Schweizer Rechtspopulist Christoph Blocher überholt

Artikel veröffentlicht am 12. März 2014
Artikel veröffentlicht am 12. März 2014

Der schwei­zer Do­ku­men­tar­fil­mer Jean-Stéphane Bron, ist durch das Prozessdrama Cle­ve­land gegen Wall Street be­kannt geworden. Nun macht er sich daran, das po­li­ti­sche Leben in sei­nem ei­ge­nen Land zu durchleuchten: L'Expéri­ence Blo­cher ist ein in­ti­mes Por­trait jenes Man­nes, der die Hass­lie­be zwi­schen der Schweiz und der EU schürt.

Schon 1992 hat man ihn mit dem Fran­zo­sen Jean-Ma­rie le Pen und dem Ös­ter­rei­cher Jörg Hai­der ver­gli­chen. Aber Chris­toph Blo­cher ist mehr als nur ein Ver­tre­ter der rechts­ex­tre­men Po­pu­lis­ten Eu­ro­pas. In­ner­halb we­ni­ger Jahre ist er mit mehr oder we­ni­ger schrillen me­dia­len Auf­trit­ten zum Er­folgs­mo­dell ge­wor­den.

"Wenn ich in Ihr Ge­sicht sehe, habe ich das Ge­fühl mein Land unter einem Blick­win­kel zu sehen, den ich noch nicht kenne", hört man Regisseur Brons Stim­me aus dem Off sagen. Blo­chers Kampf gegen die Eu­ro­päi­sche Union zeigt ein an­de­res Ge­sicht Eu­ro­pas: Blochers Europa. Der Film ist wie ein Weg zu­rück in eine be­un­ru­hi­gen­de Ge­gen­wart. Ein Weg, der an die dunk­len Stun­den der 1930er Jahre in Eu­ro­pa erinnert. Der Ver­gleich ist ge­wagt und um­strit­ten, aber er drängt sich uns auf. Wir hof­fen, dass er uns ret­tet.

"Er spielt eine zen­tra­le Rolle in un­se­rem Kol­lek­ti­ven un­ter­be­wusst­sein"

Jean-Sté­phane Bron star­tet seine Doku mit einer Re­fel­xi­on über My­then. Blo­cher sei "ein wich­ti­ger Dar­stel­ler un­se­res kol­lek­ti­ven Un­ter­be­wusst­seins". Die Stun­de sei­ner po­li­ti­schen Ge­burt ist das Re­fe­ren­dum von 1992, bei dem die Schwei­zer über ihren Bei­tritt zum Eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­raum ab­stimm­ten. Blo­cher hat da­mals mehr als 200 Reden ge­hal­ten und bei tau­sen­den Schwei­zern die Angst um den Ver­lust der Sou­ve­rä­ni­tät ge­schürt. Als das Votum ein über­ra­schen­des "Nein" ergab, wurde er end­gül­tig zum Star. In ganz un­glaub­li­chen Sze­nen bei ver­schie­de­nen Mee­tings ver­gleicht er sich selbst mit einem König des Mit­tel­al­ters, mit Mo­zart, und sogar... mit Gott! Aber seine Ex­tra­va­ganz lässt man ihm durch­ge­hen.

Jean-Sté­phane Bron ver­sucht sich an einer dop­pel­ten Psy­cho­ana­ly­se: Er er­zählt von der Ver­füh­rungs­kunst die­ses Man­nes, der aus dem Nichts ge­kom­men ist, und ver­sucht gleich­zei­tig seine Psy­che zu kna­cken. Blo­cher ist Sohn eines Pas­tors und macht eine land­wirt­schaft­li­che Lehre. Aber er be­sitzt kein Land und muss daher die­sen Traum auf­ge­ben. Genau diese pri­mi­ti­ve Angst um Land, das es zu ver­tei­di­gen gilt, sei der Ur­sprung und tie­fe­re Grund der po­li­ti­schen Po­si­ti­on Blo­chers und gleich­zei­tig die Er­klä­rung der Fas­zi­na­ti­on, die er auf die Menge aus­übt.

Ein Fi­nanz­hai

Ein Blick auf den Wer­de­gang der Per­son führt uns in seine Ver­gan­gen­heit als Fi­nanz­hai. Als der In­dus­trie­boss und ent­hemm­te Ka­pi­ta­list Blo­cher, kauf­te er Ems-Chemie im Jahr 1983 und ist 1999 be­reits 2 Mil­li­ar­den Dol­lar schwer. Er ge­hört zu jener Lobby, die ohne Skru­pel und mit zy­ni­schem Op­por­tu­nis­mus ihre Ge­schäf­te mit dem Apart­heidsregime Südafrikas der 1980er Jahre führte. Einer anderer Han­dels­part­ner war da­mals das kom­mu­nis­ti­sche China.

L'expéri­ence Blo­cher - Trailer

Sein stän­di­ger Spa­gat zwi­schen den höchs­ten Fi­nanz­sphä­ren und dem ein­fa­chen Volk ist das Ge­heim­nis sei­nes Er­folgs an der Spit­ze der Schwei­zer Volks­par­tei. Wi­der­sprüch­lich­kei­ten sind dabei für ihn kein Pro­blem: Er ver­tei­digt die schwei­zer Ar­beit­neh­mer gegen die Kon­kur­renz durch "Ar­beits­mi­gran­ten". Gleich­zei­tig ist er als kno­chen­har­ter Fir­men­sa­nie­rer be­kannt, der vor nicht Kün­di­gun­gen zu­rück­schreckt. Es hat etwas Fas­zi­nie­ren­des ihm dabei zu­zu­hö­ren, wie er sich mit un­glaub­li­cher Dem­ago­gie immer wie­der aus handfesten An­schul­di­gun­gen her­aus­re­det.

"ein Alt-acht­und­sech­zi­ger der an­de­ren art"

Er be­herrscht das Spiel mit den Me­di­en per­fekt. 1999 hat er damit die Schwei­zer Volks­par­tei an die Spit­ze ge­bracht, 2003 ist er in die Re­gie­rung ein­ge­zo­gen. Er setzt sich gerne dem me­dia­len Zir­kus aus, der sei­ner Mei­nung nach dazu dient "das Pro­va­ka­ti­ons­le­vel eines The­mas zu er­hö­hen, um eine öf­fent­li­che De­bat­te los­zu­tre­ten." Das beste In­stru­ment dafür ist die Nen­nung von Sün­den­bö­cken.

Eine frem­den­feind­li­che Pla­kat­kam­pa­gne jagt die an­de­re. Kri­mi­nel­le Zu­wan­de­rer wer­den dabei als die "schwar­zen Scha­fe" des Lan­des be­zeich­net. Die Mehr­zahl der Mi­gran­ten in der Schweiz ist aus Frank­reich, Deutsch­land und anderen eu­ro­päi­schen Ländern. Blo­cher be­zeich­net sich selbst gerne als ein "Alt-Acht­und­sech­zi­ger der an­de­ren Art". Er schür­te die Span­nun­gen in der schwei­zer Ge­sell­schafts der­ar­tig, dass er 2007 aus der Re­gie­rung ge­schmis­sen wurde. Ein his­to­risch ein­ma­li­ges Er­eig­nis.

Seine persönliche Revanche bei den Parlamentswahlen im Jahr 2011 war missglückt. Aber Jean-Stéphane Bron meint dazu, dass man sei­nen viel tie­fer ge­hen­den Sieg auf einem anderen Ter­rain nicht un­ter­schät­zen sollte: Seine Ideen, die in der schwei­zer Ge­sell­schaft sa­lon­fä­hig ge­wor­den sind. Die­sen Sieg be­zeugt auch die "Volks­in­itia­ti­ve gegen Mas­sen­ein­wan­de­rung" vom 9. Fe­bru­ar die­ses Jahre, die Blocher am Ende des Do­ku­men­tar­films be­reits vor­aus­ge­sagt hatte. 

Der film ist seit 19. Fe­bru­ar 2014 im Kino zu sehen.