#SchottlandEntscheidet: Unabhängigkeit ist was für Romantiker

Artikel veröffentlicht am 17. September 2014
Artikel veröffentlicht am 17. September 2014

Der Countdown bis zum schottischen Referendum läuft – morgen ist es soweit. Schafft es die Yes-Fraktion? Werden die Highlander der Union mit dem südlichen Nachbarn England, ehemaliger Erzfeind, mit dem man seit 307 Jahren ein Bündnis eingegangen ist, am 18. September ein Ende setzen? Eindrücke der letzten Momente vor dem Big Day aus Glasgow, Edinburgh und Aberdeen.

Das Datum für das Referendum steht bereits seit März 2013, die Kampagne folgte kurz darauf im letzten Mai, aber inoffiziell ging die Debatte um das schottische Referendum bereits viel früher los. Nach anderthalb Jahren Haareraufen haben die Schotten das Gefühl, alle Argumente für das Yes oder das No bereits mehrmals wiedergekäut zu haben. Nun sitzen sie in den Startlöchern, um morgen endlich zur Urne zu gehen.

„Unabhängigkeit ist was für Romantiker“

In Aberdeen, der drittgrößten Metropole und Hafenstadt an der Nordsee, scheint die Sonne nur selten. Und wenn sie sich doch einmal hinter den Wolken hervortraut, mag es Elsie, sich auf die Bank an dem unendlich scheinenden Strand zu setzen, von der frischen Brise und dem Rauschen der Wellen zu profitieren. Elsie kommt ursprünglich aus Ghana. Die ehemalige Hebamme ist bereits in Rente und hat sich 1969 in der Erdöl-Metropole niedergelassen, um einen Engländer zu heiraten. Sie haben einen gemeinsamen Sohn, der heute in England lebt und arbeitet.

„Und wer bezahlt jetzt meine Rente, wenn wir ein unabhängiges Land werden? Die schottische Bevölkerung ist durchschnittlich älter als die englische. Wir haben auch mehr Sozialhilfebezieher hier als anderswo. Die Studenten gehen nach Abschluss des Studiums nach London. Und Aberdeen ist aufgrund des Erdölabbaus eine ziemlich teure Stadt. Im Krankenhaus haben sie Schwierigkeiten, neue Mitarbeiter zu finden beziehungsweise das aktuelle Personal zu halten. Die Unabhängigkeit wird all diese Probleme nicht lösen. Für mich wird es also ein No“, sagt die Schottin entschlossen.

„Unabhängigkeit ist was für Romantiker, für Leute, die nicht mit ihrem Kopf denken. Die Erdölreserven neigen sich langsam dem Ende zu – und damit sollen wir das Gesundheitssystem sanieren? Salmond [der schottische Premierminister] ist mit all seinen Versprechen nicht besonders realistisch. Auch die Währungsfrage liegt immer noch in der Luft. Wozu nutzt die Unabhängigkeit, wenn unsere Zinssätze anschließend von der englischen Zentralbank diktiert werden?“

Die 22-jährige Sophie engagiert sich hauptberuflich in der Kampagne gegen die Unabhängigkeit des Landes. Sie hat einen Bachelor in Biologie von der Universität in Edinburgh. 2013 hat Sophie entschieden, eine „einjährige Pause“ einzulegen, um sich der Rettung der Union zu widmen – und zwar in Vollzeit. Zum Glück konnte si einen Job bei der Organisation Better Together ergattern, der Zusammenschluss der drei britischen Zentrumsparteien, die gegen die schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen kämpfen.

Ihr Engagement kommt wenig überraschend. Denn Sophie ist gleichzeitig Mitglied bei Scottish Labour, die sich für den Zusammenhalt der Union einsetzt. „Als ich noch in Edinburgh studiert habe, war die Referendumskampagne bereits in vollem Gange. Damals habe ich als Freiwillige sechs Stunden die Woche für Better Together gejobbt.“ Sophies Zeitvertrag dauert noch bis Oktober. „Ich denke, Schottland sollte Teil des Vereinigten Königreichs bleiben, denn wir müssen die Dinge groß angehen. In der Union hat man zum Beispiel mehr Karrierechancen. Ich denke, dass Schottland eine größere regionale Autonomie und mehr Mitspracherecht gut tun würden. Zum Beispiel in Bezug auf unsere Steuererhebung. Ich bin für größere Autonomie, das ja, aber nicht für eine Unabhängigkeit, die unsere Zugehörigkeit zur Europäischen Union in Frage stellt.“

Hinter der Geräuschkulisse des Glasgower Hauptbahnhofs zur Rushhour versucht Derek Wildmann es trotzdem mit dem Französisch sprechen. Über die Präsenz der britischen Militärbasis in Schottland ist er ziemlich wütend, insbesondere über die nuklearen U-Boote der Marke „Trident“, die auf dem Stützpunkt der Royal Navy in Faslane gelagert werden, 50 Kilometer westlich von Glasgow. „Zunächst gab es das Programm Polaris, das 1962 gestartet wurde. Und dann kam Trident. Großbritannien sollte mit diesem Verteidigungssystem endlich Schluss machen. Aber weder Harold Wilson [Premierminister von 1974 bis 1976] noch Tony Blair haben den Militärstützpunkt geschlossen. Und wir bezahlen dafür mit unseren Steuern, das kostet Milliarden. Und all das für vier U-Boote, die wir ohne Abwinken der Amerikaner nicht einmal selbstständig benutzen dürfen.

Ich stimme auf jeden Fall mit Yes, nicht weil ich unbedingt die schottische Unabhängigkeit möchte, sondern weil unser massiver Vote die britische Regierung dazu zwingen würde, den Stützpunkt in Faslane zu schließen. Das ist das einzige Druckmittel, über das wir verfügen, damit London uns endlich zuhört. Das schottische Volk muss einen ordentlichen Tritt in den Ameisenhaufen wagen. Trotzdem bin ich nicht sicher, dass das Yes wirklich gewinnt.“

„Wir sind solidarischer als die Engländer“

Auf dem City Square, dem Rathausplatz von Dundee, sonnen sich zwei junge Frauen. Dundee ist ein ehemaliger Walfang-Hafen an der Mündung des Flusses Tay und heute die viertgrößte Stadt Schottlands. „Wir sind Yes-Girls!“, sagen die beiden Freundinnen, die in Edinburgh studieren und nur über das Wochenende zu Besuch sind. „Die Unabhängigkeitsdebatte dreht sich besonders um Geldfragen, Wirtschaft und Währung. Für mich ist das nicht das Wichtigste“, erklärt Vicky Main. „Solange wir nicht unabhängig sind, werden wir nie wirklich wissen, wie die Dinge laufen. Was aber sicher ist – Schottland hat ein demokratischeres Bildungssystem als England. Ein Hochschulstudium ist hier sehr viel zugänglicher und günstiger. Unsere Gesellschaft ist solidarischer und achtet mehr auf Frauenrechte. Diese Werte wollen wir verteidigen.“

Jasmin Watt ist Freiwillige beim St. Catharine’s Convent of Mercy, ein Kloster, das Obdachlose aus Edinburgh aufnimmt. Sie ist gegen die Westminster-Politik, welche den Armen den Boden unter den Füßen wegzieht und ständig die Gelder für wohltätige Vereine wie das Kloster kürzt. „Es gibt Leute, die denken, dass die schottischen Unabhängikeitsanhänger die Engländer hassen. Aber das trifft für mich auf keinen Fall zu. London kontrolliert die Welt der Finanzen und macht eine Politik für Reiche. Diese Art von Gesellschaft möchte ich nicht. Mir sagen die Modelle aus dem Norden zu. Mit mehr Solidaritätsdenken. Auch wenn wir am Ende mehr Steuern drauflegen müssen. In Skandinavien scheint das ja auch kein Stolperstein zu sein.“

Von Jean-Michel Hauteville, unserem Korrespondenten in Schottland

[Lest morgen den zweiten Teil auf der Homepage von cafébabel]