Selfiejobs: Die App, die Flüchtlingen bei der Jobsuche hilft

Artikel veröffentlicht am 11. September 2015
Artikel veröffentlicht am 11. September 2015

Tausende Flüchtlinge fliehen vor Krieg und Armut und hoffen auf ein besseres Leben in Europa. Eine große Herausforderung für sie ist es, einen Job zu finden. Ein schwedisches Start-Up hat nun die App Selfiejobs entwickelt. Mit ihr können Arbeitssuchende einen Lebenslauf schreiben, ihn übersetzen und in Kontakt mir Firmen treten. Wir haben mit dem Gründer Martin Tall gesprochen.

cafébabel: Was hat sie dazu gebracht Selfiejobs zu entwickeln? Welche beruflichen Erfahrungen konnten sie einbringen?

Martin Tall: Ich bin ein ausgebildeter Ökonom und Selfiejobs ist mein drittes Start-Up. Es beruht auf meiner Karriere als Unternehmer in der Telekom und dem Bereich des Outsourcing. Später habe ich für Arbeitsagenturen gearbeitet. Ich sah junge Leute von hier und aus dem Ausland und ihre Bedürfnisse. Sie waren mit dem Verlauf ihrer Jobsuche nicht zufrieden.

cafébabel: Wie verlief die Entwicklung der App? Gibt es etwas, das sie inspiriert hat?

Tall: Das Kernteam und ich hatten die Idee zur App. Mittlerweile arbeiten neun Personen daran. Im Frühjahr 2014 entwickelten sich Apps wie AirBnB oder Tinder immer rasanter. Als ich deren Konzepte sah und mitbekam, wie beliebt sie bei jungen Menschen sind, hatte ich die Idee, das Konzept auf die Jobsuche zu übertragen. Wir wollten es super einfach für junge Arbeitssuchende machen, einen Lebenslauf zu posten und sehr schnell in der App reagieren zu können. So wie auch Firmen sehr schnell ein Jobangebot online stellen können. Alle unsere Branchen brauchen junge aktive Menschen. Ich bin froh, dass wir diese Personen in Schweden, Dänemark, Großbritannien und Deutschland haben. Sie lieben ihre Handys und sind an diese Form der Interaktion gewöhnt. Sie sollen sich wie daheim fühlen, so als ob sie Facebook oder Tinder nutzen. Das Erlebnis sollte gleich sein.

cafébabel: Wer sind die Nutzer der App und welche Jobs werden angeboten?

Tall: Heute haben wir etwa 20 000 Nutzer, das heißt Firmen, aber die meisten sind Arbeitssuchende. Es gibt viele Nutzer in Schweden und Dänemark, weniger in Deutschland, aber dort hauptsächlich in Berlin.

Typische Jobs, die bei uns zu finden sind, liegen im Service- und Verkaufssektor, zum Beispiel: Restaurants, Läden, als Babysitter oder in Start-Ups. Unsere Kernstädte sind London, Kopenhagen, Berlin und Stockholm.

cafébabel: Ist die Entwicklung von Selfiejobs beendet oder stehen noch Verbesserungen an?

Tall: Da gibt es noch vieles, das wir machen wollen. Es gab Kritik in Deutschland wegen Übersetzungsfehlern. Natürlich tut uns das Leid. Wir werden es verbessern und dann wird es perfekt sein. Außerdem haben wir eine neue Videofunktion eingebaut, für den Kontakt zwischen Bewerber und Arbeitgeber. Die Nutzer können sich so selbst vorstellen und die Firmen überzeugen. Und bis 2018 haben wir noch mehr vor. Wir wollen die Hochgeschwindigkeitsalternative sein, wenn es um Jobsuche geht. Wenn jemand sofort Hilfe braucht, sollte er innerhalb von zwei Minuten eine Anzeige posten können. Wischen, chatten und eine Arbeit finden. Es gibt noch viele andere neue Ideen, aber auch Verbesserungsvorschläge.

cafébabel: Ein anderes Projekt ist AutoCV. Es wird Menschen aus dem Ausland helfen, einen Job in einem fremden Land zu finden. Es wird somit nützlich sein für all die Flüchtlinge, die in diesen Tagen nach Europa kommen und eine Arbeitserlaubnis haben. Wie kamen sie auf diese Idee?

Tall: AutoCV entstand in diesem Sommer. Als wir uns Selfiejobs ansahen, erkannten wir drei Gruppen, die unsere App nutzen: hauptsächlich Immigranten, junge Einheimische und Personen mit Studienabschluss. Die schwedische Regierung fragte bei uns und anderen Unternehmen an, Möglichkeiten zu finden, um die Situation von Menschen aus dem Ausland zu verbessern. Das Projekt ist eine Kooperation mit der schwedischen Agentur für Forschung und Entwicklung Vinnova. Das aktuelle System der Arbeitssuche beansprucht sehr viel Zeit und Arbeit, zum Beispiel um einen Lebenslauf zu erstellen. Wir dachten uns: Können wir den Menschen aus dem Ausland ermöglichen einen Lebenslauf in ihrer Muttersprache zu schreiben, sodass sie schneller nach einem Job suchen können?

Die schwedische Regierung versorgte uns mit ein wenig Kapital und wollte, dass wir das Projekt auf ein höheres Level bringen. Wir haben den ersten Prototypen fertiggestellt. Wir benutzen bereits vorhandene Applikationen wie Babel oder Google, um die Lebensläufe zu übersetzen. Nutzer geben den Text manuell ein und dann wird er in Echtzeit übersetzt. So ist der erste Kontakt zwischen Ausländern und lokalen Firmen einfacher.

cafébabel: Ist die Entwicklung von AutoCV weiter fortgeschritten und wann wird es als Teil von Selfiejobs verfügbar sein?

Tall: Wir haben im Frühjahr begonnen und haben jetzt die Prototypen und Konzepte. Diese müssen wir nun in die Entwicklung einfließen lassen. Wir planen mit einem Release im Dezember in den vier Ländern, die Selfiejobs nutzen. Wir haben Schwedisch, Englisch und Deutsch als Sprachen in unseren Kernländern. Wir werden außerdem Sprachen wählen, die viele Immigranten sprechen, wie Spanisch oder Arabisch. Auf diesen wird unser Fokus liegen.

cafébabel: Können sie ein Beispiel geben, wie Selfiejobs in Kombination mit AutoCV genutzt wird?

Tall: Sagen wir, jemand kommt von Kolumbien nach Europa und ist eine erfahrene Person in der Gastronomie oder der Gärtnerei. Er ist akzeptiert als Einwohner des Gastlands und darf offiziell arbeiten. Nun lädt sich diese Person die Selfiejobs-App herunter, loggt sich mit Facebook oder Mail ein und trägt verschiedene Angaben ein: Name, Alter, Ort, Sprachen, Schulabschlüsse, zwei bis drei der letzten Jobs und die die wichtigsten Fähigkeiten und Erfahrungen. Anschließend kann er sich die übersetzten Jobangebote ansehen. Man wählt die Stadt, in der man Arbeit sucht, wählt eine Annonce aus und tritt in Kontakt mit der Firma. Wir verlassen uns dabei auf die Qualität von Google Translation und anderen Programmen. Es ist daher möglich, dass Übersetzungsfehler auftauchen. Wir konzentrieren uns auf Smartphones, aber alle unsere Produkte sind auch am Computer verfügbar.

cafébabel: Auf ihrer Homepage gibt es viele Jobangebote in Berlin. Doch viele Arbeitgeber suchen Personen mit Arbeitserfahrung und Abschlüssen. Können somit nur gut ausgebildete Immigranten in ihrer App einen Arbeitsplatz finden?

Tall: Der Markt ist, wie der Markt ist. Und wir wissen nicht wie der Markt für Neuankömmlinge in Europa ist. Wir wissen aber, dass die Arbeitslosenquote von Menschen, die nicht hier geboren sind, hoch ist. Und wir wissen, dass die Landessprache wichtig ist. Ein Lebenslauf und die Möglichkeit sich vorzustellen sind ein Anfang. Wir können nicht alle Probleme mit AutoCV lösen, aber es ist ein Weg, Menschen aus dem Ausland zu ermöglichen, einen Job zu finden. Wir werden sehen wie weit wir damit vordringen. Es herrscht eine große Unsicherheit aber alle Menschen müssen arbeiten, damit die Gesellschaft funktioniert. Wir müssen eine Lösung nach der anderen finden. So können mehr Menschen die Sprachbarrieren durchbrechen.

cafébabel: Wie möchten sie Jobsuchende und Firmen erreichen und sie davon überzeugen, ihre App zu nutzen?

Tall: Das Kerngeschäft von Selfiejobs ist die App und junge aktive Menschen. AutoCV ist ein eigenständiges Projekt mit Eigenschaften und Charm. Wir werden sehen. Es ist sicherlich ein heißes Thema. Wenn wir es gut umsetzen, bekommen wir gute Resonanz und es spricht sich rum und so weiter.

cafébabel: Kann die Flüchtlingskrise mit solchen Ideen gelöst werden oder brauchen wir eine größere politische Entscheidung?

Tall: Wir sind ein wirtschaftliches Unternehmen. Wir können nicht so viel über Politik nachdenken. Wir sehen lediglich, dass es viele Menschen gibt, die andere Sprachen sprechen und Arbeit suchen. Und es ist ein Problem, den nötigen Lebenslauf zu erstellen. Hier können sie ihn erstellen, sobald sie offiziell arbeiten dürfen.

cafébabel: Viele Unternehmen unterstützen Initiativen, um Flüchtlingen zu helfen. Verschiedene Medien sprechen daher schon von der Kommerzialisierung der Krise. Machen sie Geld mit der Situation der Flüchtlinge?

Tall: Tatsächlich haben wir noch kein Geld mit irgendetwas verdient. Wir haben 300 000 Euro in die Entwicklung von Selfiejobs gesteckt und der Zuschuss der schwedischen Regierung macht davon nur einen kleinen Teil aus. Also verdienen wir damit noch kein Geld. Die Angebote der Firmen in der App sind kostenlos und so weiter. Aber wir hoffen, dass wir eines Tages damit Geld verdienen werden.

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Die Liste der Jobsuchenden und Jobangebote ist verfügbar auf der Seite von Selfiejob.