Sekte in Brüssel: Viel mehr Scientologen in Europa, als man denkt

Artikel veröffentlicht am 22. Dezember 2010
Artikel veröffentlicht am 22. Dezember 2010
Letzten Januar haben die "Scientologie-Kirchen für Europa" ihre neue Niederlassung am Boulevard de Waterloo in Brüssel eröffnet. Während Scientologie vor allem in Frankreich, Belgien und Deutschland als Sekte oder simples Wirtschaftsunternehmen gilt, so reklamieren sie für sich selbst aber Religionscharakter.
Erneute Betrachtung des Phänomens mit Agnès Bron, Pressesprecherin am Boulevard de Waterloo.

Agnès Bron geht auf die Fünfzig zu. Die gläubige Scientologin kam im letzten Januar nach Brüssel, um dort die Öffentlichkeitsarbeit der so genannten „Scientology Kirchen in Europa“ zu leiten. Diesen Posten kannte sie gut, hatte sie ihn doch bereits seit 1995 in Paris inne. Auch die Große Hausführung gehört damit zu ihren Aufgaben.

Ron Hubbard, der Hollywoodheld

Ein brandneues Schild markiert den Eingang. Hinauf zu dem achtarmigen Kreuz, dem Wahrzeichen von Scientology, führt eine kleine, mit rotem Teppich ausgelegte Treppe. Beim Eintreten trifft man auf einen kleinen Empfangstisch, der frei in einer Halle von mehr als 1000 Quadratmetern steht. In Ausstellungsform werden hier eigentlich alle Menschheitsfragen beantwortet. Den nach Antworten suchenden Menschen leiten Videos, die auf den mehr als 35 Millionen Wörtern beruhen, die L. Ron Hubbard schriftlich oder mündlich von sich gab.

Ron Hubbard ist der Schöpfer von Scientology, alle Glaubensvorstellungen der Scientologen stammen von ihm. Und mit ihm also beginnt die Ausstellung, mit seinem Leben, seinem Werk, seinem Ziel: eine Zivilisation ohne Wahnsinn, Kriminalität und Krieg. Gezeigt wird eine neunminütige Kurzbiographie des Stifters. Eine wahrhaft glanzvolle Jugend hatte dieser Mann, war ein Held, der umher zog, um die Weltkulturen kennenzulernen, bevor er Scientology erschuf. Auch seinen Traum verkauft Hollywood, die Traumfabrik. Überall ist Ron, ist auf jeder Wand im Gebäude mit Foto oder Zitat vertreten. Und in der Kapelle wacht seine Büste über die Zeremonien. Ein wahrer Kult ist ihm hier gewidmet.

Nach der Scheidung entfernte sich Nicole Kidman von der Sekte, die neue Lebensgefähtin von Cruise, Katie Holmes, ist ihr beigetreten

„Man muss wissen, dass unser gesamter Glaube auf den Schriften Hubbards beruht“, erklärt Agnès Bron. Mit betont offenem Blick und ohne Zögern in der Stimme spricht sie mit ungekünstelter Ernsthaftigkeit über ihren Glauben. Als sie 1991 ihre Schwester besuchte, fiel ihr die Scientology-Bibel in die Hände, das von Hubbard verfasste „Dianetics“ (deutsch: „Dianetik“). Sie wird ganz davon in den Bann geschlagen und entdeckt so die in diesem Werk gelehrte Methode, die Probleme des Lebens mit den Mitteln einer alternativen Psychologie zu lösen. „Wenn das wahr ist, möchte ich es ausprobieren“, vertraut sie ihrer Schwester an. Einige Monate später zieht sie nach Marseille und wird Scientologin. Und dabei war Agnès vor ihrem Einritt bei Scientology „hyperresistent gegenüber allen Religionen“. Zu einer Änderung ihrer Haltung führte nur ihr Vorankommen innerhalb der Organisationshierarchie, „ja, ich mit meinem Vorsprung glaube an ein geistiges Wesen“, erklärt sie. Andererseits liegt ihr daran, klarzustellen, dass „innerkirchlich alle Religionen und Götter akzeptiert werden.“

Rückkehr der Privilegien

Auch wenn scheinbar alle Religionen und Götter akzeptiert werden, so ist man doch besser reich, um Scientologe zu werden. Auf die Frage, ob zum Mitmachen Geld nötig sei, antwortet Agnès Bron: „Nein, ich habe niemals Geld bezahlt“, fügt dann allerdings hinzu, es gäbe auch Programme für Arme. Und es gibt auch Wochenendseminare für 90 Euro, Bücher und DVDs.

Nach scientologischer Lehre sind alle Menschen bei ihrer Geburt gleich. Dennoch existieren mit den „Celebrity Centres“ Orte für einen privilegierten Kult, die Stars vorbehalten sind. Unnötig daran zu erinnern, dass Tom Cruise und John Travolta wichtige Werbeträger der Organisation sind. In Europa outen sich die Scientology-Mitglieder nicht, „weil sie sonst ihre Arbeit verlieren“, vertraut Agnès mir an und macht die Andeutung: „Es gibt viel mehr Scientologen, als man denkt.“

In Zahlen ausgedrückt seien es weltweit mehr als 10 Millionen Gläubige. Brüssel ist der Hauptsitz der Europäischen Union, die Niederlassung der "Scientology Kirchen für Europa" dient dem Empfang durchreisender Scientologen. Eine weitere wichtige Aufgabe ist die Förderung ihrer sozialen Programme. So kontaktiert die "Kirche" beispielsweise zahlreiche Schulen unter dem Deckmantel von Drogenprävention und Menschenrechtsschutz. Agnès Bron erwähnt noch, dass seit Januar mehr als 600 Meinungsführer, Präsidenten von Verbänden oder Mitglieder politischer Parteien am Boulevard de Waterloo gewesen seien. Klingt beeindruckend.

Nein, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte stuft Scientology nicht als Religion ein

In jedem Fall wird oft und gerne gegen die umstrittene Organisation protestiert!Trotzdem dient das neue Zentrum nicht der Lobbyarbeit bei den EU-Einrichtungen. Nein, „dafür gibt es das Menschenrechtsbüro“, erklärt Agnès Bron weiter. Nun eigentlich handelt es sich hierbei um das europäische Büro für Öffentlichkeitsarbeit und Menschenrechte der internationalen Scientology-Kirche. Dies ist die in der Rue de la Loi in Brüssel ansässige Scientology-Abteilung für Lobbyarbeit.

In anderem Rahmen, so behaupten die Lobbyisten von Scientology, hätten sie 2007 einen großen Sieg gegen die Stadt Moskau errungen. Gemeint ist der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, der über die Einhaltung der von 47 Staaten unterzeichneten Europäischen Menschenrechtskonvention wacht. Voller Stolz erklärt also Agnès Bron: „Wissen Sie, für den Europarat ist Scientology eine Religion.“

Doch trotz all der Aufrichtigkeit, die man ihr abnehmen möchte: Das stimmt nicht. Denn wie Jean-Michel Roulet, Leiter der französischen Behörde zur Sektenüberwachung (MIVILUDES, Mission interministérielle de vigilance et de lutte contre les dérives sectaires), im Januar 2008 gegenüber dem französischen Magazin L'Express erklärte, „versagt er (der Gerichsthof) sich in Achtung des Prinzips der Religionsfreiheit Beurteilungen dazu, ob eine derartige Bewegung eine solche darstellt. In Wirklichkeit hat der Gerichtshof die Hinhaltetaktik der Moskauer Verwaltung verurteilt, mit der diese versucht hat, die Registrierung von Scientology als religiöser Gemeinschaft zu verzögern."

Fotos: (cc)u2canreed/flickr ; Tom Cruise: (cc)THERKD/flickr ; Anonymous: (cc)tacosdelaluna/flickr