf seine Türme. So machte zum Beispiel Prinz Charles von England Anfang April bei seiner offiziellen Spanienreise in dem Städtchen halt. Die Meinung auf der Terrasse eines Cafés, das von den Angestellten der Firma besucht wird, ist einhellig. „Die Ankunft von Abengoa hat den Jugendlichen von Sanlucar neue Perspektiven gegeben“, kann man hören. „Die Jungs haben alle einen Vertrag und werden sehr gut bezahlt.“ Eine nicht zu vernachlässigende Tatsache in einer Region, die von Arbeitslosigkeit und Schwarzarbeit geprägt ist.

Falsche Diskussionen und echte Möglichkeiten

HeutObwohl der Master vollständig durch öffentliche Mittel finanziert wird, ist er eng mit dem Unternehmen Abengoa verbunden.e gibt die Sonne in Andalusien mehr als 20 000 Menschen Arbeit, von denen ein Drittel in der Fotovoltaik-Branche arbeiten, 45 % in der Solarthermik und der Rest in der Solarerwärmung. Professor Manuel Silva Pérez des Lehrstuhls für Energietechnik der Ingenieursschule von Sevilla sieht keinerlei Grund, Fotovoltaik und Thermodynamik abzulehnen: „Es handelt sich in beiden Fällen um erneuerbare Energien und jede Technologie hat ihre Vor- und Nachteile.“ Auch Studenten sind von Thermodynamik begeistert: „Ein Viertel unserer Studenten schreiben Doktorarbeiten über dieses Thema. Und wir verzeichnen immer mehr europäische Studenten, vor allem italienische und deutsche Erasmus-Studenten, aber auch Amerikaner.“ Für sie alle liegt die Zukunft im Solarstrom.

Dieser Artikel ist Teil der Teil unserer diesjährigen Reportagereihe Green Europe on the Ground 2010/2011.

Fotos: ©Andrea Paracchini