Senatorin Temmerman: Sexstreik gegen belgische Regierungskrise

Artikel veröffentlicht am 9. Februar 2011
Artikel veröffentlicht am 9. Februar 2011
Das gemütliche Belgien, mit seinem perfekten Bier, seinen luxuriösen Chocolatiers und seinen offiziellen EU-Gebäuden, wird in einer Kategorie der zeitgenössischen Geschichte bald den Irak übertreffen: als das Land mit der längsten Zeit ohne Regierung.
Nach acht langen, sorgenvollen Monaten mit nicht enden wollenden Verhandlungen, appellierte die flämische sozialistische Senatorin Marleen Temmerman an die (Ur)Instinkte: Sie schlägt vor solange keinen Sex mehr zu haben, bis die Politiker eine Einigung vorlegen! Interview.

Belgien befindet sich in einer politisch angespannten Situation: die fehlende Regierung und die Gefahr der Spaltung des Landes sind die Schlüssel zu diesem Politik-Drama, das in die Geschichte eingehen wird. Doch auch die schlimmste Krise sollte man mit Humor nehmen. Und ebenso präsentiert sich die belgische Senatorin, die als Antwort auf die ausbleibende Regierungsbildung einen allgemeinen Sexstreik vorschlug, am Telefon. Schon bei der ersten Frage legt die ehemalige Gynäkologin und aktuelle sozialistische Senatorin aus Flandern, Marleen Temmerman, jegliche steife Förmlichkeit ab. Hier erfragen wir das Warum und Wie ihrer pittoresken Vorschlags.

cafebabel.com: Glauben Sie, dass die belgischen Frauen den ausgerufenen Streik einhalten werden?

Marleen Temmerman: "Ich hoffe nicht! Es ist nur ein Scherz, der auf die Kommunikationsmedien zielte. Belgien ist nun schon acht Monate ohne Regierung und es wurde schon alles versucht: mehrere Mediatoren, verschiedene Strategien, Demonstrationen.... Was können wir noch mehr tun? Manchmal fehlt ein wenig Humor, den Zynismus sollte man auch ab und an einfach mal beiseite lassen. Daher hatte ich vor etwa vier Wochen meinen Kollegen von der Idee erzählt und wir haben so darüber gelacht, dass manche vorschlugen, es öffentlich zu machen. Ich schrieb dann eine Kolumne in einer Zeitung und von dort ging es an die internationalen Medien! Wir hätten nie gedacht, dass das Ganze solch eine Reichweite haben würde.

cafebabel.com: Und von woher stammte die Inspiration für diese Idee?

Marleen Temmerman: Mir kam diese Idee, weil ich viele Jahre in Kenia gearbeitet habe und es dort eine ähnliche politische Lähmung zwischen 2008 und 2009 gab. Jemand hatte damals vorgeschlagen, im Radio und Fernsehen einen Sexstreik auszurufen, um so die Politiker zu einer Einigung zu zwingen. Und was anfangs ein einfacher Scherz war, verbreitete sich über das ganze Land: Viele Frauen, ob Verlobte, Ehefrauen oder Prostituierte, haben sich so über die Situation geärgert, dass sie den Sexstreik als Druckmittel nutzten und die Männer für eine Woche verdammten, enthaltsam zu leben. Und da es in Belgien derzeit eine ähnliche Situation gibt...

cafebabel.com: Glauben Sie dass der Sextrieb mit der politischen Leidenschaft zusammen hängt?

Marleen Temmerman: Nein, das glaube ich nicht. Zumindest nicht in unserem Land. Kann schon sein, dass das in anderen Ländern so ist. Aber wen es interessiert: Auf Facebook gibt es derzeit eine Kampagne, die versucht herauszufinden, ob die sexuelle Aktivität mit der Politik zusammen hängt.

Das mit dem Sexstreik ist nur ein Spaß, ein therapeutischer Spaß! So reden die Leute wenigstens über das, was in Belgien derzeit passiert. Und in der Tat hat es dazu geführt, dass viel im Internet gewitzelt wird. Im vergangenen Monat hat der Schauspieler Benoit Poelvoorde den Belgiern vorgeschlagen, sich den Bart so lange wachsen zu lassen, bis sich eine Regierung gefunden hat. Seine Idee hat ziemlich viel Anklang auf nationaler Ebene gefunden und sogar teilweise auf internationaler Ebene. Aber beim Sexstreik ist das anders. Daran zeigt sich, dass sich die Leute mehr darüber sorgen, keinen Sex mehr zu haben, als sich den Bart wachsen zu lassen.

Mehr steckt also nicht dahinter: Das Ganze sei nur ein Witz, ein Spaß unter Freunden! Aber manchmal reicht es eben schon aus, das Wort Sex nur zu erwähnen, um in der internationalen Presse zu landen. Hat die Abgeordnete einen anderen, 'orthodoxeren' Ratschlag für die belgischen Politiker? Hier wird Marleen Temmerman auf einmal ernst: "Die vom König ernannten Mediatoren müssen weiter kämpfen, um die Beteiligten an den Verhandlungstisch zu bekommen. Es ist dringend. Die aktuelle Situation schadet dem Land sehr."

Fotos: Homepage (cc) MHorama/flickr - ©Nikolas Konstantin; ©Guy Goossens/Mit Genehmigung von Marleen Temmerman