Sebastian Kurz: Österreichs Next Top Leader?

Artikel veröffentlicht am 12. Oktober 2017
Artikel veröffentlicht am 12. Oktober 2017

Am 15. Oktober wird in Österreich gewählt. Siegen die Konservativen der ÖVP, wird Sebastian Kurz zum jüngsten Regierungschef der Welt. Er sei ein rechter Hardliner, heißt es. Ist damit alles gesagt? Nein. Über einen jungen Polit-Popstar, der einst sagte, Österreich habe zu wenig Willkommenskultur und doch inzwischen als Galionsfigur der Grenzschließer gilt.

Die Felder leuchten golden in der Abendsonne. Saftig grüne Apfelbäume und glückliche Gesichter, wohin man blickt. Dazu Meerschweinchen und Kinderfotos. Im Hintergrund idyllische Musik, die gegen Ende etwas ihrer Fahrstuhl-Atmosphäre verliert und an Bestimmtheit gewinnt. Nein, es handelt sich weder um eine Werbung für österreichischen Bauernkäse noch für den Abschluss einer Familienhaftpflicht. Es ist ein Wahlkampfvideo. Der Protagonist? Sebastian Kurz, junger und attraktiver Kanzlerkandidat der österreichischen Konservativen. Groß und schlank ist er. Und stets perfekt rasiert. Er hat schwarzes, nicht allzu streng zurückgegeltes Haar und blaue Augen in einem makellosen, manchmal fast schon künstlich wirkenden Gesicht. Viele Male wird seine Silhouette gezeigt, stets in Bewegung, meist in Zeitlupe. Der figurbetonte Anzug sitzt perfekt. Nicht nur in diesem Wahlspot, sondern immer.

Volksnah, herzensgut, überzeugend - Sebastian Kurz soll alles auf einmal sein. Und kompetent, trotz seines jungen Alters. Mit einem Wort: perfekt. Und so wird er inszeniert. Entstanden ist ein aalglattes Image. Oft wirkt der Kandidat bei öffentlichen Auftritten trotzdem unpersönlich und gestellt. „Ich habe Volkswirtschaft studiert, Sie haben ÖVP gelernt“, sagt sein parteiloser Gegner, der ehemalige Grüne Peter Pilz im TV-Duell. „Und Sie haben eine hervorragende Ausbildung genossen“, ergänzt er. Ist es ein Seitenhieb gegen Kurz‘ abgebrochenes Studium oder Anerkennung des Kalküls, mit dessen Hilfe der ÖVP-Chef sich mittlerweile zu inszenieren weiß? Vielleicht von beidem etwas. Nach Bewunderung klingt Pilz‘ Bemerkung aber nicht.

Kurz Learning by Doing

Mit 17 Jahren tritt Sebastian Kurz in die Jugendorganisation der ÖVP ein, sechs Jahre später war er Bundesobmann. Das begonnene Jurastudium blieb dabei leider auf der Strecke. Mittlerweile taucht es nicht mal mehr in seinem offiziellen Lebenslauf auf. Seine Freundin Susanne hingegen ist ihm geblieben. Seit der gemeinsamen Schulzeit sind beide ein Paar und leben in Meidling, dem Arbeiterviertel Wiens, in dem Kurz auch aufgewachsen ist. In der Öffentlichkeit präsentiert das Kind einer Lehrerin und eines Ingenieurs sich ruhig, besonnen und höflich. Familiäre Werte seien ihm sehr wichtig.

'Schwarz macht geil' - Sebastian Kurz 2010 mit seiner Jugendsünde, dem Geil-O-Mobil  

Doch diesen Ruf des Traumschwiegersohns von Österreich musste er sich zunächst erarbeiten. Als der gebürtige Wiener 2011 zum Staatssekretär für Integration wurde, zog er zu Beginn viel Spott der Medien auf sich. „Unfug und Party“ habe Kurz im Kopf und keine Ahnung von Integrationspolitik, berichtete die Tageszeitung Der Standard. Eine Zeit, die den jungen Politiker geprägt hat. Damals habe er gelernt, sich nicht nach Umfragewerten und Meinungen der Medien zu richten. Der Spott legte sich.

Mit 27 Jahren wurde Kurz schließlich zum jüngsten Außenminister in der österreichischen Geschichte. Nun wurde der mittlerweile 31-Jährige im Juli zum Bundesparteiobmann gewählt, was ihn gleichzeitig zum Spitzenkandidat für die anstehenden Nationalratswahlen werden lässt. Sebastian Kurz könnte am kommenden Sonntag, nach dem Esten Jüri Ratas (38) und Emmanuel Macron in Frankreich (39) zum jüngsten Staatsoberhaupt Europas gewählt werden.

Rechter Hardliner

Trotz seiner rasanten Polit-Karriere - das renommierte Time Magazine kürte ihn dieses Jahr  zu einem von zehn Next-Generation-Leaders - steht Kurz regelmäßig in der Kritik. Durch scharfzüngige Wortmeldungen und provozierende Äußerungen konnte er sich als Hardliner etablieren, der thematisch zunehmend nach Rechtsaußen abdriftet. Was er mit dieser Strategie der alten ÖVP voraus hat? Das Vertrauen vieler Österreicher in eine Umsetzung seiner Versprechen. „Herr Kurz hat schon in seiner Tätigkeit als Außenminister bewiesen, dass er Österreich neutral und diplomatisch vertreten kann“, sagt die 34-Jährige Ina Kumanovic-Heindl, die Kurz' Kampagne in den sozialen Medien unterstützt. Auch innenpolitisch gehe er direkt vor, zum Leidwesen der anderen „verkrusteten“ Parteien. Kurz spricht die Ängste der Menschen konkret an, verurteilt Schmähkampagnen gegen politische Kontrahenten und begeistert durch seine tatkräftige Art - ein proaktiver Stil, der viele Österreicher anspricht.

Aus Alt mach Neu

Dass Kurz seit längerer Zeit als nächster Parteiobmann der eher konservativen und wirtschaftsnahen ÖVP geahndet wurde, war kein Geheimnis. Allerdings schlugen die Forderungen, unter welchen er die Partei übernehmen wolle, hohe Wellen. Zu Kurz Konditionen zählten unter anderem die Erstellung einer eigenständigen Liste von Kandidaten bei der Nationalratswahl und die Möglichkeit eines Vetos gegenüber Kandidaten der Länderlisten. Böse Zungen behaupten, die ÖVP habe ihre innerparteiliche Demokratie aufgegeben. Wen wundert es da noch, dass der Frischgekrönte die neue Bewegung nach sich selbst benennt? - 'Liste Sebastian Kurz - die neue Volkspartei'. Auch das Farbkonzept wird ausgetauscht. Fortan präsentiert sich die ÖVP in frischem Türkis statt in klassischem Schwarz. Die Parteikollegen nahmen die Veränderungen und gleichzeitige Machtkonzentrierung dankend an und bestätigten ihn mit mehr als 98 Prozent der Stimmen.

Nicht unbedingt ein Zeichen für seine Kompetenz, meint Livija Marko-Wieser. Sie studiert Internationale Beziehungen und hinterfragt bereits seine Ernennung zum Außenminister. „Ich stelle mir die Frage, bis zu welchem Grad die Nominierung mit Kurz‘ Fähigkeiten und seiner Ambition zu tun hatte und wie sehr die ernste Personalkrise der ÖVP eine Rolle gespielt hat. Es fehlt ihr an führungsfähigen und charismatischen Politikern“, sagt die 23-Jährige. Sebastian Kurz brachte nicht nur eine optische Verjüngung, sondern auch eine totale Neustrukturierung der Partei. 

Bei den Österreichern kommt das gut an: Bereits als im Mai der vorherige ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner zurücktrat und Kurz am 1. Juli offiziell die Geschäfte übernahm, verbuchte seine Partei in den Umfragen einen sprunghaften Anstieg von mehr als zehn Prozent. Und auch in den Nachbarländern finden sich Anhänger. Er habe „Herz, Verstand und Charisma“ schreibt ein deutscher Fan auf Facebook. „Davon können wir hier in Deutschland nur träumen.“

Mit einem Mal rutschte die Volkspartei in den Wahlprognosen vom dritten auf den ersten Platz und verbannte die Rechtspopulisten der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) und die Sozialdemokraten (SPÖ), je nach Studie, mal auf Platz zwei oder drei. Seitdem bleiben die Prognosen für die ÖVP stabil bei etwa 33 Prozent. Der Kanzlerposten ist Sebastian Kurz kaum mehr zu nehmen.

Populismus oder Überzeugung?

Thematisch beruht Sebastian Kurz' bisheriger Erfolg vor allem auf dem Thema Migration. Als Ende 2015 tausende Syrer über Österreich nach Deutschland kamen, setzte sich Kurz als Verantwortlicher für die Schließung der Balkanroute in Szene, einer Kettenreaktion von Grenzschließungen, welche ohne Einbeziehung Deutschlands und der Europäischen Union arrangiert wurde. Dafür hagelte es zunächst internationale Kritik. Bis wenig später andere EU-Länder mit dem Türkei-Abkommen nachzogen. Beide Maßnahmen wurden stark von Hilfsorganisationen kritisiert. Trotzdem kündigte Kurz ein Jahr später als nächstes Ziel die Schließung der Mittelmeerroute an. Er diskreditierte NGOs, die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retten und sprach sich für Auffanglager in afrikanischen Staaten aus. Lösungen, die im eigenen Land nicht zu Stimmverlusten führen. Kurz inkarniert die Festung Europa, lang bevor seine europäischen Kollegen in den Reigen einstimmen.

„Schon als Integrationssekretär sah man Kurz an, dass er nicht wirklich an der erfolgreichen Integration unserer neuen Mitbürger interessiert war. Sein persönlicher Gesinnungswechsel in Sachen Migration ist daher nicht überraschend. Sebastian Kurz steht für rein gar nichts, er springt einfach nur auf den fahrenden Zug der öffentlichen Meinung auf, um den größten Profit für sich zu erzielen. Das machen viele Politiker, jedoch werden die in der Regel nicht als Messias ihrer Partei gepriesen“, merkt Livija Marko-Wieser an.

Tatsächlich vertrat Kurz nicht immer so rechte Positionen. „Der durchschnittliche Zuwanderer von heute ist gebildeter als der durchschnittliche Österreicher“, sagte er noch Mitte 2015 und rief damit viel Protest hervor. Als „Spätzünder“ bezeichnet ihn sein Gegner Strache (FPÖ) wegen des aktuellen Abdriftens gen Rechts. Zum Beispiel hat Kurz 2016 die Vollverschleierung gefordert, die am 1. Oktober in Kraft getreten ist. Die Strategie ist bekannt: Kurz ist auf Wählerfang am rechten Rand. Ihn aber in eine Ecke mit den Rechten der Alternative für Deutschland (AfD) oder dem Front National in Frankreich zu stellen, würde seinem Programm auch nicht gerecht. Selbst wenn er zumindest von Teilen der AfD sehr hofiert wird, so grenzt Kurz sich doch vor allem durch sein klares Ja zu Europa von ihnen ab. 

Pragmatismus statt Idealismus

Es bleibt das Bild von einem jungen, ehrgeizigen Politiker, der weniger aus Idealismus als aus Pragmatismus handelt. Der sich in seiner Funktion als Staatssekretär und Außenminister den Respekt vieler Österreicher verdient hat und für sie die Hoffnung auf Veränderung bedeutet. „Meine Stimme gilt nicht der Sympathie zum Menschen Kurz“, sagt die junge Österreicherin Ina Kumanovich-Heindl, „sondern es stellt für mich die beste Option für unsere Zukunft dar.“ „Kurz ist ganz klar ausschließlich an seinem eigenen Erfolg und Karriere interessiert. Trotzdem geht sein kalkuliertes Spiel auf und die Öffentlichkeit sieht viel mehr in ihm, als dahinter steckt“, gibt Livija Marko-Wiesner Kontra.

Fest steht - Kurz markiert eine neue politische Ära, die Populismus und Hochglanz-Image kombiniert. Das Konzept der Machtkonzentration auf einen Mann, der gegen den politischen Islam wettert und mit einfachen Parolen Sicherheit und Wohlstand verspricht, funktioniert sichtlich auch in einer europäischen Demokratie. Dank seines Alters und professioneller Selbstinszenierung wirkt Kurz allerdings nicht wie Putin und Co., sondern zeigt sich als kompromissloser Durchstarter mit den besten Chancen, der jüngste Staatsmann der Welt zu werden.

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