SECESSION: Stell dir ein neues Europa vor

Artikel veröffentlicht am 23. September 2014
Artikel veröffentlicht am 23. September 2014

Eins ist sicher: Eine klar definierte geografische Einheit von Europa gibt es nicht und hat es nie gegeben. Die Europäische Gesellschaft der Autoren (SeuA) entwirft nun in einer Ausstellung neue Visionen  – in Bild, Video und Installation.

Bürokratiemonster, Taten- und Wirkungslosigkeit sind nur allzubekannte Klischees über die EU. Aber was ist Europa eigentlich fernab von institutionellen und politischen Dimensionen der EU? Die Ausstellung „Deconstructing borders for a migrant Europe“ im Institut Français Berlin zeichnet aus einer künstlerisch-wissenschaftlichen Perspektive einen anderen europäischen Raum. Künstler aus verschiedenen Ländern setzen sich in der Ausstellung, die ein Teil des Projektes SECESSION der Europäischen Gesellschaft der Autoren (SeuA) ist, mit europäischen Karten und Grenzen auseinander. Entstanden sind so Visionen, Utopien und Dystopien, die sich alle mit einer Frage auseinandersetzen: Was bedeuten geografische Einheiten und wie kann Europa kartografisch umgesetzt werden? 

Um zu zeigen, wie weit die Grenzen Europas gehen und wieweit man sie überhaupt begrenzen kann, hat Camille de Toledo (CHTO) Europa eine gewisse Körperlichkeit verliehen. In seiner Installation beschreibt CHTO den europäischen Raum anhand von Tierfellen und -haut, die mit Nylonschnüren in drei Rahmen gespannt sind. Mit diesen sogenannten rot gefärbten „Hautkarten“ erinnert der Künstler und Autor vor allem an die blutige und gewalttätige Geschichte Europas: Nach Kriegen und politischen Veränderungen scheinen diese Haut-Territorien das heutige Europa als ein Gebiet der Wildheit. Dennoch verweisen die dünnen Nylonschnüre auf einen möglichen Neuanfang Europas. Und läd somit zum Träumen, zu Utopien ein. Eine neue, andere Zukunft scheint möglich.

Auch der albanische Künstler Anri Sala versucht Europa eine eher körperliche Form zu geben: Italien wird kurzerhand zum Aal. Sein Werk basiert auf anatomischen, wissenschaftlichen Zeichnungen des siebzehnten Jahrhunderts, die damals als verbindlich für die Klassifizierung von Arten galten. Ein vergeblicher Versuch genauso wie Europa zu territorialisieren und Grenzen zu ziehen. 

Von alten, neuen und verschwundenen Grenzen  

Die deutsche Künstlerin Simona Koch zeichnet in „Borders/Europe“ die Verschiebung der Grenzen in einer Videoinstallation nach, die auf dem europäischen Kontinent über Jahrhunderte immer wieder erfolgten. Grenzlinien verblassen, verschieben sich und tauchen wieder auf.  Und so zeigen diese Bewegungen zugleich die Zerbrechlichkeit nationalstaatlicher Entwürfe, die Dauerhaftigkeit von Gewalt und somit auch die des europäischen Friedens.

Bei Julie Béna sind Grenzen, Territorien und Länder sogar ganz verschwunden. In „Upstream“ erfasst die Künstlerin lediglich verschiedene Strömungen. Egal, ob es nun Migrationsströme, Kriege, Reiseströme oder Finanzströme sind, mit Pfeilen erzeugt Béna in ihrer textilen Karte verschiedenste Bewegungen – ganz abstrakt und ohne jegliche erkennbare Bezugspunkte. Europa als (territorialen) Raum gibt es scheinbar nicht mehr, Grenzen sind damit überflüssig geworden. 

Der Anthropologe Cédric Parizot zeigt gemeinsam mit Douglas Edric Stanley in „A crossing industry“ anhand von Bewegungsdaten seiner Forschung, wie die Überwachung an Grenzübergängen immer mehr industrialisiert werden. In einer Simulation versetzt das Werk den Betrachter in die Perspektive eines Migranten. Dadurch kann er die Zusammenhänge an der Grenze zwischen Passanten und Nicht-Passanten, zwischen Erlaubten und Verbotenen entlarven. Das Werk wird somit auch zu einer Dokumentation der Macht.

Endlich ein gläsernes kosmopolitisches Europa?

Eine ganz andere Dimension nimmt das Werk des italienischen Künstlers Marco Pezzotta ein. „Smooth Handoff Panel" setzt sich mit der Wirtschaftskrise in Europa auseinander: Eine gläserne Hand greift nach einer zerbrochenen Zwei-Euromünze. Es scheint, dass Europa sich zu sehr auf einen gemeinsamen Währungsmarkt konzentriert hat. Doch ist der Euro nicht bereits kaputt und vielleicht schon nicht mehr zu retten? Ein Streben nach Markttransparenz ist dennoch sicher. Und so verweist Pezzotta mit der gläsernen Hand auf die unsichtbare Hand von Adam Smith. Darüber hinaus werden Arbeiten von: Álvaro Martínez Alonso, Kader Attia, Famed, Hackitectura, Nicolas Maigret, Migreurop und Philippe Rekacewicz gezeigt. Die Ausstelllung „Deconstructing borders for a migrant Europe“ entwirft ein äußerst vielfältiges Bild von Europa, das durch Intermedialität geprägt ist. So werden Installationen, Videos, Drucke, Zeichnungen, Fotografien und Spielsimulationen verwendet. Vom Mikrokosmos bis hin zur globalen Perspektive zeigen die Künstler damit ein Europa in allen seinen Schichten. Ein Europa, das nicht unbedingt neu ist, aber neu und anders gedacht wird. Und so erhält Europa neben einer politisch-instituionellen Dimension endlich auch eine kosmopolitisch-küsntlerische

Die Ausstellung  „Deconstructing borders for a migrant Europe“ im Rahmen von Secession ist noch bis zum 10. Oktober 2014  im Institut Français Berlin (Kurfürstendamm 211, 10719 Berlin) zu sehen. Der Eintritt ist frei. Wer das ganze lieber in bewegter Form sehen will, kann am 23. September um 19h in den Heimathafen (Karl-Marx-Str. 141, Neukölln) zur SECESSION-Performance kommen!

Keine Angst vor der eu­ro­päi­schen Idee

Im Sep­tem­ber und Ok­to­ber 2014 wird in der Ver­an­stal­tungs­rei­he SE­CES­SI­ON über ein Eu­ro­pa nach den Bü­ro­kra­ten dis­ku­tiert. Da Cafébabel Ber­lin über­zeugt ist, dass Eu­ro­pa ver­rück­te Viel­falt und nicht blut­lo­ser Ver­ord­nungs­wahn be­deu­tet, sind wir na­tür­lich als of­fi­zi­el­le Me­di­en­part­ner dabei. Mehr Infos auf Face­book und Twit­ter.