Schaut nur Woody Allen europäisches Kino?

Artikel veröffentlicht am 17. Mai 2004
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Artikel veröffentlicht am 17. Mai 2004

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Europa widersteht nur mit größter Mühe der Hollywood-Belagerung innerhalb seiner Grenzen. Außerhalb des Kontinents: Die totale Niederlage.

Welcher Film begeistert im Moment gerade die Kinofans von Medellín (Kolumbien)? Der Blumenstrauß des tschechischen Regisseurs F. A. Brabec. Dem europäischen Publikum wahrscheinlich unbekannt, aber beim kolumbianischen Festival Eurocine 2004 dabei, das im Moment zeitgleich mit den Fimfestspielen in Cannes (12.-23. Mai) stattfindet und die Kehrseite der Medaille des europäischen Kinos bildet. Für seine zehnte Ausgabe hofft Eurocine auf 75 000 Zuschauer, insgesamt sind es 400 000 Zuschauer im Laufe seiner Geschichte.

Ein voller Erfolg und eine Ausnahme im europäischen Filmverleih außerhalb unserer Grenzen. Die Abwesenheit einer wahren europäischen Struktur des Filmverleihs, die Hollywood-Dampfwalze und die eigene arrogante Einstellung des kontinentalen Kinos zeichnen eher eine etwas andere Realiät. Das Dritte Festival des Europäischen Kinos von La Paz (Bolivien) zum Beispiel, brachte es gerade einmal auf 5 521 Zuschauer. Das europäische Kino hat trotzdem einen potentiellen Markt in Lateinamerika. Aber dieses Potential wird oft nicht genutzt aufgrund der internen Streitereien, die die EU - auch auf dem Gebiet des Kinos - auszeichnen.

Der Krieg der nationalen Interessen

Südamerika ist das Schlachtfeld der nationalen Interessen der Europäer. Das spanische Kino ist aus offensichtlichen Gründen der Sprache und Kultur der Hauptnutznießer dieses lateinamerikanischen Publikums. Um den interkulturellen Austausch zu konkretisieren, wurde 1997 beim Iberoamerikanischen Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs, der auf Isla Margarita (Venezuela) stattfand, dem Ibermedia-Programm grünes Licht gegeben. Die Teilnehmerländer sind: Argentinien, Brasilien, Kolumbien, Chile, Spanien, Mexiko, Portugal, Uruguay und Venezuela. Das Ibermedia-Programm unterstützt Koproduktionen zwischen den Teilnehmerländern, was somit den Verleih der Filme erleichtert.

Andere europäische Länder wie Frankreich und Italien haben versucht, am Ibermedia-Programm teilzunehmen, aber Spanien hat - in einer Zurschaustellung europäischen Geists - dagegen gestimmt, da ihre Teilnahme "den iberoamerikanischen Geist von Ibermedia verfälschen würde".

Bezüglich des Ibermedia-Programms verfeindet wie zu napoleonischen Zeiten, sind Frankreich und Spanien jedoch bei anderen Initiativen wieder vereint. Europa Cinema Center ist ein Unternehmen, das vom Institut für Kinematographie und audiovisuelle Künste (ICAA) des spanischen Kulturministeriums sowie von der französischen Unifrance Film International unterstützt wird mit dem Ziel, sein Kino außerhalb seiner Grenzen zu verbreiten. Die Vorführungsreihe España & Francia de Preestreno (Spanien und Frankreich in Vorpremiere), gezeigt im November 2003 in Buenos Aires, ist ein gutes Beispiel für seine Tätigkeit.

Wehrlos gegen Hollywood

Die ungehörige Abwesenheit eines wahren europäischen Filmverleihs sorgt allerdings dafür, dass das europäische Kino für die Verleih-Maschine Hollywood keine Konkurrenz darstellt. Die Zahlen sind spektakulär, was das nordamerikanische Terrain betrifft: 70 % der Filme, die in europäischen Kinos gezeigt werden, kommen aus den USA, im Gegensatz zu lächerlichen 3 % europäischer Filme in den Vereinigten Staaten. Die Kultur (oder Antikultur) der Synchronisierung trägt viel zu dieser Situation bei. Die amerikanischen Popcorn-Esser sind keine Fans von Untertiteln, was den Verleih europäischer Filme erschwert. Darüber hinaus haben die amerikanischen Werbekampagnen nichts mit den rudimentären europäischen Mitteln zu tun. Woody Allen, einer der wenigen amerikanischen Konsumenten europäischen Kinos, sagte es klar und deutlich bei der Zeremonie der Verleihung des Prinz von Asturien-Preises [Die Prinz von Asturien-Preise zeichnen wissenschaftliche, kulturelle und soziale Arbeiten von Personen, Arbeitsgruppen oder Einrichtungen aus, deren Errungenschaften ein Beispiel für die Menschheit darstellen, A.d.Ü.]: "In Hollywood gibt man mehr Geld für die Werbung eines Films aus als Buñuel in seinem ganzen Leben". Und als wäre dem nicht genug, setzen sich die amerikanischen Strategien auch noch dreist über die Leinwandquoten hinweg (um einen ausländischen Film projizieren zu können, muss man in einigen europäischen Ländern bestimmte Anzahl an europäischen Filmen gezeigt haben), um Filme in Europa zu drehen, die so als europäische Filme angesehen werden können. „The Others“ mit Nicole Kidman, in Nordspanien gedreht, ist ein gutes Beispiel dafür.

Um gegen den Kulturimperialismus der USA anzukämpfen, profitieren Viviane Reding und die 25 Kulturminister der EU vom Cannes-Festival, um eine Erhöhung von 40 % des EU-Budgets für das Media-Programm zu verlangen. Sollte man diesen wirtschaftlichen Zuschuss erhalten, darf nicht der Fehler begangen werden, ihn in für noch mehr Selbstisolierung auszugeben.

Mehr Geld, mehr Offenheit... action!

Die EU soll ihre Kultur nicht aufzwingen, sondern ausstellen, und dafür reicht eine protektionistische Haltung innerhalb der Grenzen nicht aus. Angriff ist die beste Verteidigung. Die englischen und spanischen Produktionen können aus sprachlichen Gründen leicht in den amerikanischen Markt eindringen und für das restliche europäische Kino als Eisbrecher fungieren. Aber dafür muss zunächst die Lobby der Kulturminister auf seine Amtskollegen von der Wirtschaft Druck ausüben, um die Erhöhung des Budgets zu erhalten. Zweitens ist es sehr wichtig, dass Europa mit gutem Beispiel vorangeht. Die EU beschwert sich über die amerikanische Blockade gegen das europäische Kino, aber die Grenzen unseres Kontinents sind auch nicht gerade durchlässig für andere Kinoformen. Von den Filmen aus den USA, Kanada, Australien und Japan abgesehen, sind die europäischen Kinos gegenüber dem Rest der Weltfilmindustrie verschlossener als das amerikanische Kino gegenüber europäischen Produktionen.

Die Erziehung des Publikums, seine Gewöhnung an andere Formen des Kinos (aus Ägypten, Indien...) ist auch günstig für den Erfolg des europäischen Kinos von geprüfter Qualität. Bis sich der Zuschauer an Kodifizierungen der Filmsprache gewöhnt hat, die anders sind als die aus Hollywood, hören wir weiterhin, wie im Trailer des spanischen Films El otro lado de la cama (Die andere Seite des Bettes): "Wenn es dem europäischen Kino bloss gut geht, aber wo gibt es einen richtig guten Film..."