Selbstgerecht auf Social Media: Wien könnte Paris sein

Artikel veröffentlicht am 14. November 2015
Artikel veröffentlicht am 14. November 2015

Terror und Mitleid vertragen sich nicht immer in sozialen Netzwerken. Wir trauern trotzdem. 

Es sind schlimme Stunden für Frankreich, für Europa, für die ganze Welt. Jeder bekundet sein Mitleid, erschüttert von der erschreckenden Nähe des Terrors und der Schlagkraft des Dramas.

„Davor fliehen Flüchtlinge“, steht auf einem Schild vor der französischen Botschaft in Berlin. In Europa wird die Macht des Islamischen Staates deutlich, ein Terrorexperte sagt im deutschen Fernsehen  „Europäer müssen von nun an damit rechnen, dass sich einfach ein Terrorist mit Bomben in der U-Bahn wegsprengt.“

Wir sehen es, wir sehen die Grausamkeiten und den Drang nach Macht und Angstverbreitung des Alptraumes, der im Moment Millionen von Menschen zur Flucht zwingt.

In der Europäischen Union sind wir verwöhnt, wir leben in gerechten Demokratien und großteils in Frieden miteinander.

Terroristische Aktionen rufen immer menschliche Reaktionen hervor

Man sieht die Bilder von zerschossenen Fenstern, man hört die Bomben und weint bei dem Anblick der Leichen in den Straßen.

Als Mensch in einem sozialen Staat wird man bei solchen Ereignissen stichprobenartig an die Möglichkeit des Gräuels erinnert, man wird sich des Glückes bewusst, in funktionierenden Gesellschaften zu leben.

Deswegen bleiben vielen Hashtags wie #prayforparis oder jegliche Mitleidsbekundigungen über Social Media im Hals stecken. Du schreibst auf facebook, twitter oder tumblr, deine Gedanken seien bei den Parisern, bei den Angehörigen, bei den vielen sinnlos verlorenen Leben. Und unsere Gedanken sind auch bei ihnen, bei dem unverständlichen Drama.

Wir sind hilflos, wir sind überfordert, wenn es um Tod und Zerstörung geht

Gekontert wird von Zynikern, was ist denn mit all den Opfern in Beirut/Syrien/Libyen?

Jede Mitteilung über den Verlust unschuldiger Leben tut weh, egal welcher Nationalität. Klar ist, dass Terror, der uns nah an unserem Alltag trifft, mehr beschäftigt als Anschläge am anderen Ende der Welt. Wir werden daran erinnert, dass es Organisationen gibt, die mutwillig ihre Mitglieder opfern, um Schrecken zu verbreiten. Und all das in unserer unmittelbaren, scheinbar rosaroten Nähe.

Doch im selben Moment, in dem man versucht seine Hilflosigkeit in Worte zu fassen - und diese Möglichkeit ist 2015 eben omnipräsent - spalten sich die sozialen Medien.

„Soziale Medien“ bringen Menschen zusammen, und damit auch ihre Meinungen. Wenn viele ihre Trauer um die Opfer in Form eines Statusupdates ausdrücken oder ihre Profilbilder anpassen, schafft dies eine neuartige Kontroverse.

Facebook bietet seit gestern an, das eigene Profilbild in blau-weiß-rot zu färben, und dieses Angebot nahmen auch viele in Anspruch.

23 Stunden nach dem Attentat logge ich mich auf facebook ein. Die erste Meldung, die ich sehe, spielt auf die Selbstdarstellung der Leute mit buntem Profilbild an. Natürlich macht kein farbiges Bild Paris versöhnter oder friedlicher. Schon das nächste Posting handelt von der Heuchelei der Europäer, die sich über den Verlust von französischen Leben eher entsetzen als über das jener aus Beirut oder Syrien.

Menschen sterben jeden Tag in dieser Welt, die ungerecht und grausam ist, und auf jedem Kontinent ist Terror unbegreiflich. Menschlich ist es, bei jeder Nachricht über den Tod eines Mannes, einer Frau, eines Kindes zu trauern; logisch ist es, sich stärker mit dem Grauen zu identifizieren, welches örtlich näher ist.

Doch auf facebook rittern die Selbstgerechten. Niemand kann mit diesem Ausmaß an Grausamkeit rational umgehen. Wir reagieren wie Menschen, wir reagieren emotional. Jeder kennt Paris, kann sich vorstellen glücklich auf den französischen Straßen entlang zu spazieren – nur wenige können das von Syrien behaupten.

Wir leiden mit den Franzosen, wir sehen ihren Schmerz, der sich dieses Jahr von der Schießerei in der Redaktion von Charlie Hebdo, dem jüdischen Supermarkt und nun zu dem Wahnsinn in der Hauptstadt gespannt hat. Wir reagieren darauf, denn wir könnten sie sein. Wien könnte Paris sein.

Im Endeffekt ist es wirklich egal

Der Streit um Selbstdarstellung oder wer selbstgerechter oder politisch korrekter ist, ist vollkommen irrelevant. Diese Woche verloren durch Terrorismus 129 Menschen in Frankreich ihr Leben. Über 40 starben in Beirut. Syrien bleibt in den Dunkelziffern des Todes.

Wir trauern mit denen, die ihre Lieben verloren haben. Unschuldige Menschen sind gestorben oder haben Kalaschnikows in unmittelbarer Nähe erleben müssen.

Reißt die Fassade der altklugen Nutzer runter und begegnet den Netzwerken menschlich – denn im Menschsein gibt es keinen Unterschied.

So oberflächlich das auch erscheinen mag.