Schluss mit den Klischees!

Artikel veröffentlicht am 11. Juni 2004
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Artikel veröffentlicht am 11. Juni 2004

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Die EU-Erweiterung hat die Debatte über Immigration neu entfacht. Nun ist es an der Zeit, uns selbst den Spiegel vorzuhalten und die lange gehegten Vorurteile über die post-kommunistischen Neulinge zu überprüfen.

Die UK Independence Party steht momentan im Rampenlicht der Medien. Die nationalistische Partei, angeführt vom gewieften ehemaligen Fernsehmoderator Robert Kilroy-Silk, gewinnt an Boden, indem sie mit Ängsten vor Massenimmigration und der ‚Verwässerung’ britischer Identität spielt. Diese Probleme – so die nahe liegende Assoziation – sind Folge der EU-Mitgliedschaft ihres Landes. Ihre Argumente sind geprägt von einem Rassismus, der die weitgereiste und weltoffene Erasmus-Generation sicher beleidigt. In einer Zeit, in der Europa sich auf die größte Erweiterung seiner Geschichte einzustellen versucht, müssen wir alle unsere vorgefassten Meinungen über die post-kommunistischen Länder aufs Neue unter die Lupe nehmen.

Drakula kehrt zurück

Natürlich ist es wenig hilfreich, die neuen Mitgliedsländer als post-kommunistisch zu bezeichnen. Dies ist ein starres Etikett, das sich kaum verändern lässt und das mit der Vorstellung von Korruption, Armut und ‚Anderssein’ einhergeht. Die Angst vor Immigration aus den neuen Mitgliedsstaaten geht auf dieses Vorurteil zurück. Es ist die Angst vor der Bedrohung aus dem Osten – Drakula kehrt zurück. Natürlich stimmt es, dass Ungarn, die Tschechsche Republik, Polen und die anderen neuen Mitgliedsländer ärmer sind als Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Aber wir sollten beileibe nicht so einfältig sein zu befürchten, dass uns die schwächeren Länder in einen Abgrund ziehen werden. Stattdessen sollten wir ihnen helfen – zum Vorteil für uns alle. Zudem stimmt es nicht, dass die reicheren Staaten homogene Gebilde sind, in denen die Straßen mit Gold gepflastert werden. Der Norden Englands ist ärmer als der Südosten. Der Osten Deutschlands ist ärmer als der Westen. Wallonien in Belgien ist weniger wohlhabend als der flämische Norden.

Also kann die Antwort nur lauten: wir brauchen eine positive Einstellung zum Neuaufbau Zentraleuropas. Oder vielmehr: wir müssen es weiterhin kontinuierlich aufbauen. Ungarn zum Beispiel hat eine relativ schwach ausgebaute Infrastruktur gemessen an europäischen Standards. Aber seine Bemühungen zur Integration in die EU haben nicht erst am 1. Mai begonnen. Die Anfänge liegen Jahre zurück und ausländische Investitionen haben ihren Höhepunkt in den 1990ern erreicht. Andrew Higginson, Finanzdirektor des Supermarktgiganten Tesco, der seit Mitte der 90er Jahre stark in Zentraleuropa vertreten ist, sagt: „[Der EU-Beitritt] ist für die zentraleuropäischen Länder eine gute Gelegenheit zu wachsen.“ Ungarn verfügt über gut ausgebildete Arbeitskräfte und hat eine der höchsten Wachstumsraten des BIP unter den Neumitgliedern. Trotzdem muss es sicherstellen, dass EU-Gelder sinnvoll investiert werden und es muss weiterhin modernisieren. Denn nicht nur das ‚Ostblock-Vorurteil’ von außen bewegt sich kaum. Die Ungarn haben mit ihrem eigenen kommunistischen Vermächtnis zu kämpfen: die Schaffung eines modernen, an westlichem Vorbild orientierten Staates erweist sich als schwierig.

Budapest veranstaltet kommenden Oktober das Europäische Tourismusforum. Ungarn ist ein geeigneter Austragungsort: der Anteil des Tourismus am BIP beträgt 12 Prozent, direkt oder indirekt. Zudem zeigen Schätzungen, dass die Anzahl der Hotelbuchungen für diesen Sommer um 20 Prozent gestiegen sind – trotz der lahmenden Weltwirtschaft. Es ist ein angesagtes Reiseziel. Die Madyaren sind für ihre Gastfreundschaft bekannt, doch das genügt nicht, wenn man den Touristen sagen muss, dass, es keinen Nachtisch gibt, weil der Koch bereits nach Hause gegangen ist. Um also mehr Touristen anzulocken, müssen ungarische Gastwirte und Hoteliers ihren Umgang mit Urlaubern verwestlichen, das heißt kommerzialisieren.

Reisen erweitert den Horizont

Wenn reisen wirklich den Horizont erweitert, dann sollten wir Kilroy und Co empfehlen, die neuen Mitgliedsstaaten zu besuchen, um sich mit eigenen Augen ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. Es ist nicht alles gut dort und es bleibt nach wie vor viel zu tun, keine Frage. Aber zum Beispiel der IKT-Sektor (Informations- und Kommunikationstechnologie) in Zentral- und Osteuropa boomt, so ist von Investoren zu hören, und ihre Volkswirtschaften springen an. Die neuen Länder profitieren von der Modernisierung, die der EU-Beitritt erfordert hat. Wann war das letzte Mal, dass Sie das im Zusammenhang mit dem 'alten' Europa von einer boomenden Wirtschaft gehört haben?