Sarajevo: Visa gen Westen - Zynismus im Osten

Artikel veröffentlicht am 5. Januar 2011
Artikel veröffentlicht am 5. Januar 2011
Der 15. Dezember 2010 sollte ein neues Freiheitsgefühl nach Bosnien und Herzegowina bringen: Mit der Aufhebung der Visumspflicht durch die EU ist es für die Bosnier nun möglich, ohne Visum in die 25 Schengen-Staaten zu reisen. Aber entgegen der Erwartungen der EU reagiert man in Sarajevo nicht nur mit freudigen Luftsprüngen.

Das kleine Passamt in Sarajevo sieht mehr nach einer lokalen Postfiliale aus als nach einer Polizeistation. Am Eingang werden hinter einer Glasscheibe Süßigkeiten verkauft. Obwohl hier Menschen gleich in mehreren Schlangen an diesem gewöhnlichen Nachmittag anstehen, regiert das Schweigen. Vertreter aller Altersklassen warten auf ihren neuen biometrischen Pass. Seit dem 15. Dezember reicht dieses Dokument aus, um in die 25 Länder des Schengen-Raumes einzureisen.

Aber warum herrscht hier Schweigen? Mag es daran liegen, dass bei einer Arbeitslosenquote von 60% und einem durchschnittlichen Monatsgehalt von 410 Euro nicht jeder in Bosnien und Herzegowina die nötigen Mittel besitzt, um überhaupt zu verreisen? Oder wundert man sich vielleicht auch darüber, dass man nach den neuen Bedingungen für maximal 90 Tage visumsfrei verreisen kann?

('Putujte Bez Vize 15.12.10')

„Undankbare“ Visa-Kinder?

„Scheinbar wurden 1 500 Euro für eine Bildungskampagne ausgegeben, aber bisher war davon noch nichts zu sehen“, sagt Jasmina. Mit gerade 19 Jahren wurde die Studentin der Politikwissenschaft zur jüngsten Vorsitzenden der Studentenvertretung der Universität von Sarajevo gewählt. Am 12. Dezember begleitete sie die EU-Kommissarin für Inneres,Cecilia Malmström, bei einem Besuch der politikwissenschaftlichen Fakultät. „Während eines Vortrages sagte ich Frau Malmström, dass ich gerne im Ausland arbeiten würde. Darauf antwortete sie, sie sei nicht der Weihnachtsmann. Ich war sehr enttäuscht. Von uns Bosniern wird immer erwartet, dass wir dankbar sind.“ Ebenso wenig begeistert zeigten sich die Vertreter der lokalen und regionalen Medien, beispielsweise von Balkan Insight, über die kleine „Erinnerung“, dass Bosnier zwar ins Ausland reisen dürften, aber wieder „zurückkommen“ müssten. „Die Europäische Union ist hier einfach ein großer urbaner Trend“, erklärt Jasmina.

„Von uns Bosniern wird immer erwartet, dass wir dankbar sind“

Cecilia Malmström mag vielleicht nicht der Weihnachtsmann sein, aber sie spricht dennoch von Geschenken. „Auf diese wunderbare Weise können wir die Bewohner Europas zusammenbringen, Studenten sowie die normalen Leute“, erklärte sie in einer Rede vor der EU-Kommission am 11. Dezember, dem Tag vor Ihrer Reise zu den Universitäten von Sarajevo und Tirana, die sie mit Myrrhe und guten Neuigkeiten im Gepäck antreten würde. „Durch die Aufhebung der Visumspflicht erleichtern wir es diesen Menschen, sich anzunähern. Den Termin haben wir vor Weihnachten gelegt, damit Familien und Freunde besucht werden können.“ Dabei wundert es die Bosnier sehr, dass die Entscheidung von der EU getroffen wurde, ohne sie nach ihrer Meinung zu fragen. Eine 37-jährige Bosnierin erklärt, sie sei „stocksauer“ über die Liberalisierung der Visa. „Ich werde mich nicht anstellen, um nach England zu fahren!“ Stattdessen will sie weiterhin in Länder wie die Türkei oder Indien reisen, für die Bosnier noch nie ein Visum gebraucht haben.

Enthüllung eines Passproblems

Nicht für jeden wird die Reise in die 25 Schengen-Mitgliedsstaaten ein reines Zuckerschlecken werden. „Ich denke ernsthaft darüber nach, mein neues Passbild ohne mein Kopftuch machen zu lassen“, sagt die unabhängige Filmemacherin Nejra Hulusic im trendigen Cinema Café in Sarajevo. Auf der anderen Straßenseite hängt ein Plakat des neuesten Films von Danis Tanovic, prominenter bosnischer Kulturexport, Oscar-Kandidat und Nejras Vorbild. Bis zwei Wochen vor unserem Gespräch hatte Nejra nach der Geburt ihrer Tochter Bosnien zwei Jahre lang nicht mehr verlassen. Ende Oktober, auf dem Weg zum Eastern Neighbours Film Festival in Utrecht, wurde sie auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol festgehalten. Als ihre blonde, gepiercte Kollegin Sabina Begovic einreisen durfte, beschwerte sich Nejra wegen Diskriminierung. „Der Einreisebeamte flippte aus und beschuldigte mich, ihn einen Rassisten genannt und somit einen Beamten beleidigt zu haben. Ich aber sagte ihm, dass wir dieselbe Hautfarbe hätten“, erinnert sie sich lebhaft. Ironischerweise haben sich gerade die Niederlande - neben Frankreich - gegen die neue Visa-Regelung der EU für Bosnien und Albanien ausgesprochen. Ihre Erklärung lautete, dass die beiden Länder noch nicht genügend politische Fortschritte gemacht hätten.

Die Statue ist das sarkastische Symbol für die EU-Spenden während des Krieges 1992-1995

Das unausgesprochene Tabu, ein Kopftuch zu tragen, bedeutet für Nejra nicht nur Ärger, wenn sie europäische Ländergrenzen überwinden will, sondern auch, wenn sie in Sarajevo ist. „Hier und anderswo liegt ein großer Unterschied zwischen einer 25-jährigen Mutter und Ehefrau ohne und einer 25-jährigen Mutter und Ehefrau mit Kopftuch“, beschreibt Nejra. In Undercovered, dem neuesten Film von Nejra und Sabina, der von der Robert-Bosch-Stiftung für einen Ko-Produktionspreis nominiert wurde, um jungen Deutschen die Möglichkeit zu geben, mit osteuropäischen Filmemachern zusammenzuarbeiten, gibt es eine Szene, in der ein homosexueller Designer ein Kopftuch beschreibt: „Ein grünes Stück Seide - daraus könnte man ein Cocktail-Kleid schneidern!“ „Hier in Bosnien bedeutet der Begriff für ‚ein Kopftuch tragen‘ dasselbe wie ‚verhüllen‘“, fügt Nejra hinzu. Die Absolventin der Akademie der Künste hat aus Liebe geheiratet und entschied sich, entgegen des Rates ihres Partners, dafür, ein Kopftuch zu tragen. Oft kombiniert sie es mit zerrissenen Jeans. Ihre muslimischen Schwiegereltern trinken. Die EU sei nicht der wahre Trend hier, seufzt sie. „Mittelmäßigkeit und Kleingeist sind hier der viel größere Trend.“

Als ob wir noch nie verreist wären

Sie arbeitet nachts in einem Hostel in SarajevoEin älterer Herr sitzt an einem geschäftigen Sonntagmorgen in einem Café in der Altstadt und sieht einer Gruppe slowenischer Touristen zu, die sich vor der Tür versammelt haben. Paris, Istanbul, New York - dorthin war er selbst als junger Mann gereist. Eine gewisse Nostalgie für den Kommunismus liegt in der Luft - Zeiten, zu denen jugoslawische Bürger nicht nur in ferne Länder reisen durften, sondern auch innerhalb ganz Jugoslawiens. Nach dem Zerfall wurde Bosnien zum „letzten Loch auf der Welt“, wie Nejra es formuliert. Hinsichtlich der Aufhebung der Visumspflicht am Vorabend des 15. Jahrestages des Friedensabkommens von Dayton, welches das Land in zwei Teile aufspaltete, stellt sich für Bosnien nun die viel wichtigere Frage, wie die Kommunikation und die Reisemöglichkeiten innerhalb des Landes verbessert werden können. Die Globalisierung hat es vielen bosnischen Künstlern und Intellektuellen ermöglicht, dank vieler Konferenzen und Festivals oft und weit zu reisen. „Aber auf der Konferenz in Banja Luka oder an anderen Orten im serbischen Teil von Bosnien und Herzegowina (Sarajevo liegt im bosniakisch-kroatischen Teil) bin ich oft die einzige Bosniakin“, erzählt Jasmina. „Um etwas dagegen zu tun, wollte ich ein Jugendbegegnungsseminar an meiner Universität organisieren. Meine Idee stieß jedoch auf taube Ohren“.

Dieser Artikel ist Teil unseres Balkan-Reportageprojekts 2010-2011 Orient Express Reporter!

Fotos: © Boris Svartzman/ svartzman.com/