Satire? Auf ein Bier mit der Stasi

Artikel veröffentlicht am 23. September 2008
Artikel veröffentlicht am 23. September 2008
Im Juli hat die kleine Kneipe "Zur Firma" in Berlin aufgemacht, und schon ist sie zu einem Ereignis geworden. Aber funktioniert das Geschäft auf Kosten der Geschichte wirklich?

©Marco RiciputiDie erste Frage lautet: wohin? Die Kneipe ist nicht leicht zu finden. Mit der U5 fährt man bis zur Haltestelle Magdalenenstraße. Das ist die sogenannte “Stasi-Zone” in der Nähe des ehemaligen DDR-Ministeriums für Staatssicherheit, des heutigen Stasimuseums. Die Kneipe befindet sich nicht weit entfernt, direkt in der Parallelstraße auf der Museumsseite. Bis zur Normannenstraße sind es 10 Minuten zu Fuß. Die Straße ist kurz und eigentlich langweilig. Nach ein paar Schritten sind drei bunte Schilder zu sehen: 'Ostdeutsche Küche', 'Restaurant Zur Firma - der konspirative Treff' und das berüchtigte Stasi-Motto 'Kommen Sie zu uns - sonst kommen wir zu Ihnen!'

©Marco Riciputi

Geschmacklose Ostalgie?

Eine kurze Vorbemerkung ist nötig, bevor wir die Räume betreten. Die Kneipe ist zwar erst seit wenigen Monaten geöffnet, aber die internationale Presse hat bereits ausführlich darüber berichtet, darunter Repubblica.it, spiegel.de, time.com, um nur einige zu nennen. Die Rede ist von Fernsehkameras am Eingang, die Kunden filmen, Schreibtischen mit alten Schreibmaschinen, an denen die berüchtigten Stasi-Berichte abgefasst wurden, einer Schaufensterpuppe in Uniform und großem Schlagstock, einer Rabattkarte für Stammkunden, die als “Inoffizielle Mitarbeiter” bezeichnet werden. 'Geschmacklos' lautet das Fazit von Marianne Birthler, der Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen. Der frohe Werbebotschafter und Wirt, Wilfried Gau, kontert mit dem 'Recht auf Satire', das ja wohl jedermann besäße.

Die Kneipe 'Zur Firma"' erinnert an ein "Hard Rock Café" im ziemlich abgerissenen Stasistil. Kann es wirklich sein, dass dieser Ort Anlass für all die Polemik der letzten Zeit war? Siegfried Reiprich, Leiter der Bildungsprojekte der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, der ehemaligen DDR-Untersuchungshaftanstalt, spricht von “Beleidigung der Opfer” und prangert die besorgniserregende Ignoranz der jungen Deutschen auf diesem Gebiet an.

Ein Schrank voller Erinnerungsstücke

©Marco RiciputiIch gebe mir einen Ruck und gehe in die 'Firma'. Ich bestelle Bratwurst - Kartoffelsalat - Bier - alles für kaum mehr als vier Euro. Es gibt keine Karte, dafür wird mir ein Handzettel mit dem Tagesgericht gereicht. “Eine konspirative Speisekarte!” ruft ein Kunde in meiner Nähe. Ich fange an, mich mit einem der Eigentümer, Wolfgang Schmelz, zu unterhalten. Er sagt, man könne die Kneipe als “Themenlokal” bezeichnen. Eine gute Idee, um in der umkämpften Welt der Berliner Lokale aufzufallen. Die Idee sei ihm einfach so gekommen, erzählt er, als er mit Freunden in einer Kneipe saß. Nach kurzer Zeit schon eröffnete er gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Willi Gau, der mittlerweile entlassen ist, weil seine Vergangenheit als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi ans Licht kam.

Wolfgang zeigt mir die Zeitungsartikel, in denen von seinem Restaurant berichtet wird, darunter sticht ein Artikel aus der französischen Tageszeitung Libération hervor. “Am Anfang habe ich alle aufgehoben”, sagt er zufrieden, “aber dann habe ich aufgehört zu sammeln, weil es zu viele wurden und immer dasselbe geschrieben wurde. Es ist aber immer eine gute Werbung,” stellt er abschließend fest. Das Lokal ist klein und spartanisch eingerichtet. Gelbe Wände, eine rötliche Theke und schwarze Stühle erinnern an die Farben der deutschen Nationalflagge. Die Erinnerungsstücke gehen fast in der Anonymität der Umgebung unter. Ich frage, wo er die alten Stücke gekauft hat. “Fast alles bei Ebay, und dann bringen die Kunden auch viele Sachen mit,” sagt er, während er auf eine Glasvitrine mit ostalgischen Raritäten deutet: Darin befinden sich alte Pässe und Personalausweise, Fotoapparate, Telefone, rote Plastiknelken, alten Zeitungen und Bücher, darunter ein Fotoband über 35 Jahre DDR, die “ewig Bestand haben wird”, wie es im Vorwort heißt.

©Marco RiciputiIst das Lokal nun eine Beleidigung der Opfer? Vor einigen Jahren befand sich an diesem Ort noch eine Bar, die nostalgischen Skinheads als Treffpunkt diente. Heute wird die Kneipe dagegen von Touristen und Einheimischen besucht, die ihre eigenen Erinnerungsstücke vorbeibringen. Es bleibt die Frage, ob die Kneipe im gleichen Ausmaß teurer wird, wie sich dieser Schrank mit Stasikrempel füllt. Und das wäre dann tatsächlich nicht mehr zum Lachen.