Serbien – Zwischen Exit, Roma und dem eigenen Image

Artikel veröffentlicht am 25. August 2011
Artikel veröffentlicht am 25. August 2011
Roma und Serben „Verloren und versucht seinen Weg zu finden“, so beschreibt Senka Korac (28) von cafebabel Belgrad ihr Heimatland. „Serbien ist das größte Land auf dem westlichen Balkan, nicht nur gemessen an der Fläche, auch was die Bevölkerungszahl angeht.“ setzt Senka fort. „Eigentlich sollte Serbien dafür sorgen, dass hier in der Region Stabilität herrscht.
Das kann aber nur geschehen, wenn Serbien aufhört, selbst Probleme zu verursachen.“  Es gibt einige Punkte die auch international immer wieder zu Problemen führen, wie etwa Korruption oder die Kosovo-Frage. Ein weiteres Problem, welches uns auf dem Balkan immer wieder begegnet, ist das der rivalisierenden ethnischen Gruppen. Senka sieht den Scheinwerfer des internationalen Interesses aber fehlgerichtet.

„Es ist doch so, dass, wenn es um ethnische Gruppen geht, es immer nur um Serben, Kroaten, Bosniaken oder letztlich auch um Albaner und Montenegriner geht. Doch am schlimmsten geht es hier den Roma. Darüber redet allerdings keiner, weil es einfach üblich ist, nicht darüber zu reden. Ich meine, es gibt da schon Organisationen, welche sich darum kümmern, aber ich denke der Zustand dieser Leute ist immer noch bedenklich. Vor einiger Zeit habe ich eine Fernsehsendung gesehen, in der sich eine Frau auf eine Zeitungsannonce bewarb. Es handelte sich um eine Stelle als Hausmädchen. Im Gespräch wurde besprochen um welche Arbeitszeiten es sich handeln soll und wie die Bezahlung sein würde… Alles war in Ordnung. Am Ende des Gespräch sagte die Bewerberin: ‚Ach ja, ich bin Roma. Ich hoffe das ist kein Problem?‘  Da hat die Frau am anderen Ende der Leitung einfach aufgehängt. Das fand ich schockierend. Doch nicht nur das. Vor einiger Zeit wurde ein Video veröffentlicht, das einen Polizisten zeigt wie er einen Roma-Mann schlägt, während er ihm Fragen stellt. Der Polizist hatte den Mann aus irgendeinem Grund festgehalten. Und das war ein ganz klarer Beweis für Polizeibrutalität gegenüber Roma. Dann wurde jetzt irgendwann ein Artikel veröffentlicht, in dem erklärt wurde, der Mann habe ein paar Tage später eine Tafel Schokolade geklaut oder so etwas. Und auf einmal hieß es ‚Ach, na dann ist es ja nicht so schlimm, dass der Polizist ihn verdroschen hat‘. So werden hier Verbrechen gegenüber Roma gerechtfertigt.“.

Schätzungsweise eine halbe Millionen Roma leben in Serbien. Gesellschaftliche Benachteiligung ist ebenso an der Tagesordnung wie Übergriffe rechtsradikaler Jugendlicher. In und um Belgrad gibt es zahlreiche Slums. Immer wieder lässt die Stadt Behausungen der Roma niederreißen ohne ihnen eine alternative Wohnmöglichkeit anzubieten. Sie werden praktisch auf die Straße geworfen. Kurzum; die Mehrheit der Serben will die Roma nicht. Ein schwieriges Los für eine Bevölkerungsgruppe, welche in keinem Land der Welt eine Bevölkerungsmehrheit stellt und nahezu überall unerwünscht ist. Zwar setzen sich zahlreiche Menschenrechtsorganisationen für die Roma ein, zu einer Verbesserung der Lage hat das bisher aber noch nicht wirklich geführt.

Ein Wimbledongewinner und der Kosovo

Tennis ist in Serbien dieser Tage einfach alles. Während in anderen Großstädten Europas vornehmlich Fußball auf den Mattscheiben flimmert, erzählt man sich in Belgrad von den Heldentaten der Jelena Jankovic, Ana Ivanovic und natürlich des Novak Djokovic, welcher kürzlich als Nummer 1 der Weltrangliste und Wimbledongewinner heimkehrte und eine ganze Millionenstadt in Verzückung versetzte. Zehntausende fanden sich vor dem Parlament der Republik Serbien ein und huldigten ihrem Heilsbringer, welcher sich nach dem Feiern mit seiner Lieblingsband schließlich noch zu ein paar nationalistischen Worten hinreißen ließ.  „Der Kosovo ist das Herz von Serbien.“, verkündete er, nachdem eine Gruppe serbisch-kosovarischer Kinder eine 15 Meter lange Serbische Flagge auf die Bühne brachte. Der Jubel war gewaltig. Im Hinblick auf die gespannte Lage und eskalierende Gewalt im Norden des  Kosovo, möglicherweise ein unüberlegter Schritt eines Mannes mit Vorbildfunktion, jedoch durchaus die Meinung der meisten Serben – und das seit der Schlacht auf dem Amselfeld (1389). Auch cafebabel Redakteur Aca Todorovic (27) teilt diese Meinung:

„Die Hauptstadt von Jugoslawien war nun mal in Serbien. Und als Land ist es doch nur normal, seine Grenzen zu verteidigen, wenn jemand versucht diese niederzureißen. Das würde doch in anderen Ländern auch nicht geduldet werden. Ich will auf keinen Fall irgendwelche Kriege verteidigen, aber ich glaube uns wird zu Unrecht die Rolle des Bad Boy vom Balkan zugewiesen. Wahrscheinlich sind wir dem Westen nicht sympathisch genug.  Beim Kosovokonflikt liegt die Sache ja nochmal anders. Der Kosovo hatte im Gegensatz zu den sechs Teilrepubliken des ehemaligen Jugoslawiens nicht das verfassungsmäßige Recht, eine eigenständige Republik zu gründen, da es sich beim Kosovo lediglich um eine autonome Provinz handelte. Im Ausland wird von den meisten Medien einfach ein falsches Bild verbreitet, denn so schlimm sind wir nicht - wie ihr seht. Das ist auch der Grund, warum ich cafebabel für eine wirklich gute Sache halte. Sie geben den Menschen von hier eine Stimme, die auch in Europa wahrgenommen wird. Da wir kein echter Teil von Europa sind, werden wir dort auch nicht gehört. So wird sich auch das serbische Image nicht verbessern, was möglicherweise Auswirkungen auf unsere europäische Perspektive hat.“ Auswirkung auf die europäische Perspektive hat mit Sicherheit auch der Kosovo-Streit und die Art und Weise wie dieser beigelegt wird. Bei diesem Thema wollen sich die Serben aber von keinem reinreden lassen, wie Boris Tadic kürzlich klargestellte. Ein anderes Problem, welches gelöst werden konnte, war das Aufgreifen des Kriegsverbrechers Ratko Mladic, welches von vielen mit „Gott sei Dank ist diese Scheiße endlich vorbei!“ aufgenommen wurde.

Exit Jugoslavia! – Join the EU?

Das Festival wurde im Sommer 2000 von Studenten der Universität Novi Sad gegründet. Im ersten Jahr als kulturelle Alternative und Protestaktion gegen das Milosevic-Regime geplant, entwickelte sich das Exit, trotz einiger finanzieller Probleme, schnell zu einem der größten Musikfestivals Europas. Die Liste der Künstler ist lang und hochkarätig. So sind bereits Bands wie Placebo, Beastie Boys, Arcade Fire, Korn oder Franz Ferdinand in der Petrovaradinischen Festung aufgetreten. Im Jahr 2007 wurde das Exit von den UK Festival Awards als bestes europäisches Festival ausgezeichnet. Was zahlreiche Briten dazu veranlasste, sich die Sache einmal genauer anzusehen. Seitdem wird Novi Sad jedes Jahr von vagabundierenden Horden britischer Party-People eingenommen. Das mag auch an den durchaus niedrigen Preisen liegen. Vier Tage feinste Musik sind ab 70 Euro (60 für serbische Studenten) zu haben. Das Festival-Volk besteht allerdings nicht nur aus Insulanern. Für viele junge Serben ist das Exit der Höhepunkt des Jahre. „Man freut sich schon Monate im Voraus auf das Exit-Festival und kann es kaum erwarten, dass es los geht. Im Umkehrschluss heißt das allerdings auch, dass, wenn es dann vorbei ist, man wieder der unerträglichen Wartezeit von einem Jahr ausgesetzt ist.“ meint Zoran aus Subotica im Vorfeld und fängt bei der Gelegenheit auch gleich an sich schon mal warm zu tanzen. Nach in den letzten Jahren rückläufiger Besucherzahlen konnte das Exit in diesem Jahr einen neuen Rekord feiern – 210.000 Menschen kamen nach Novi Sad. Neben den Bands tummeln sich zahlreiche Menschenrechts- und Umweltorganisationen innerhalb und außerhalb des Festivalgeländes. Ist der Geist des Exit also eine Art Türöffner für Europa?

„Da haben wir noch einen ganz schönen Weg vor uns.“ meint Senka. „In den wohlwollendsten Schätzungen ist von 10 Jahren die Rede. Viel wurde während den 90er Jahren ruiniert. Aber am wichtigsten ist, dass sich die Leute ändern. Denn wenn sich die Leute nicht ändern wird sich auch das System nicht ändern. Also hoffen wir, dass nichts Außergewöhnliches passiert, wie etwa ein weiterer Krieg.“ Allerdings verlassen heutzutage viele junge Menschen das Land, da es für sie zu wenig Perspektiven und zu wenig Geld zu verdienen gibt. Mit ihnen gehen natürlich auch ihre Ideale und der Wille, etwas zu ändern. „Die jungen Menschen sind Serbiens größte Stärke und, dass man sie nicht halten kann, die größte Schwäche. Deswegen könnte das Unterfangen EU-Beitritt ein Schwieriges werden. Es ist halt irgendwie einfacher anderswo Serbe zu sein als in Serbien. Wir sind – so würde ich es sagen – Opfer unseres eigenen Images. Das ist wohl Ironie des Schicksals. Trotzdem denke ich, dass es in Zukunft bergauf geht.“