Schluss mit „pick and mix“ in Deutschland

Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2005
Artikel veröffentlicht am 10. Oktober 2005

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Deutsche Studenten genießen in Europa eine ungewöhnliche Freiheit in der eigenverantwortlichen Planung ihres Studiums. Mit der Umstellung auf Bachelor und Master wird sich das ändern.

Exotische Fächerkombinationen wie Orientalistik in Verbindung mit Wirtschaftswissenschaften sind an deutschen Universitäten nicht selten. Während Studenten in anderen Ländern das einmal gewählte Studienfach in einem oft genau vorgegeben Zeitrahmen studieren, gestaltet der deutsche Student sein Curriculum selbst - und hat dabei die Qual der Wahl. „Die Gefahr ein oder zwei Teilfächer ‚umsonst’ studiert zu haben, weil man das erworbene Fachwissen im Beruf nicht anwenden kann, ist groß. Jedoch können sich nach dem Studium auch aus ungewöhnlichen Kombinationen neue und interessante Möglichkeiten entwickeln“, so Bianca Gabrielli, die italienische Literaturwissenschaften, Soziologie und Politikwissenschaft studiert.

Jenseits von Humboldt

Deutsche Studenten sollen, nach dem Humboldtschen Prinzip der „Einheit von Forschung und Lehre“, einen Forscherdrang entwickeln und sich spezialisieren können. Doch wer sich in der deutschen Hochschullandschaft umschaut, der merkt schnell, dass dieses Ideal an der Realität vorbeigeht. Die Studienzeiten gelten als zu lang, die Akademiker sind schlecht auf den nichtuniversitären Arbeitsmarkt vorbereitet, an den Massenuniversitäten mangelt es an Betreuung und Kapazitäten, es fehlt generell an Geld. Die unterschiedlichen Reformvorschläge reichen von der gezielten Förderung von Eliteuniversitäten, Spezialisierung der Universitäten auf Kosten der Vielfalt im fachlichen Angebot bis zur Forderung einer dienstleistungsorientierten Universität, die sich der Wirtschaft nicht verschließt. Viele Universitäten haben schon Reformen vorgenommen, vor allem um die Studienzeiten zu verkürzen. Spätestens bis 2010 sollen alle Studiengänge im Rahmen der Harmonisierung der europäischen Hochschulbildung auf das zweistufige Bachelor/Master-Modell umgestellt werden. Das Studium in Deutschland soll so straffer, strukturierter und internationaler werden.

Was bleibt?

In diesem Umbruchprozess stellt sich die Frage, welche Elemente aus Deutschlands bestehendem Hochschulsystem mitgenommen werden sollten. Prof. Dr. Wolfgang Behringer, der Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität des Saarlandes lehrt, zieht aus eigener Erfahrung den Vergleich zum englischen Hochschulsystem: „Es gehört zu den großen Vorzügen des bisherigen Hochschulsystems, dass die Studenten große Wahlfreiheiten haben.“ Einem Modulsystem mit Bachelor- und Master-Abschluss nach englischem Vorbild kann er nur bedingt etwas abgewinnen: „Mit dem Schmalspurstudium kann man die von der Politik gewünschten kurzen Studienzeiten einhalten. In der Praxis befähigt es aber nicht zu einer qualifizierten Tätigkeit.“ Auch Rainer Hudemann, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität des Saarlandes, meint, dass die Freiheit an deutschen Universitäten ein Qualitätsmerkmal sei: „Das deutsche System bildet eigenständige Studenten aus, welche den unterschiedlichsten Anforderungen in ihrem künftigen Berufsleben gewachsen sein sollen.“ Ein Ziel, dass er nicht in vielen anderen europäischen Ländern erreicht sieht: „Nach drei Jahren findet ein französischer Student mit Licence auch praktisch keine reguläre Arbeit und muss weiterstudieren für weitere Diplome.“

Wenig Wahlfreiheit in Europa

An französischen Universitäten und Elitehochschulen wird nach einem strengen curriculum in einem stark verschulten System studiert. Es bestehen kaum freie Wahlmöglichkeiten.

In den Niederlanden ist die Umstellung auf das Bachelor-Master-System schon vollzogen. Einige Einrichtungen, wie die Universität von Maastricht, gewähren im Rahmen von „problembasiertem Lernen“ eine gewisse Freiheit in der Wahl von Problemstellungen im gewählten Studienfach.

In Großbritannien wird die genaue Vorgabe des curriculum neuerdings an einigen Universitäten aufgelockert. Studenten haben die Möglichkeit, sogenannte „Electives“ zu den Pflichtkursen hinzuzuwählen. Außerdem können Studenten wahlweise nur ein Fach studieren oder mehrere Fächer kombinieren.