Schwul ist cool

Artikel veröffentlicht am 10. Januar 2005
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Artikel veröffentlicht am 10. Januar 2005

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Homosexualität ist kein Tabu mehr: Während der letzten vierzig Jahre traten die Homosexuellen zunehmend ins Rampenlicht. Sie verstecken sich nicht mehr, sie sind unter uns und es gibt keinen Zweifel, dass sie es auch bleiben werden.

Obwohl es sich bei der Homosexualität keineswegs um eine neue Erscheinung handelt, fand sie erstaunlicherweise erst in den letzten Jahrzehnten ihre Akzeptanz in der europäischen Gesellschaft. Nach Jahrhunderten der Unterdrückung brachten die 1960er und 1970er schließlich den Bruch mit den gesellschaftlichen, kulturellen und sexuellen Schranken. In dieser psychedelischen und hedonistischen Ära fand die Homosexualität eine Stimme und einen Platz in der Gesellschaft, welcher es den Schwulen und den Lesben erlaubte, sich in nie gekannten Zahlen zu "outen".

Ein Schritt nach vorne, zwei Schritte zurück

In den 1980ern jedoch setzte AIDS der Euphorie ein rasches Ende. Die Homosexuellen, denen faktisch die Schuld am Ausbruch dieser unbekannten Krankheit gegeben wurde, standen wieder einmal isoliert da. Doch waren sie nicht mehr einfach nur eine unterdrückte und marginalisierte Gruppe, die um ihre gesellschaftliche Akzeptanz kämpfte, sie waren nunmehr eine unterdrückte und marginalisierte Gruppe, die von vielen gehasst und von allen gemieden wurde. Der Mangel an konkreter Information über den Virus löste eine Panik aus, die bei vielen unvernünftigen Mutmaßungen über die Verbreitung von AIDS führte und die "Schwulen" und "Schwuchteln" ins Zentrum der Empörung rückte.

Doch gerade diese Hetzjagd wurde zu einem der wesentlichen Antriebskräfte für die Pro-Gay-Kampagne der folgenden Jahre. Als die Gemeinschaft der Homosexuellen stärker zusammenrückte um den gegen sie erhobenen Vorurteilen entgegenzutreten, entstanden Initiativen wie Gay Pride, die entscheidend zur AIDS-Aufklärung beitrugen. In Folge erlebten die 1990er eine wahre Renaissance in Sachen Homosexualität. Genauso wie zuvor in den 1960ern und 1970ern waren einige der populärsten Figuren der kulturellen Sphäre wieder einmal Homosexuelle, wobei die Modewelt sich als am offensichtlichsten tolerant zeigte. Überall von den Laufstegen bis zu den Flaniermeilen war der Einfluss der Homosexuellen unübersehbar. Dank Modedesignern wie Jean Paul Gaultier und Gianni Versace oder Musikern wie George Michael und Elton John (Liebling aller Hausfrauen und dennoch die exzentrischste "Queen" seit Liberace) wurde Schwulsein zum Synonym für Stil.

Schwul ist chic

Das Erwachen einer homosexuellen Identität und die wiedererlangte gesellschaftliche Toleranz bedeuten, dass schwul jetzt als cool gilt. In vielen der großen europäischen Städte gelten die Schwulenviertel als die besten Plätze zum Ausgehen. Diese dynamischen, vibrierenden und elektrisierenden Orte sind der Pulsschlag der Schwulenszene: Soho in London, Le Marais in Paris oder der Gärtnerplatz in München, um hier nur einige zu nennen. Die beliebte britische Fernsehserie ‘Queer as Folk’ wurde sogar im Schwulenviertel von Manchester gedreht. Andere Fernsehsendungen, wie das französische "Queer", in dem eine Gruppe trendiger schwuler Männer einem unattraktiven Hetero ein neues Outfit verpasst, zeigen wie etabliert Homosexualität geworden ist.

Trotzdem ist noch nicht alles eitel Sonnenschein im Garten der Homosexualität. Während homosexuelle Männer viel Freiheit und Toleranz genießen, befinden sich homosexuelle Frauen nach wie vor irgendwo zwischen Akzeptanz und Ablehnung. Im Gegensatz zu den "übercoolen" Schwulen, die viel kulturelle Anerkennung erfahren, wird das Bild der lesbischen Frau von einem viel weniger schmeichelhaften Stereotyp beherrscht. Die zeitgenössischen homosexuellen Frauen werden als verbissene radikale Feministinnen gesehen, immer aggressiv, doch niemals chic. Frauen, die sich ständig politisch benachteiligt fühlen, Männerhasserinnen mit behaarten Beinen und einem kahl rasierten Kopf. Paradoxerweise wird die Vorstellung von Liebe zwischen zwei Frauen von einer großen Anzahl von heterosexuellen Männern und Frauen als attraktiv empfunden. Aber beide dieser Bilder sind mehr Fiktion als Realität. Wie in jeder gesellschaftlichen Gruppe gibt es auch bei lesbischen Frauen alle möglichen Erscheinungen, Größen und Gestalten, Hautfarben und Konfessionen. Sie sind weder der Haufen glatzköpfiger Lesben, noch sind sie die blonden sonnengebräunten Lesben, als die sie von vielen gesehen werden. Die echten Lesben schweben irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden Vorstellungen.

Mehr noch, die Veränderungen in der Art des Umgangs mit den Homosexuellen sind nicht so radikal wie es oftmals anfänglich scheint: Homosexuelle werden immer noch als "anders" angesehen. Es ist wahr, dass Homosexuelle heute mehr gesellschaftliche Akzeptanz und Ausdrucksfreiheit genießen als jemals zuvor. Aber das bedeutet keineswegs, dass die Vorurteile, die vor noch nicht einmal zwanzig Jahren noch existiert haben, heute nicht mehr vorhanden sind. Als die Homosexuellen aufhörten, sich zu verstecken und in die Öffentlichkeit traten, haben die Menschen, die sich so sehr gegen die Liberalisierung des Schwul- und Lesbischseins gewehrt haben, sich selbst Verstecke gesucht. Die Homophobie der 1980er und der früheren Zeit existiert nach wie vor, nur ist sie jetzt selbst zu ebenso einem Tabu geworden - wie zuvor die Homosexualität, die sie kritisierte. Aber „the times they are a-changing”, wie es Bob Dylan einmal in den 1960ern gesagt hat, die Zeiten ändern sich, und für die Homosexuellen in Europa scheinen sie sich endgültig zum besseren geändert zu haben.