Schweden: Allsvenskan, die letzten Fußballamateure

Artikel veröffentlicht am 16. September 2008
Artikel veröffentlicht am 16. September 2008
Zu Beginn der europäischen Fußballsaison im September befindet sich Schwedens erste Liga in der Abwärtsspirale.

Trotz seiner geringen Größe hat Schweden einige fantastische Leistungen auf dem Fußballrasen vollbracht. 1958 wurde die Nationalmannschaft Vizeweltmeister und musste sich nur gegen die Brasilianer mit Pelé geschlagen geben. 1994 versetzte sie die Welt in Staunen, als sie überraschend WM-Dritter wurde. Auch in europäischen Turnieren schlugen sich schwedische Vereine bemerkenswert. Der IFK Göteborg gewann in den 1980er Jahren zweimal den UEFA Cup und Malmö FF zog 1979 ins Champions League-Finale ein. Noch bemerkenswerter ist, dass alle Spieler bis Mitte der 1990er Jahre Amateure waren.

Als der IFK Göteborg den FC Barcelona im Champions League-Finale 3:0 bezwang, ging ein Aufschrei durch die katalanische Presse. Wie konnte es sein, dass Berufsspieler gegen Amateure verloren? In der Berichterstattung wurde ständig auf die Berufe der schwedischen Spieler verwiesen: „Der Feuerwehrmann gibt den Ball an den Bankkaufmann ab“, hieß es. Obwohl man im Elfmeterschießen im Camp Nou Stadion die Qualifikation verpasste, hatte Göteborg gezeigt, dass ein gut aufgestelltes Spiel einer schwedischen Amateurmannschaft mit der europäischen Spitze mithalten konnte. Heute sind die meisten Spieler in der Allsvenskan Profisportler. Obwohl sich die Nationalmannschaft noch immer für große Turniere qualifiziert, sind Erfolge jedoch rar geworden, wie man jüngst bei der Europameisterschaft sehen konnte. Schweden verlor im Gruppenspiel 2:0 gegen Russland. Schwedische Vereine haben in den europäischen Wettkämpfen bereits gegen Zweitligisten zu kämpfen.

©wikipedia

Finanzierung nach dem Gießkannenprinzip

Schweden ist ein Beispiel dafür, wie grundlegend sich der europäische Fußball in den letzten fünfzehn Jahren gewandelt hat, nachdem der Verkauf von Fernsehübertragungsrechten völlig neue wirtschaftliche Grundlagen schuf. In den „Großen Fünf“ Westeuropas, der Bundesliga, der spanischen La Liga, Italiens Serie A, der Premier League und der französischen Ligue 1 werden die Summen für TV-Rechte direkt von den Vereinen ausgehandelt. In Schweden verteilt der Schwedische Fußballbund die Einnahmen gleichmäßig auf alle Vereine. Das verhindert, dass die besten Vereine die nötige Stabilität bekommen, um sich dauerhaft an der Spitze des schwedischen Fußballs zu etablieren.

Man sagt, dass jeder Verein der Allsvenskan die anderen schlagen kann, wenn er einen guten Tag hat. In den letzten zehn Jahren sind acht verschiedene Vereine Meister geworden. In Wirklichkeit handelt es sich um einen unausgeglichenen Kampf, in dem selbst die Favoriten ihre Führungsspieler nicht halten können. 2007 war der Titelverteidiger Göteborg gezwungen, seine Führungsposition aufs Spiel zu setzen und seinen besten Torschützen Marcus Berg mitten in der Saison nach Groningen zu verkaufen. Trainer müssen mitten in der Saison mit neuen Aufstellungen und Taktiken experimentieren. Die fehlende Kontinuität durch unerwartete Verluste von Spielern und der Abwanderung von Talenten bringt die führenden Vereine aus dem Gleichgewicht.

Fußballer auf Steuerflucht

Gleichzeitig sind die Umsatzerlöse in der Allsvenskan mit 73 Millionen Euro im Vergleich zu europäischen Spitzenligen gering. Schweden liegt auf Platz 128 der UEFA-Liste. Göteborg und Porto sind etwa gleich groß, doch obwohl Göteborg eine wesentlich wohlhabendere Stadt ist, liegen die Einnahmen des FC Porto 10 Prozent über denen der gesamten Allsvenskan. Wegen des schwedischen Steuersystems haben heimische Vereine es schwer, Talente anzuwerben. In Dänemark gibt es drei Jahre lang Steuervorteile für ausländische Fußballspieler. Die entsprechende Regelung in Schweden gilt nur für drei Monate. Einem Spieler ein Nettogehalt von 5.200 Euro zu zahlen, kostet einen schwedischen Verein 13.500 Euro. Er verliert 3.100 durch die Lohnsummensteuer und 5.200 durch weitere Steuern. In Dänemark hingegen kann man mit 13.500 Euro einem Spieler ein Nettogehalt von 9.350 Euro zahlen. Früher zog es Spieler in die „Großen Fünf“ um sich fußballerisch weiter zu entwickeln. Heute spielen sie wenn möglich in Norwegen und Dänemark, wo das Spielniveau in etwa dasselbe ist, die Steuern aber wesentlich niedriger sind. Die vielen afrikanischen und lateinamerikanischen Spieler in der Allsvenskan warten nur auf die Chance, ihr Können unter Beweis zu stellen und schnell in die großen europäischen Ligen aufzusteigen. 2008 hat man in der Allsvenskan die Regel abgeschafft, nach der für einen Verein nur drei nicht-europäische Spieler auf dem Feld stehen durften.

Der Erfolg des schwedischen Amateurfußballs war zu einem großen Teil das Verdienst des ehrenamtlichen Engagements der Vereinsmitglieder. Einzeln betrachtet war das Können der Amateure nicht gut genug für europäisches Spitzenniveau. Aber Spielerkontinuität und gute Strategien trugen dazu bei, diese Lücke zu schließen. Aktive Sponsorenprogramme, Fernsehübertragungsrechte, Events und Serviceangebote für Fans haben die Kluft wieder vergrößert, weil schwedische Vereine aus diesen neuen Trends kein Kapital schlagen können.

1994 hatte der IFK Göteborg Einnahmen von 11,5 Millionen, ziemlich genau so viel wie heute. Der Transfermarkt ist eine wichtige Einnahmequelle, aber er kann eine wettbewerbsfähige Organisation nicht ersetzen. Ein Teufelskreis hat sich entwickelt, in dem schlechte Organisation zu weniger attraktivem Fußball führt, an dem Zuschauer und Sponsoren im Vergleich zu den europäischen Topmannschaften das Interesse verlieren. Die letzten Amateure des schwedischen Fußballs verlassen das Feld. Bessere Bedingungen für Spieler und Zuschauer erreicht man nicht durch Nostalgie, sondern durch eine Professionalisierung des Vereinsmanagements.