#SchottlandEntscheidet: Yes Scotland, no Salmond

Artikel veröffentlicht am 18. September 2014
Artikel veröffentlicht am 18. September 2014

Heute ist der Tag des großen Referendums in Schottland. Wird das Land der Highlands der 370 Jahre währenden Union mit England heute ein Ende setzen? Werden sie sich von ihrem südlichen Nachbarn und ewigem Rivalen trennen? Wir sind nach Glasgow, Edinburgh und Aberdeen gereist, um zu sehen, wie die Menschen dort zur neuen rechten Linie ihres Landes stehen.    

Sie sind erst 17 Jahre alt und gehen noch zur Schule, aber dennoch haben auch sie heute das Recht, für das Unabhängigkeitsreferendum zu stimmen. Dieses Recht haben alle Schotten, die älter als 16 Jahre sind und sich auf die Liste der Wahlen eingetragen haben. Es regnet, im Schutze eines Glasdaches rauchen Carl Bacon, Angus Bale und George Telfer eine Zigarette vor dem Grand Central Hotel in Glasgow, wo die drei Jungs heute ihren Abschlussball feiern. Mit Stolz tragen sie ihre Kilts, um ihre scottishness zu betonen. Und was ist mit der Unabhängigkeit? Interessiert sie nur wenig, danke der Nachfrage. Sie haben sogar schon selbst für Gegenkampagnen Flugblätter verteilt. Carl Bacon kommentiert: Ich werde dagegen stimmen. Ich bin in Großbritannien groß geworden. Ich mag es wie es ist und so soll es auch bleiben!Und sein Kumpel Angus Bale fügt hinzu: Ich stimme dagegen, weil ich ein Fan der Glasgow Rangers bin. Und ich mag die Queen. God save the Queen! Mein Vater arbeitet beim Militär und wenn Schottland unabhängig wird, wird man sein schottischen Regiment dort nicht mehr brauchen und er wird arbeitslos. Das wäre echt blöd. Und George Telfer ergänzt: Ja, wir tragen den Kilt. Ja, wir sind Schotten. Aber das hindert uns nicht daran, uns nicht auch als Briten zu fühlen in einem geeinten Land zusammen mit England, Gallien und Nordirland. Trotz allem, was Alex Salmond von sich gibt.

Die Unabhängigkeit wird unser Fundament

Nur 45 Kilometer von Glasgow entfernt, dort, wo der Fluss Clyde ins Meer mündet, liegt die Stadt Helensburgh, ein beschaulicher Kurort für zufriedene Glaswegiens. Dort befindet sich auch die Organisation HMNB Clydedie Marinebasis der Majestät von Clyde - umgangssprachlich auch Faslane genannt. Dort befinden sich Tridents Unterwasserabwehrraketen zum Schutz vor nuklrearen Angriffen. Die Anlage in Helensburgh, die in direkter Nähe der größten Stadt des Landes steht, ist wie eine Vogelscheuche für die schottische Linke, die, wie Derek Widman, darauf hofft, dass mit der Unabhängigkeit von England auch die Unabhängigkeit von Trident einhergeht. Aber die Einwohner Helensburghs sind an HMNB Clyde gewöhnt und sehen die Sache in der Regel etwas anders. Gordon Hill zum Beispiel: Die Militärbasis ist zu unserem Schutz dort. Natürlich gibt es auch viele, die dagegen sind. Es gibt diese hartnäckigen Gegner, die sich vor längerem zusammengefunden haben, mittlerweile gibt es sie schon seit 20 Jahren. Sie wollen, dass die Basis abgerüstet oder zumindest an einen anderen Ort umgesetzt wird. Aber wo soll sie denn hin? Die wird sich nirgendwohin bewegen. Hier in Helensburgh stört sie uns nicht. In unserem Bekanntenkreis gibt es niemanden, der sich dagegegn ausspricht, weil für uns bedeutet das einfach Arbeitsplätze: Mechaniker, Bauarbeiter... ich schätze Faslane sichert in dieser Region mehrere tausend Arbeitsplätze. Da muss man schon verrückt sein, wenn man sie ernsthaft schließen will!

Frances Hill: Wir sind Rentner. Und die Renten erhalten wir vom brittischen Staat. We are better together!

Gordon Hill: Ich wette, dass das Ergebnis des Referendums negativ ausfallen wird. Jeder um uns herum ist gegen die Unabhängigkeit. Egal, was die Meinungsfragen sagen, entspannt euch in Frankreich, die Gegenstimmen werden gewinnen. 

Für die Unabhängigkeit, aber gegen Salmond

Sie sind zwei junge Engländer, die seit noch nicht einmal zwei Jahren in Schottland leben. Und sie wissen noch nicht einmal sicher, ob sie sehr lange auf der nördlichen Seite des Hadrianswalls bleiben werden. Aber für die beiden Mitglieder der Socialist Workers's Party versteht sich der Einsatz für die schottische Unabhängigkeit von selbst. Um den Imperialismus zu schwächen, zitiert Chris mit Freude. Seit dem Beginn der Kampagne, nehmen sie einmal pro Woche an Anwerbungsabenden teil, bei denen sie von Tür zu Tür gehen, um neue Unterstützer für die Kampagne Yes Scotland zu finden. Diese Kampagne für die Unabhängigkeit wird von der SNP, der Schottisch Nationalen Partei des Premierministers Alex Salmond, geleitet. Aber auch einige kleinere linksgerichtete Parteien unterstützen die Bewegung. Unter anderem z.B. auch die Grünen oder eben die Socialist Workers' Party. Letztere wird auch gerne betitelt als Partei des offenen Marxismus und ist wohl eher eine Gelegenheitsbewegung, die jetzt ihre Chance sieht, mit der Außenpolitik David Camerons in London, seinen Anhängern der Union, der Labour Party und den Liberal-Demokraten brechen zu können.

So ziehen Sarah und Chris mit Wählerlisten, Adressregistern, ihrer politischen Überzeugung, Flugblättern und mit einer ordentlichen Portion Geduld bewaffnet zwei Stunden pro Woche um die Häuser und klopfen an jeder Tür, die ihnen zugeteilt wurde: Im Vereinten Königreich ist der öffentliche Diskurs und die gesamte öffentliche Meinung mehr und mehr rechts und immer mehr gegen Immigranten gerichtet. In Schottland ist es jetzt noch möglich, diese politischen Tendenzen zu bekämpfen. Aber das wäre viel einfacher, wenn Schottland unabhängig wäre., unterstreicht Sarah Bates. Für Chris Newlove könnten die Milliarden Euro, die die Regierung für Trident verschwendet, besser in Bildung oder die Gesundheit investiert werden. Sogar die Financial Times gab an, dass Schottland ein reiches Land sein würde. Aber die Frage ist, ob auch die Bevölkerung von diesem Reichtum profitieren könnte. Bei der aktuellen Politik, ist klar, dass das nicht der Fall ist. Selbst das Programm der SNP ist nicht ausreichend und noch nicht sozial genug. Salmond will die Steuern für die Allgemeinheit senken. Wir sind für die schottische Freiheit, aber in jedem Fall auch gegen die Politik von Alex Salmond.

Alle Kommentare wurden vor Ort in Schottland von Jean-Michel Hauteville entgegengenommen.

Den ersten Teil der Reportage findet ihr hier