Schwenglisch und Schwalkohol: Ein Student aus Uppsala

Artikel veröffentlicht am 3. August 2009
Artikel veröffentlicht am 3. August 2009
Wie ist das Leben in einem Land, das manche meiner amerikanischen Kollegen für einen sozialistischen Staat halten, dessen Einwohner eine recht lose Moral und deutliche Anzeichen liberaler Idiotie an den Tag legen? Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, wenn ich Euch erklären will, wie falsch sie liegen.

Schweden ist ein weit entferntes Land mit eher zurückhaltenden, aber sehr gut aussehenden Einwohnern und einer faden Küche. Ich habe mich für ein Studium dort entschieden, um herauszufinden, ob das Land von smörgåsbord (das schwedisches Buffet) wirklich das ist, was ich erwartet hatte. Schweden war schließlich sogar viel mehr, als ich mir jemals hätte vorstellen können! Hin- und Rückflug von Portland (Oregon) nach Stockholm (Arlanda Airport) mit SAS Scandinavian Airlines kostete knappe $535.00 (376€), da ich schon frühzeitig daran gedacht hatte, meine Flugtickets in der Nebensaison zu kaufen.

©Mark Arellano

„Ach, du kannst ja Schwedisch!“

Uppsala ist etwas billiger als Stockholm, in dem man fast doppelt so tief in die Tasche greifen muss, und beherbergt die älteste Universität Skandinaviens: Ich gebe monatlich im Durchschnitt etwa 4.600 ©Mark ArellanoSchwedische Kronen aus (420€). Den Großteil macht die Miete von 300 Euro für ein Zimmer im Studentenwohnheim aus, das zusammen von der Universität und örtlichen Wohnungsbaugesellschaften zur Verfügung gestellt wird. In die Stadt gehe ich nur, um verschiedene Besorgungen zu machen, wie zum Beispiel ein Tetrapack Milch von dem ICA Supermarkt oder um auswärts essen zu gehen: Im Durchschnitt zahlt man in einem Restaurant der mittleren Preisklasse zwischen 69 und 100 Schwedische Kronen (zwischen 6 und 9€). In Cafés und Fast Food Restaurants gibt es manchmal Studentenrabatte (en student rabatt genannt). Für etwa 50 Schwedische Kronen (5€) bekommt man dafür meist Suppe, Salat, Hauptgang und Getränk.

Diese Alltagssituationen und kurzen Begegnungen in Uppsala sind komplett von ausländischen Standards und Erwartungen beeinflusst. Da schadet es nicht, dass ich Schwedisch sprechen kann, denn so kann ich Gespräche führen und die melodischen Konversationen sowie den hintergründig aggressiven Klatsch der wunderbar attraktiven und tölpelhaft großen Schweden verstehen. Sie sind meist sehr überrascht, dass ich Schwedisch sprechen kann: „Du kan tala på svenska“ (auf Deutsch „Du kannst ja Schwedisch!“; A.d.R.) und „Vad bra svenska du har!“ (auf Deutsch „Wie gut dein Schwedisch ist!“; A.d.R.), bekomme ich dementsprechend oft zu hören und werde dabei meist rot.

Schwedische Freundlichkeit

Für Schweden ist das amerikanische Konzept der automatischen Höflichkeit gegenüber Fremden unecht und überflüssig.

Aber die Schweden sind auch ein sonderbar zurückhaltendes Volk. Wenn ich die kopfsteingepflasterten Straßen von Uppsala oder Stockholm entlang spaziere, schaut mir keiner in die Augen, begrüßt mich oder lächelt. Schwedische Freunde sagen, es sei vielleicht die verschlossene Mentalität: Man grüßt einfach niemanden, den man nicht kennt. Für sie ist das amerikanische Konzept der automatischen Höflichkeit gegenüber Fremden unecht und überflüssig. Es stimmt schon: Die offene Freundlichkeit der Amerikaner gegenüber einer Person, die sie zum allerersten Mal treffen, kann oberflächlich wirken. Trotzdem ist das für mich eine Frage des Anstands, denn jeder hat es verdient, mit Respekt behandelt zu werden. Das scheint allerdings keine Rolle in einem Land zu spielen, in dem angeblich Gleichberechtigung herrscht und das auf seinen Sozialstaat und seine Toleranz gegenüber anderen stolz ist. Wahrscheinlich hat mein Schwedischlehrer doch recht, wenn er sagt:„Es zahlt sich einfach nicht aus, in Schweden höflich zu sein.“

Schwenglisch und Schwalkohol

Es kann frustrierend sein, in einer Gesellschaft zu leben, in der sich einige der alten Klischees bewahrheiten. Besonders das Selbstbewusstsein, das die Schweden in Bezug auf ihr gesprochenes Englisch an den Tag legen, schlägt schnell in Arroganz um. Auch wenn man zugeben muss, dass das Englisch der Schweden überdurchschnittlich gut ist, macht es das noch nicht unbedingt fließend. Wenn ich in ein Café gehe und auf Schwedisch bestelle, wird mir oft auf Englisch geantwortet. Das verblüffte mich bei mehreren Gelegenheiten sehr. Ich weiß, dass ich keine Fehler mache und auch keinen starken Akzent habe, wo liegt dann also das Problem? Wieder erklären schwedische Freunde, dass die Schweden stolz auf ihr Englisch sind und es gerne zeigen oder üben wollen, wann immer es geht. Ich freue mich zu helfen, aber unverhohlene Unverschämtheit nervt. Mittlerweile reden aber viele meiner Freunde Schwedisch mit mir - und dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Auch wenn sich die Mär von der „schwedischen Kälte“ als wahr erweist, können die Schweden doch einige Überraschungen aus dem Ärmel zaubern. Die Alkoholmenge, die sie trinken, überrascht mich, liegt doch der Durchschnittspreis eines Biers bei 75 Schwedischen Kronen (7€). Die staatlich verwaltete Systembolaget ist die einzige Gesellschaft, die Alkoholika, Wein und starkes Bier in ganz Schweden verkauft. Normalerweise belaufen sich die Durchschnittspreise auf 15 Schwedische Kronen (1,30€) für schwedisches Bier und 25 Schwedische Kronen (2,27€) für importiertes Bier.

Die Wintertage im Dezember und Januar, wenn die Sonne um ein Uhr untergeht, sind gezeichnet von ewiger Dunkelheit, die vielen Schweden die Gelegenheit gibt, sich schlecht zu benehmen. Unzählige Leute auf Fahrrädern fahren über den weißen, glänzenden, frisch gefallenen Neuschnee - auf rutschigen Reifen, die aufgrund des betrunkenen Zustandes der Fahrer seltsame Schlenker machen. Die Winternächte können brutal kalt und furchtbar lang sein. Verglichen mit den langen Frühjahrstagen im Mai und Juni, wenn das Licht nicht vom Mitternachtshimmel weicht, stellt sich ein Gefühl von Zeitlosigkeit ein, eine Mischung aus Glück und der Sicherheit.