Senegal: Gesundheitsversorgung gemeinschaftlich bezahlen

Artikel veröffentlicht am 16. Juni 2008
Artikel veröffentlicht am 16. Juni 2008
In der Region Thies im Senegal werden jedes Jahr drei genossenschaftliche Krankenversicherungen gegründet. Das System der Medizinkostenerstattung ist in den ländlichen Gegenden äußerst erfolgreich.

"Die Unterstützung ist nicht dauerhaft. Die Leute müssen selbst Verantwortung übernehmen. Und wir wissen, dass man von Seiten des Staates nichts zu erwarten hat", erklärt Thomas Diop, Präsident der genossenschaftlichen Krankenversicherung des Dorfes Kakanne im Senegal. Diop gehört zu den Wegbereitern dieser Art von Krankenversorgung. 1993 versuchte er mit einer Gruppe junger Dorfbewohner die Probleme der Krankenhausbehandlung der Patienten zu lösen. Damals wurde die medizinische Grundversorgung kostenlos von französischen Ordensschwestern sichergestellt. Kritische Fälle wurden sogar ins Krankenhaus begleitet und die Versorgung für sie geregelt. "Die Bevölkerung war durch die Präsenz der Dominikanerinnen wie eingeschläfert", erinnert er sich. 

Eine Alternative zur Nicht-Behandlung

©José LavezziIn einer ländlichen Gegend, in der 80 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft oder vom informellen Sektor leben und das Durchschnittsgehalt 30.000 CFA-Francs (45 Euro) im Monat beträgt, sind die 6000 CFA-Francs (8 Euro) für einen Krankenhausaufenthalt pro Tag kaum bezahlbar. Angesichts der Situation wurde die Idee eines gemeinschaftlichen Systems geboren. Das Dorf Fandeme hat als erstes nach einer Alternative gesucht und im Jahre 1989 die erste kommunale genossenschaftliche Krankenversicherung gegründet. Jedes Mitglied zahlte damals 100 CFA-Francs (0,15 Euro) pro Monat ein. Im Gegenzug werden 70 Prozent der Kosten der medizinischen Grundversorgung und 100 Prozent der Gebühren für Krankenhausaufenthalte übernommen. Von 3000 Einwohnern nahmen mehr als 2700 das neue System in Anspruch!

Das neue Konzept machte schnell die Runde. Weitere Genossenschaften bildeten sich in der Region und ein Steuerungs- und Koordinationskomitee wurde geschaffen. Die senegalische NGO GRAIM bietet die notwendige Unterstützung und Ausbildung der Geschäftsführer. Sie koordiniert die Aktivitäten seit 1997. In der Region Thies werden heute 18.550 Familien versorgt, was bei einer Bevölkerung von 1 Million circa 100.000 Mitgliedern  entspricht. 1000 Genossenschaftler sind für einen ausgeglichenen Haushalt nötig. Drei genossenschaftliche Krankenversicherungen werden pro Jahr gegründet und die Beitrittsrate steigt ständig.

Misstrauen ist das größte Hindernis

©José Lavezzi

Am Anfang gab es jedoch viele Hürden: zunächst allgemeines Misstrauen. "Wie könnt ihr bei 100 CFA-Francs im Monat Krankenhausgebühren von 30.000 CFA-Francs bezahlen? Ein großer Teil der Bevölkerung glaubte, dass es sich um einen großangelegten Betrugsversuch handelte, um ihnen ihr Geld aus der Tasche zu ziehen!", erinnert sich Nogaye, P. "Auf der anderen Seite führte der Volksglaube zur Idee, dass "bezahlen, um der Krankheit vorzubeugen, diese nur anzieht!", führt sie weiter aus. Manche waren sogar der Auffassung, dass der Koran der Idee von Genossenschaften widerspricht. 

©José LavezziRegelmäßige Treffen, um zunächst die Meinungsführer, die religiösen und politischen Würdenträger und insbesondere die Marabouts zu überzeugen, ermöglichten es, das anfängliche Zögern zu überwinden. Niass, der Chefarzt der Gesundheitsstation, stellte eine Steigerung der Besuchsrate fest. "Früher blieben die Kranken aus Geldmangel fern. Erst als sie keine andere Wahl mehr hatten, entschieden sie sich zu kommen. Daher war es schwierig sie zu behandeln, denn die Krankheit war bereits in einem fortgeschrittenen Stadium. Die Besuche haben sich von 2000 auf 8000 pro Jahr gesteigert. Der Gesundheitszustand der betroffenen Bevölkerung hat sich wesentlich verbessert. Da unsere Station jetzt besser funktioniert, können wir weiter investieren und die Qualität der Gesundheitsversorgung verbessern."

Die Krankheit wartet nicht

Probleme gibt es dennoch in Hülle und Fülle: Penda Seck ist Genossenschaftlerin seit Einführung des Systems. Sie hat Probleme die Beiträge zu bezahlen seit ihr Mann gestorben ist. Die Kosten sind auf sie zurückgefallen. Mit ihrem begrenzten Budget muss sie außerdem Nahrungsmittel, Wohnung und die Schulbildung bezahlen. Und mit sechs Kindern hat sie die 1400 CFA-Francs für die Krankenversicherung nicht übrign. Sie muss daher Krankenbesuche verschieben, "während die Krankheit nicht wartet".

©José Lavezzi

Thomas Diop gibt sich daher vorsichtig und relativiert den Erfolg der Genossenschaften: "Alles kann zusammenbrechen, denn die Beiträge sind freiwillig. Fünfzehn von der Bevölkerung anerkannte Mitarbeiter besuchen jedes Haus, um die Beiträge einzusammeln. Das ist die Basis: sie müssen loyal und integer sein." 

Diop ergänzt: "Ich mag das Soziale: man fühlt die Leiden der Menschen, ihre Sorgen. Und man nimmt teil an der Lösung. Man wächst." Alle heute von ENDA in Thies umgesetzten Aktivitäten haben das gleiche Ziel: die Einführung einer kollektiven Steuerung der Ausbildung der Bürger. Über die Gesundheit hinaus ist dies ein politisches und soziales Projekt der NGO.