Second Home: Ein theoretischer Schlusspunkt

Artikel veröffentlicht am 12. April 2014
Artikel veröffentlicht am 12. April 2014

Zwei Jahre war Cafébabel Berlin mit dem Projekt "Second Home" beschäftigt, das nun zu Ende geht. Der Fotowettbewerb und die Ausstellung im betahaus und im Centre Marc Bloch drehte sich ganz um die Geschichten junger Europäer, die vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise eine neue Heimat suchen. Diesmal jedoch nicht in Texten, sondern in Bildern.

Bei der Po­di­ums­dis­kus­si­on im fran­zö­si­schen For­schungs­zen­trum Cent­re Marc Bloch am 10. April 2014 dreht sich alles um den Fo­to­gra­fen Jean-Paul Pas­tor Guzmán, den Ge­win­ner des Se­cond Home Fo­to­wett­be­werbs. Aus­führ­lich er­zählt er, wie seine Bil­der ent­stan­den sind und wie er die Ge­schich­ten die­ser Men­schen, die zwi­schen ihrer Hei­mat und ihrem neuen Zu­hau­se in der Schwe­be leben, ge­sam­melt hat.  

Das Pu­bli­kum im Cent­re Marc Bloch be­steht zum Groß­teil aus jun­gen Leu­ten, die sich in ihrer zwei­ten Hei­mat be­fin­den: junge Eu­ro­pä­er, die in Ber­lin stu­die­ren, for­schen oder ar­bei­ten. Unter ihnen ist auch die Deut­sche Elena Tro­partz, die in Grie­chen­land auf­ge­wach­sen ist, und der Aus­stel­lung ein Foto bei­ge­steu­ert hat. Sie trage ihre Hei­mat immer bei sich, er­zählt sie, denn kei­ner ihrer bei­den Hei­mat­or­te sei ihr voll­kom­men ver­traut - aber eben­so wenig fremd. Das, was sie "Hei­mat" nennt, ist nicht an einen Ort, son­dern an sie selbst als Men­schen ge­bun­den. 

Von Gast­ar­bei­tern hin zu einer Will­kom­mens­kul­tur

Im Kon­fe­renz­saal des Cent­re Marc Bloch, von des­sen Fens­tern aus man die Fried­rich­stra­ße über­bli­cken kann, drän­gen sich For­scher, Stu­den­ten und Prak­ti­kan­ten. Der Ort ent­puppt sich als eine gute Wahl, da das Pu­bli­kum nicht nur zu­hört, son­dern auch in die Dis­kus­si­on ein­ge­bun­den wird. Die De­bat­te wird dann auch schnell hei­ßer, wenn es nicht mehr nur um Fotos, son­dern um den Ein­fluss von Mi­gran­ten auf die deut­sche Ge­sell­schaft geht. Die fran­zö­si­sche So­zio­lo­gin In­grid Tucci be­schreibt den Men­ta­li­täts­wan­del in­ner­halb der deut­schen In­sti­tu­tio­nen: Wäh­rend die Gast­ar­bei­ter zu Zei­ten des Wirt­schafts­booms noch mit ei­si­ger Käl­ter emp­fan­gen wur­den, herr­sche heut­zu­ta­ge eine an­ge­neh­me "Will­kom­mens­kul­tur", die in den Mi­gran­ten vor allem eine Mög­lich­keit sehe, dem de­mo­gra­fi­schen Wan­del in­ner­halb Deutsch­lands ent­ge­gen zu wir­ken. In­grid Tucci kri­ti­siert je­doch viele der In­te­gra­ti­ons­maß­nah­men, die es jun­gen, oft hoch­qua­li­fi­zier­ten Mi­gran­ten immer noch nicht er­lau­be, einen an­ge­mes­se­nen Ar­beitplatz zu fin­den - laut Tucci ein Schei­tern des Sys­tems, das zu viel Frus­tra­ti­on und ent­täusch­ten Er­war­tun­gen führe. 

Doch wie ist Se­cond Home ins Cent­re Marc Bloch ein­ge­wan­dert? Alles be­ginnt 2012 in Brüs­sel wäh­rend der Babel Aca­de­my, einer der jähr­li­chen Zu­sam­men­künf­te der Caféba­bel-Lo­kal­re­dak­tio­nen. Dort wird die Idee zu einer Re­por­ta­ge­se­rie ge­bo­ren, die Ge­schich­ten jun­ger eu­ro­päi­scher Be­rufs­tä­ti­ger sam­melt, die auf der Suche nach einem Ar­beits­platz ihre Hei­mat ver­las­sen. Was haben sie vor­ge­fun­den? Wie hoch ist der Preis? Was haben sie zu­rück­ge­las­sen und was haben sie ge­won­nen? Im Pro­jekt ver­eint sind die Lo­kal­re­dak­tio­nen in Ber­lin, Wien, Bu­da­pest, Bel­grad, War­schau und Nea­pel. Es fol­gen Mo­na­te der Ko­or­di­na­ti­on, der Re­cher­che, der In­ter­views und Rei­sen, immer auf der Suche nach Ge­schich­ten, die eine ganze Ge­ne­ra­ti­on auf dem Sprung ab­bil­den. "Se­cond Home" wird schließ­lich von der Wo­chen­zei­tung Der Frei­tag mit dem Preis Eu­ro­pa der Bür­ger aus­ge­zeich­net, wobei die Jury be­son­ders die mit dem Pro­jekt an­ge­streb­te Schaf­fung einer ge­mein­sa­men eu­ro­päi­schen Öf­fent­lich­keit lobt. 

"Meine hei­mat liegt in mir selbst"

Dank des Preis­gelds kann die Re­dak­ti­on von Cafébabel Ber­lin einen Fo­to­wett­be­werb aus­schrei­ben, um die Ge­schich­ten der neuen Hei­mat­su­cher nicht nur im Text, son­dern auch in Bil­dern zu er­zäh­len. Ge­win­ner des Se­cond Home Fo­to­wett­be­werbs ist der deutsch-chi­le­ni­sche Fo­to­graf Jean-Paul Pas­tor Guzmán, der auf dem Po­di­um des Cent­re Marc Bloch er­zählt, wie genau seine Bil­der ent­stan­den sind. Am An­fang stan­den abs­trak­te Sta­tis­ti­ken über Mi­gra­ti­ons­be­we­gun­gen in Eu­ro­pa, denen er die Ge­sich­ter wirk­li­cher Mi­gran­ten ent­ge­gen set­zen woll­te. Die Suche nach Mo­del­len in Sprach­schu­len, auf der Stra­ße, in In­ter­net und Freun­des­kreis war nicht ein­fach, aber am Ende fand er doch zehn junge Grie­chen, Ita­lie­ner und Spa­ni­er, die sich für sein Fo­to­pro­jekt hello cri­sis! (2013) por­trä­tie­ren lie­ßen. 

Viele von ihnen wür­den Elena Tro­partz si­cher zu­stim­men, wenn sie un­ter­streicht, dass sie ihre Hei­mat immer bei sich trage. In der Schwe­be zwi­schen ver­schie­de­nen Le­bens­pha­sen, im Raum und in der Zeit, zwi­schen ver­schie­de­nen Kul­tu­ren, die sich im Laufe eines Le­bens durch­mischt haben, führt die Suche nach dem Ur­sprung, nach einer Hei­mat, oft ins In­ne­re. Für die Söhne und Töch­ter der im­mer­wäh­ren­den Be­we­gung ist aber auch das ein sich ent­zie­hen­der Ort. An­ge­sichts solch tief­schür­fen­der Dis­kus­sio­nen ist die fo­to­gra­fi­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Thema "Hei­mat" viel­leicht sogar an­de­ren Arten künst­le­ri­scher und in­tel­lek­tu­el­ler Re­fle­xi­on über­le­gen: Schließ­lich lässt sich "Hei­mat" als Ge­fühl am bes­ten an Ge­sich­tern ab­le­sen.