Scheidungsväter auf der Straße: Sonderfall Italien

Artikel veröffentlicht am 21. April 2010
Artikel veröffentlicht am 21. April 2010
Eine Trennung zieht nicht selten einen finanziellen Ruin nach sich, der den Ex-Mann ins soziale Abseits drängt. Am Ende ist er ärmer dran als sie. Diese Situation ist typisch italienisch und einzigartig in der EU, klagen die Verbände der geschiedenen Papas.

Die Ergebnisse einer Erhebung, die 2009 vom italienischen Forschungs- und Statistikinstitut Eurispes durchgeführt wurde, haben landesweit eine heftige Diskussion über die Ausmaße des Phänomens ausgelöst. Obwohl die Scheidungsrate in Italien niedriger ist als in anderen europäischen Ländern, etwa in Litauen, Lettland, Tschechien, oder auch in Frankreich und in Spanien, trifft das Schicksal jährlich ca. 400.000 Männer. Seit 2000 werden es Jahr für Jahr mehr. Dieser Trend erfuhr nach der Verabschiedung des Scheidungsgesetzes im Jahre 1972 einen regelrechten Boom, der in den folgenden Jahren schließlich etwas nachließ.

Laut Statistiken gibt es seit 2002 viel mehr Scheidungsfälle in Italien als zuvorIm Falle von minderjährigen Kindern ist es für die italienische Justiz üblich (67,1% der Fälle), dass diese zur Mutter kommen. Nur 28% der geschiedenen Eltern teilen sich in Italien das Sorgerecht. Diese Gewohnheit hat auch gravierende wirtschaftliche Konsequenzen. Papa muss aus dem Haus ausziehen und neue Mietskosten schultern. Hinzu kommt die Tatsache, dass bei 24,9% der Trennungen ein monatlicher Unterhalt in Höhe von durchschnittlich 498,19 Euro überwiesen werden muss - und zwar in 97,9% der Fälle vom Ehemann. Und nicht zu vergessen: Den Scheck für den Unterhalt des gemeinsamen Kindes, im Schnitt 445 Euro pro Monat, muss in 94% der Fälle auch der Vater ausstellen. Basta!

Scheidungsväter am Rande der Gesellschaft

Angesichts dieser Zahlen ist es nicht verwunderlich, dass die italienischen Tageszeitungen von einer neuen Klasse der Armen berichten: getrennte und geschiedene Väter. Sie sind gezwungen, in ihrem Auto zu übernachten, und sind immer öfter in den Armenküchen, die von religiösen Organisationen geführt werden, anzutreffen. Sie können nicht mal auf einen strukturierten Sozialstaat zählen, denn die öffentliche Hilfe beschränkt sich auf sporadische Initiativen der lokalen Behörden, wie dies in Rom, Mailand und Bozen der Fall ist.

„Die derzeitige Gesetzgebung bezüglich des Sorgerechts ist alles in allem gut“, findet Alessandro Ciardiello, Präsident des Verbandes Papà Separati (Getrennte Väter; A.d.R.). „Doch es gibt einen enormen kulturellen Widerstand bei der Umsetzung von Seiten der Richter.“ Die Schwierigkeit, das geteilte Sorgerecht auch wirklich umzusetzen, sei das stärkste Indiz für die sekundäre Rolle in der Erziehung, die der Vater nach dem Scheitern der Beziehung einnimmt. Und der Sprung ins soziale Abseits, in das vor allem Arbeiter mit einem regelmäßigen Einkommen gedrängt werden, ist ein sehr kleiner. Seit Mitte der Neunziger setzt sich Ciardiello für Scheidungsväter ein, unter anderem auch im Netz. „Vor rund zehn Jahren noch waren die Verbände von getrennten Vätern vor allem auf lokaler Ebene tätig und untereinander nicht vernetzt“, erinnert sich Ciardiello. „Das Internet hat es uns ermöglicht, ein Netzwerk aufzubauen, das die Bewegung sichtbarer und stärker gemacht hat.“

Legati tra di loro in segno di protesta

Gruppenklagen gegen die Tradition

„In Spanien haben wir eine ähnliche Situation wie in Italien”, beobachtet Alessio Cardinale von Adiantum, einer Organisation zum Schutz von Minderjährigen. „Hinzu kommt die erschwerende Tatsache, dass die Väter bei uns oft weit weg von ihrer Heimatstadt wohnen und nicht mal auf die Hilfe der Familie zählen können.“ In Frankreich und den skandinavischen Ländern ist die Situation anders. Dort ist das gemeinsame Sorgerecht mittlerweile größtenteils Usus. „In den nordeuropäischen Ländern kann das Haus dem Kind überlassen werden, und die Elternteile wechseln sich wöchentlich ab“, erklärt Cardinale weiter. „Dieser neue Ansatz hat auch andere Auswirkungen auf die wirtschaftliche Lage des Ex-Paares, die weniger gravierend für die Väter sind als bei uns.“

Italien sei Opfer einer Kultur, in der die Mutterrolle eine Vormachtstellung hat und die weder die zunehmend größere soziale Rolle der Frau außerhalb der eigenen vier Wände noch die bedeutendere erzieherische Rolle der Väter in den Familien berücksichtigt. Diese antiquierte Vision wird von der Kirche unterstützt, die sich in ihrer Meinung von den Richtern bekräftigt sieht, und hat dazu geführt, dass die Organisation Adiantum eine Class Action gegen das Justizministerium eingereicht hat, und zwar wegen mangelhafter Überwachung der Durchsetzung des Gesetzes zum geteilten Sorgerecht aus dem Jahr 2006. „Aber wir sind bereit, auch außerhalb Italiens zu kämpfen, und das Thema bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu bringen“, sagt Kämpfernatur Cardinale abschließend.