Schwulen-Combo, Hurensohn: Was in Europa sprachlich (nicht) durchgeht

Artikel veröffentlicht am 15. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 15. Juli 2010
Die Image-Experten rund um Barack Obama haben wohl entschieden, dass die Amerikaner nun bereit seien, das Wort “Arsch” (ass) aus dem Mund ihres Präsidenten zu hören - schreibt The Economist. Und wie weit können Sportler und Politiker sprachlich in Europa gehen?

Obama hatte im Rahmen der Ölpest-Katastrophe im Golf von Mexiko gesagt, er würde Experten konsultieren, um zu wissen „in welchen Hintern er treten müsste“ (whose ass needs to be kicked). Einmal über den Atlantik, haben die Briten ihrerseits ein sehr spezielles Verhältnis zu Kraftausdrücken - ein Buchstabendreher, und der Skandal ward geboren!

So zum Beispiel erging es David Cameron (bevor er Premierminister wurde) in einem Radiointerview. Darin bestätigte er, dass er Twitter nicht verwende, weil too many twits might make a twat ("zu viele Deppen eine Fotze ergeben würden"). Der Journalist konnte sich vor Lachen kaum wieder einkriegen: „Fantastic!“, rief er im Studio aus. Wer würde glauben, dass Cameron 2008 höchstpersönlich sagte: „Öffentliche Beleidigungen, das Vernachlässigen älterer Menschen oder unangemessenes Benehmen mit Verkäufern oder Busfahrern sind genauso inakzeptabel wie Rassismus!" (Swearing in public, neglecting the elderly, being rude to shop workers or bus drivers - these should be as unacceptable as racism).

Wo die Politik ist, ist der Sport nicht weit: Auch der französische Fußballspieler Nicolas Anelka brachte das Fass zur diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft sprachlich zum Überlaufen und machte mit seiner Beleidigung des französischen Nationaltrainers Raymond Domenechweltweit Schlagzeilen. Anstatt die Strategie für das Match gegen Mexiko mit Domenech zu diskutieren, brach es plötzlich aus ihm heraus Va te faire enculer, fils de pute ("F..k Dich in den A...h Du Hurensohn"), was ihn schlussendlich seinen Job und die Bleus ihren guten Ruf kostete. Mit einem weitaus höflicheren Va te faire voir chez les Grecs ("Lass Dich bei den Griechen sehen", was so viel heißt wie Mach die Fliege zu den Griechen!) hätte Anelka eventuell noch die Kurve kriegen können. Doch auch wenn diese französische Redensart weniger unhöflich anmutet, versteckt sich auch hierin eine homophob eingefärbte Beleidigung.

Die Homophobie spielt in der Welt des Sports und der Politik auch immer wieder eine Rolle, als werde die Männlichkeit mit einer derartigen Beleidigung in Frage gestellt. Skandal machte jüngst die Aussage von Ballack-Berater Michael Becker (Spiegel-online), die deutsche Nationalelf sei eine Schwulen-Combo. Vor einigen Jahren musste auch der ehemalige Profifußballer und Nationaltrainer Jürgen Klinsmann sich ein „Schwaben-Schwuchtel“ von Talker Harald Schmidt gefallen lassen. Auch in der Politik geht es nicht unbedingt feiner zu: Werner Königshofer von der Freiheitlichen Partei Österreichs verlor im Januar dieses Jahres die Nerven und nannte seinen grünen Kollegen Gebi Mair „Landtagsschwuchtel“. Das Schwuchteln stammt etymologisch übrigens aus dem Altdeutschen und bedeutet soviel wie ‚tänzeln, euphorisch herumspringen etc…‘ - nicht gerade ein Weltuntergang, wenn ihr einen Polen wie mich fragt!

Bei uns zum Beispiel wurde der polnische Präsident Lech Kczynski in einer Fernsehshow vom Abgeordneten Janusz Palikot als cham (das deutsch-polnische Wörterbuch sagt „Flegel“, aber im Polnischen muss dieses Wort wohl unter aller Würde sein) bezeichnet. Deshalb scheint es auch nicht weiter verwunderlich, dass Kaczynski daraufhin während der Präsidentschaftskampagne einen ähnlich rüpelhaften Ton anschlug und einen Wähler öffentlich mit ‚spieprzaj dziadu’ ("Verpiss Dich Du Bauer") anpöbelte. Die Besonderheit dabei im Polnischen ist das „“ in s-pieprzaj, welches bedeutet, dass das Gegenüber sich nicht nur ‚verpissen‘ (pieprzyć), sondern dies auch noch möglichst in weiter Ferne tun sollte. 

Illustration: ©Henning Studte; Video ©Auto-Tune the news #12/Youtube