Schwule in Litauen: Kampf im Verborgenen

Artikel veröffentlicht am 2. April 2007
Artikel veröffentlicht am 2. April 2007

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In Litauen sind die Gesetze zum Schutz sexueller Minderheiten nur demokratische Fassade. Doch Aktivisten bemängeln, dass die Schwulengemeinschaft selbst oft nicht offensiv genug vorgeht.

Die Außentemperatur in Vilnius liegt bei Minus 30 Grad. Im hinteren Teil eines düsteren Hofes leuchtet im zweiten Stock ein schwaches Neonlicht. „Dort ist es“, sagt Eduardas Platovas und weist mit dem Finger auf das Rechteck, hinter dem sich seit mehr als einem Jahrzehnt der Ort seines Kampfes verbirgt. In einem Hinterhof versteckt, versucht der Sitz der Lithuanian Lesbian & Gay League (LLGL) möglichst anonym zu bleiben. Es gibt weder ein Zeichen noch einen Schriftzug am Eingang. Nur das gedämpfte Geräusch von Stimmen dringt durch die Tür.

Einmal im Monat versammeln sich die Mitglieder der homosexuellen Gemeinschaft Litauens in der kleinen Wohnung, deren Wände von gelben, feuchten Flecken überzogen sind. An diesem Abend sind rund zwanzig Personen gekommen, um den Vortrag eines renommierten Professors zum Thema Homophobie anzuhören. „In Litauen sind Schwule gewohnt zu schweigen“, flüstert Virginija, 25 Jahre und Mitglied der LLGL. „Niemand fühlt sich einer Gruppe zugehörig, niemand glaubt wirklich, etwas verändern zu können.“

Im Takt einer Wanduhr und in Begleitung des zustimmenden Nickens des Publikums zieht eine Reihe von Fotos über einen Bildschirm. Über dem Kamin hängt schüchtern die bunte Fahne der Schwulengemeinschaft. Nach Ende des Vortrags strömen die Teilnehmer zu einem Buffet, das in einem Hinterzimmer aufgebaut ist. Bei Wein und Häppchen begrüßt und unterhält man sich, beobachtet und verführt einander. Eine von vielen Möglichkeiten, die Erniedrigungen des Alltags zu vergessen.

Denn in Litauen , wo „der Wind des Kapitalismus weht“, wie die Politiker des baltischen Landes stolz betonen, bleiben Schwule eine unsichtbare Minderheit, die ständiger Diskriminierung ausgesetzt ist. In einer Umfrage der LLGL aus dem Jahr 2003 erklärten 68 Prozent der Litauer, lieber neben einem Drogendealer als neben einem Homosexuellen zu leben. Zwei Drittel der Schwulen fürchten sich demnach, ihrer Familie ihre sexuelle Neigung zu offenbaren. 89 Prozent der Befragten hatten Angst, dass ihr Arbeitgeber ihre Homosexualität entdecken könnte.

Politisch korrekt für den EU-Beitritt

„Natürlich werden Homos nicht auf offener Straße misshandelt oder geschlagen“, erklärt Mindaugas. Er ist Rechtsberater des Vereins Tolerant Youth Association (TYA) und weigert sich, seinen vollen Namen zu nennen. „Doch die Gesetze zum Schutz sexueller Minderheiten werden nicht angewandt.“ Auch 17 Jahre nach der Unabhängigkeit bleiben die Spuren des sowjetischen Jochs sichtbar, trotz des Glanzes, den die Mitgliedschaft in der Europäischen Union über das Land gebreitet hat. Auch wenn ein bekannter Witz lautet, dass zur Zeit Stalins „Sex nicht existierte“, galten Beziehungen zwischen Angehörigen des gleichen Geschlechts als Straftat – und wurden entsprechend verfolgt.

Seit 1993 hat die Regierung unter dem Druck aus Brüssel in Hinblick auf den angestrebten Beitritt zur EU die Gesetzgebung entschärft. Zehn Jahre später trat tatsächlich ein nationales Programm gegen Diskriminierung in Kraft und es wurde ein Ombudsmann für die Gleichheit der Geschlechter ernannt. Als Sahnehäubchen erhielt Litauen dieses Jahr einen Betrag von 150 000 Euro von der EU, um im Rahmen des Programms ‚Equal’ eine Reihe von Projekten zur Integration der Minderheiten zu unterstützen. Doch handelt es sich bei alledem tatsächlich um mehr als den Versuch, sich ein reines Gewissen zu schaffen?

„Unsere Politiker haben nicht gewagt, sich zur Homosexualität zu äußern. Sie wollten den Beitrittsprozess gefährden“, erinnert Vladimir Simonko, einer der Gründer der LLGL. „Doch seitdem sie Mitglied des europäischen Klubs sind, predigen alle laut und deutlich die Rückkehr zu den traditionellen Werten.“ Eine Umfrage der litauischen Tageszeitung Respublika belegt die Heuchelei: Von den 140 Abgeordneten des litauischen Parlaments betrachten 100 die Homosexualität als „Perversion“. Der konservative Parlamentarier Kazys Bobelis ging sogar noch weiter: „Homosexualität tolerieren? Warum tolerieren wir dann nicht gleich Sodomie?“

Beleidigungen in der Boulevardpresse

Auf dem alten Kontinent ist Litauen jedoch nicht die einzige Nation mit einem reaktionären politischen Diskurs. Von schwulenfeindlichen Ausfällen der Kazcinsky-Brüder in Warschau bis zu den Unruhen während der lettischen Love Parade im Sommer 2006 – den Schwulen an der Ostseeküste fällt es schwer, das Leben in rosaroten Farben zu sehen.

Ein Sprichwort sagt, dass die Litauer allein ihrem Präsidenten, der Kirche und der Presse vertrauen. In Fragen der Sexualität zeigt sich, dass der Einfluss der letzten beiden Institutionen mindestens ebenso schädlich ist wie der der Politik. Die Lokalmedien – mehrheitlich Boulevardblätter – verwenden immer öfter schwulenfeindliche Anspielungen, die teilweise beleidigend sind. „Hühnerpenis“ (vištgaidis) ist der Spitzname, den die beliebteste Boulevardzeitung Vakaro zinios ganz offen für Schwule benutzt. Die Kirche ihrerseits, seit der Sowjetzeit vom Heiligenschein des „Widerstands“ umgeben, kann über die Verbreitung ihres konservativen Familien- und Geschlechterbilds zufrieden sein: 80 Prozent der litauischen Bevölkerung sind katholisch.

Allerdings besteht noch ein weiteres Hindernis für die Integration der Schwulen. Ein Hindernis, das in der litauischen Mentalität selbst begründet ist. Der Soziologe Arnoldas Zdanevicius spricht von einer „kulturellen Lähmung“. „Den Schwulen gelingt es nicht, ihr ‚coming out’ zu machen“, erklärt er. „Keine einzige bedeutende Persönlichkeit hat sich jemals öffentlich zu ihrer Homosexualität bekannt.“ Allein einer der bekanntesten Designer des Landes hat in einem Interview gewagt, von seiner „kosmischen sexuellen Orientierung“ zu sprechen.

Schwul nur am Wochenende

Doch sieht man von der gegenwärtigen Schwulenfeindlichkeit ab, muss man sich fragen, ob die Schuld für die derzeitige Lage nicht auch zum Teil am mangelnden Kampf der Schwulengemeinde liegt. „Ich habe oft das Gefühl, dass die Mehrheit der Homos nur Party machen wollen“, beklagt Virginija. „Niemand will sich politisch engagieren.“ Dies liegt wohl auch daran, dass in einem „so provinziellen“ Land alles bald bekannt ist. Viel zu schnell für die einen. Zu langsam für die anderen.

In der Men’s factory, einem Schwulenklub in Vilnius, den der Russe Alekseï Terenteï vor zwei Jahren eröffnet hat, finden sich an allen Ecken Penisse aus Pappmachée. Verschiedene Dunkelzimmer laden zum Besuch und in der Mitte der Tanzfläche verspricht eine Dusche Erfrischung. Der Preis für einen Abend in dieser früheren Waffenfabrik, die in ein Sado-Maso-Verlies verwandelt wurde, liegt bei 40 Litas – also rund 20 Euro. Diese nicht unerhebliche Summe hindert mehrere hundert Liebhaber nicht daran, jedes Wochenende hierher zu kommen. Die Russen, die in den Worten des Besitzers „auf diesen Ort abfliegen“, nicht mitgezählt.

Wasserstoffblond und muskelbepackt wirft Terenteï sich in die Brust, als er erklärt, der „einzige offizielle Schwule ganz Litauens zu sein.“ Er fügt hinzu, „sich unablässig gegen die Behörden und die Polizei wehren zu müssen“, um seine Identität durchzusetzen. Er ist immer bereit zu provozieren, und sagt, dass ein Laden wie die Men’s factory mehr für die Sache der Schwulen leiste als alle Vereine, die gegen die Diskriminierung kämpften. „Diese Vereine können zwar Geld mobilisieren, doch wo ist das sichtbare Resultat ihrer Aktionen?“ fragt er.

Zwar werden regelmäßig Aufklärungskampagnen, Seminare und Debatten von der Lithuanian Lesbian & Gay League organisiert. Im Oktober 2007 soll sogar die jährliche Konferenz der International Lesbian and Gay League (ILGA) in Vilnius stattfinden – eine Veranstaltung, die schon heute den Ärger der Politiker erregt. Dennoch wollen die litauischen Schwulen mit ihrer Mobilisierung nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen oder gar „Kamikaze“ begehen. Sprich: Sich öffentlich outen.

„Die Schwulengemeinde ist zersplittert und die einzelnen Gruppen zur Verteidigung der sexuellen Minderheiten sind untereinander zerstritten“, erklärt Mindaugas. Offensichtlich schaden diese internen Streitereien der Durchsetzung ihrer gemeinsamen Interessen. Für Eduardas Platovas, den Präsident der LLGL, ist dies aber nicht das einzige Argument. „Wir versuchen seit mehr als zehn Jahren, die Rechte der Schwulen zu verteidigen, doch Veränderungen sind kaum sichtbar“, seufzt er. „Vielleicht waren wir zu idealistisch… Die junge Generation interessiert sich nicht mehr für Menschenrechte, sie denkt nur ans Geldverdienen.“

Mit Dank an Dionisas Bajarunas. Fotos: Eduardo Garcia, Prune Antoine und Men's factory