Satire in Frankreich: Der John-Oliver-Effekt

Artikel veröffentlicht am 19. April 2017
Artikel veröffentlicht am 19. April 2017

Allgegenwärtig im Wettlauf um den Elysée-Palast, hat sich die Satire mehr denn je im politischen Humor eingenistet. Analyse einer Gattung, die, insbesondere kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen, mehr und mehr ans Eingemachte geht.

Die Formel ist allseits bekannt. Ein Fenster auf der linken, oberen Bildschirmhälfte lässt Fotos durchlaufen, während in der Mitte ein bebrillter Mann lustige Witze über ernste Themen macht. Seit 2014 hält sich dieses Konzept, moderiert von John Oliver, wacker. Der britische Comedian begeistert von seinem gläsernen Büro in der amerikanischen Late-Night-Show Last Week Tonight aus Millionen von Menschen, indem er eigentlich immer dasselbe tut. Aber an einem gewissen 1. Juli 2014 wird John Oliver die Art und Weise, wie die amerikanischen Latenighter mit Politik umgehen, nachhaltig verändern.

An jenem Abend ist das Thema der damals fünften Episode von Last Week Tonight With John Oliver eines, das bisher wenige erklären konnten: Netzneutralität. In 13  Minuten wird der Moderator eine glasklare Analyse des Themas liefern, in der er nacheinander Netflix, Google, Usain Bolt, Superman und Mein Kampf zitiert. Zum Ende ruft Oliver die Zuschauer dazu auf, eine Email an die Federal Communications Commission (FCC) zu schreiben, welche nach ihm ein unabdingbares Recht des Bürgers 2.0 abschaffen und ein Zwei-Gescwhwindigkeiten-Internet einführen will. Am Folgetag der Ausstrahlung wird die Internetseite der FCC von Millionen Kommentaren überschwemmt. Sechs Monate später widerruft die FCC ihre Entscheidung und setzt die Netzneutralität auf amerikanischen Terrritorium durch.

John-Oliver-Effekt

Heute nennt man das den 'John-Oliver-Effekt'. Im Januar 2015, nur einige Tage vor der Entscheidung der FCC, hatte ein Artikel der Time die politischen Maßnahmen aufgezählt, die direkt im Anschluss einer Sendung von Last Week Tonight umgesetzt worden sind. Wenn John Oliver die katastrophalen New Yorker Wohnbedingungen anprangert, kündigt der Bürgermeister Reformen an. Wenn John Oliver die Korruption der FIFA entlarvt, tritt der Präsident Sepp Blatter zurück. Wenn John Oliver Missbrauch durch die Polizei aufdeckt, beschränkt der Justizminister die Polizeigewalt.

Während des Präsidentschaftswahlkampfes in den USA hat der John-Oliver-Effekt Einfluss auf das amerikanische Fernsehen genommen. Um den britischen Entertainer herum haben sich inzwischen viele geschart, die sich an den großen Themen mit Satire und Spott auslassen. Seit der Amtseinführung Donald Trumps haben  Stephen Colbert, Samantha BeeTrevor Noah und ein alles andere als harmloser Jimmy Fallon ihre spitzesten Pfeile verteilt, um die Positionen der neuen konservativen Regierung zu sezieren. 

Für Jérémie Maire, Journalist der französischen Kulturzeitschrift Télérama, habe die Wahl Trumps den Polit-Entertainern Tür und Tor geöffnet. Seit er eine gewisse „Polarisierung der Satire“ in den Late-Night-Shows feststellt, steigt auch das Interesse des Publikums an der Politik wieder. Während vor einiger Zeit noch die auf Konsens bedachte Tonight Show mit Jimmy Fallon die Zuschauerrankings anführte, verliert sie nun zugunsten der sehr viel politischeren Late Show von Stephen Colbert. Schaltet man aber mal hin und her, stellt man fest, dass es sich um die gleichen Zutaten handelt: satirischer Ton, bissiger Humor und die Fähigkeit, auch nicht vor komplizierten Zusammenhängen zurückzuschrecken. Dieses Rezept funktioniert sogar noch über den heimischen Bildschirm hinaus. Die Beiträge werden massenhaft in den sozialen Netzwerken geteilt und einige der Mainstream-Medien basteln Geschichten aus ganzen Auszügen. Oliver, Colbert und Konsorten sind für manche zu den „neuen Rockstars der Politik“ geworden.

Sophia McClennen, Professorin an der Penn State University, hat einem dieser Rockstars eine Publikation gewidmet. In America According To Colbert von 2011 schreibt sie, dass Satire als Gegengift zum Anti-Intellektualismus und Sensationalismus dienen könne, zwei unheilvolle Themen, die die öffentliche Debatte im Post-9/11-Amerika dominieren. Jetzt, sechs Jahre später, fragt sie sich, ob Stephen Colbert nicht sogar der beste Schutz gegen den 'Trumpismus' geworden ist. Sophia McClennens These lautet: Satire mache intelligent.

Während ihrer Konferenzen oder in ihren Ausführungen wiederholt die Akademikerin, dass „man vor allem nachdenken muss, um einen Witz zu verstehen“. Ergebnis: Die Fernsehzuschauer der Satiresendungen seien oftmals besser informiert, also auch weniger empfänglich für populitische Theorien oder Fake News. Auch eine Studie des Pew Research Center von 2012 stellt fest, dass 54% der Zuschauer, die regelmäßig eine Late-Night-Show einschalten, die Nachrichtenlage gut kennen, während dies nur für 35% der Zuschauer des konservativen Nachrichtensenders Fox News der Fall ist.

Das Wahre im Falschen

Auf der anderen Seite des Atlantiks ist es schwieriger eine so konkrete Analyse der Einflussnahme von Satire auf die Politik zu machen. Jedoch lassen die steigenden Zahlen und Erfolge einiger Satire-Nachrichtenwebseiten in Frankreich daran glauben, dass mehr und mehr Franzosen Satire schätzen. Allen voran ist Le Gorafi das bekannteste Blatt, das die Grenzen von wahr und falsch ausreizt. Der Name Le Gorafi ist eine Verdrehung (Verlan) des Titels der konservativen Tageszeitung Le Figaro und ist seit der Gründung 2012 die führende Plattform.

Fünf Jahre später zählt die Webseite drei Millionen Besucher monatlich und ebenso viele Fans, die diese Leidenschaft für Parodie teilen. Der Grund für diesen Erfolg? „Das Bedürfnis nach einer alternativen Informationsquelle“, sagt Sébastien Liébus, Mitbegründer der Webseite. „Die Menschen fühlen wirklich die Notwendigkeit, sich ein weiteres Fenster auf die Welt, die sie umgibt, zu schaffen.“ Seit 2013 und vor allem seit diesem einen Artikel über die Geschichte eines Pain au chocolat sind die Franzosen zahlreicher denn je, um sich mit der Lektüre von Artikeln wie Benoit, der berühmte schwarze Freund aller Rassisten oder Nicolas Sarkozy weigert sich noch immer seinen Atomreaktorkoffer wieder herzugeben unterhalten lassen.

Idriss Abassi ist ein regelmäßiger Leser von Le Gorafi. Er findet, dass die parodistische Website nicht nur extrem unterhaltsam, sondern durch die relevante Mischung aus Politik und Humor populär ist. Der Jurastudent aus Paris denkt, dass eine größere Medienneutralität zu mehr Reflexion und weniger Vorurteilen führen könne.

Dies deckt sich auch mit den Ergebnissen des letzten Umfragebarometers der Tageszeitung La Croix über das Vertrauen der Franzosen in die traditionellen Medien (Februar 2017) . Nach dieser Studie interessierten sich nur 64% der Befragten für Mainstream-Medien. 58% der jungen Leute zeigen eine gewisse Abneigung gegnüber „Medien, die über dreißig Jahre alt sind“.

Für Idriss seien traditionelle Medien sogar „zu ideologisch“. Ist es das waltende Misstrauen gegenüber den Medien, das Parodie-Seiten wie Le Gorafi den Weg bereitet hat? Sébastien Liebus erklärt es anders: „Ich habe den Eindruck, die Presse kann sich heutzutage nur entwickeln, indem sie sich mit Nischenthemen oder belanglosen Geschehnissen beschäftigt. Wir zum Beispiel lassen uns viel von Medien wie BFMTV oder 20 minutes inspirieren, die abstruseNeuigkeiten verbreiten, nur um Klicks zu generieren. Am Anfang haben wir ihre Codes aufgegriffen, aber mittlerweile sind sie es, die uns kopieren.“

Satire - Informationsquelle No. 1 für Millennials

Fast sieht es heute so aus, als steuerten traditionelle Nachrichtenseiten oft selbst in die Satire-Richtung, und zwar fast soweit, „dass eine reelle Neuigkeit mit einem Artikel von Le Gorafi verwechselt werden kann“, stellt Idriss fest. Für Sébastien Liébus wird es immer komplizierter, der Realität Konkurenz zu machen, da unsere Epoche so absurd geworden sei. „Trump beispielsweise ist sehr schwer zu karikieren, da er permanent übertreibt. Die Schwierigkeit ist, das Subtile zu finden, ohne plump zu werden“, betont er.

In Zeiten des Post-Faktischen ist es eben auch schwierig herauszufinden, wer die Wahrheit sagt. „Wir leben in Zeiten von Fake News, in denen wir nicht mehr genau wissen, wer da eigentlich die Wahrheit sagt“, bestätigt auch der Gründer von Le Gorafi. In den USA ist die Konsequenz eindeutig: „Satire-Sendungen sind für die Millennials die Informationsquelle Nummer eins geworden“, versichert Sophia McClennen. „Besonders junge Leute haben in der Satire den Journalismus gefunden, den sie bewundern.“ Und auch wenn diese sich gar nicht als solche sehen, heißen die neuen Journalisten Stephen Colbert, John Oliver oder Samantha Bee.

An euch, die Spiegelung zu akzeptieren 

Können Medien und Politik jetzt aber nur noch per Entertainment auf unsere Bildschirme kommen? Der Begriff Infotainment verschränkt die Konzepte 'Information' und 'Entertainment' und  zeigt jeden Tag ein bisschen mehr die Macht seines Einflusses in den Newsfeeds von FacebookTwitterInstagram oder Snapchat der 18 bis 35-Jährigen. Jüngsten Umfrage zufolge finden knapp ein Drittel von ihnen die traditionellen Parteien nicht mehr ansprechend genug, lehnen jegliche Dikussionen über klassische politische Themen ab, oder wenn doch, dann nur, um unterhalten zu werden.

Eine besonders beliebte französische Sendung im Vorabendprogramm spiegelt dieses Phänomen gut wider. Quotidien und der Moderator Yann Barthès - den man ein wenig mit Jan Böhmermann vergleichen könnte - wird von Montag bis Freitag von über eineinhalb Millionen Zuschauern gesehen. Der Unterhalter Barthès und sein Team haben es geschafft, einen Ton in Anlehnung an die amerikanischen Late-Night-Shows zu entwickeln, der der Generation Y zu gefallen scheint. Rubriken wie 'Vu' oder '4Q' verspotten die aktuelle politische Klasse. Und das mit mehr und mehr Einfluss. Haben die Satiriker deswegen auch zunehmend Verantwortung? Sébastien Liébus ist kategorisch: „Wir hassen es, wenn man uns Verantwortung aufdrückt. Wir sehen uns nicht als Moralapostel. Die Satire ist bloß ein Spiegel, den wir der Gesellschaft vorhalten. Mit der Spiegelung auseinandersetzen müsst ihr euch aber selber.“

Die, die Humor und Politik vermischen, müssen sich oft Vorwürfen stellen: dadurch, dass man sich zu oft über Politiker lustig macht, mache man sie sympathisch. So etwa bei den Präsidentschaftswahlen von 1995 und 2002 in Frankreich, bei denen die Autoren der TV-Satire Guignols de l'Info (dt. Info-Kasper) dafür kritisiert wurden, Jacques Chirac zu sympathisch gestaltet zu haben. Einige Kritiker gingen sogar so weit zu behaupten, dass seine Marionette ihm zu beiden Wahlsiegen verholfen hätte. Aber eine Behauptung macht noch keine Wahrheit, sagt der Mitgründer von Le Gorafi. „Auch wir haben uns die Frage gestellt, als wir einen Running-Gag über die Suche Emmanuel Macrons nach seinem Wahlprogramm brachten. Viele Leser fragten uns, ob wir nicht Angst hätten, ihn dadurch nett schneinen zu lassen. Die Antwort ist Nein, es gibt hier keinerlei Absicht, irgendeinen Kandidaten menschlich erscheinen zu lassen, egal um wen es sich handelt.“

Le Gorafi und Quotidien haben bereits gewollt oder unbewusst Einfluss auf die französische Politik ausgeübt. Kurz vor dem ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl am 23. April können Satire und Infotainment bereits ihren kleinen Sieg verkünden. Viele Persönlichkeiten fürchten die Verballhornungen am Mikrofon und die verschmähenden Montagen von Quotidien, das auch verantwortlich für den Rücktritt des Justizministers Bruno Leroux ist.

Le Gorafi wiederum macht seine Artikel immer feinsinniger, sodass es fast unmöglich wird, die Realität vom Pastiche zu unterscheiden. Sowohl Medien als auch Kandidaten streuen regelmäßig Neuigkeiten der Webseite als Wahrheit. Der Linksaußen-Kandidat Jean-Luc Mélenchon hat sich des Titels der Internetseite bedient, um sich über die Coverstory des (echten) Figaro über sein Wahlprogramm lustig zu machen. Die Kopie hält also her, um das Original  zu verspotten - könnten die Politiker selbst von den Effekten der Satire profitieren? Vielleicht müssen wir dafür erst auf die Einblendungen und Witze von John Oliver warten.