Salvador Cardús – informeller Botschafter Kataloniens

Artikel veröffentlicht am 17. Juni 2006
Artikel veröffentlicht am 17. Juni 2006

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Der Soziologe Salvador Cardús ist der Überzeugung, dass Katalonien ein neues Autonomiestatut braucht. Die Katalanen werden am 18. Juni in einem Referendum abstimmen.

Salvador Cardús ist in Paris, um einen Vortrag im Maison de l’Europe zu halten. Die Mehrheit der Zuschauer sind Pariser Exil-Katalanen. Sie möchten sich über die Details des neuen Autonomiestatuts informieren, das nach erheblichen Veränderungen der spanischen Regierung in Madrid nun am 18. Juni zur Volksabstimmung steht.

Bei dem Wort „Autonomie“ bekommen die Franzosen Gänsehaut – ganz im Gegensatz zu den Katalanen. Die meisten winden sich auf ihren Sitzen, als der Professor und Journalist davon spricht, dass „die Katalanen mehr Kompetenzen bekommen müssen, um neue Herausforderungen wie die Einwanderung meistern zu können“, oder dass „Katalonien, wie ganz Spanien eine Phase der wirtschaftlichen Rezession durchlebt, die durch die übertriebene Steuer-Solidarität mit Restspanien“ bedingt sei, oder dass in Katalonien „ein kulturell bedingtes politisches Unbehagen“ herrsche.

Schwer zu sagen, ob Salvador Cardús, die Franzosen an diesem Abend überzeugen konnte. Wir treffen am nächsten Tag den engagierten Botschafter der katalonischen Sache in einem traditionellen französischen Restaurant, bei „Chez Camille“ im Marais-Viertel. Man setzt uns zwischen zwei Pärchen. Der Abstand zwischen den Tischen ist fingerbreit, in jedem Ohr erklingt ein fremdes Gespräch. Der 52-jährige lässt den Blick durchs Lokal schweifen. Was ist los? „Nichts. Es gibt europäische Traditionen, die sich nicht ändern – sich Zeit zu nehmen, in einem Restaurant zu essen. Das gibt es nicht in den USA, dort essen die Menschen ständig irgendetwas.“

Oh... Amerika

Der Soziologe der Universidad Autonóma in Barcelona (UAB) ist gerade aus Minnesota zurückgekehrt. Dort hat er an der hiesigen Universität für drei Monate an einem Forschungsprojekt über Migration mitgearbeitet. Da sind Vergleiche mit den USA unvermeidbar. „Überrascht hat mich, wie viel Vertrauen die Amerikaner in ihre eigene Gesellschaft haben. Die Leute sind sehr freundlich, ständig lächelt dich jemand an. In New York hätte ich keine Angst, mein Jackett mit dem Portemonnaie in der Tasche über die Stuhllehne zu hängen und auf die Toilette zu gehen.“ Die europäische Gesellschaft sei im Gegensatz dazu „traditioneller, zynischer, nicht so naiv“. Am meisten überrascht hat ihn, dass die Amerikaner sich nicht beschweren. „Die Spanier beschweren sich den lieben langen Tag; alles läuft schlecht: die Politiker arbeiten miserabel, die Universitäten funktionieren nicht, die Straßen sind dreckig, der Nachbar….“.

Er seufzt. Dann fragt er: „Geht es uns denn so schlecht?“ Er macht eine Pause und versenkt die Gabel in ein Stück gebratenes Rindfleisch, aus dem tiefroter Saft läuft. „Unsere Gesellschaft ist demoralisiert, sie ist müde. Hinter dieser Krise steckt die eigene Wahrnehmung der Realität, nicht die Realität an sich.“ Das saftige Fleisch wandert vom Teller in den Mund und er fährt geduldig fort, wählt seine Worte mit Bedacht: „Schon möglich, dass es nicht leicht ist, die Komplexität unserer heutigen Gesellschaft zu erfassen. Sie macht es schwierig, zu verstehen, dass es einmal starke politische und intellektuelle Führer gab.“ Als Beispiele nennt er François Mitterrand in Frankreich und Jordi Pujol in Katalonien.

Französische Krokodilstränen

Cardús bemerkt, dass in Paris alle von Krise reden, er aber betrachtet das Ganze mit den Augen eines Katalanen: „Bist du in Paris, stellst du fest, wie viel Macht der Staat hat. Wenn sich die Franzosen vornehmen, eine Nationalbibliothek zu bauen, dann wird sie perfekt. Wenn du die Museen siehst, bist du sprachlos. Wenn die Franzosen heulen wollen, sollen sie doch, wirklich, für mich sind das Krokodilstränen. In Katalonien fehlt eine historisch gewachsene Macht. Wir hatten nie die Gelegenheit, mächtig zu sein“, beklagt der Professor, der schon viele Vorträge im Ausland gehalten hat. „Wir haben manchmal gute Ideen hervorgebracht, die sich aber nicht verbreiten konnten, weil wir nicht die Möglichkeit hatten, sie ins Ausland zu tragen, international bekannt zu machen.“

Trotz dieser Mängel sieht Cardús das Glas halb voll. „Oftmals konnten wir der Versuchung der Macht widerstehen. So fragen sich die Leute zum Beispiel, wie es möglich sein konnte, dass die Migranten, die in den 1950er und 60er-Jahren aus ganz Europa nach Katalonien strömten, keinen gewaltsamen Konflikt auslösten. Dazu kam es nicht, weil wir keine Macht hatten. Es gab keinen Staat, der diesen Zustrom hätte kontrollieren, Regeln vorgeben können… Wir mussten selbst damit fertig werden.“ Salvador Cardús ist überzeugt, dass die erfolgreiche Einwanderung darauf basiert, „dass es in Katalonien nur wenig Bevormundung gab“.

Salvador Cardús vergleicht die Situation am Ende der Franco-Diktatur der 1960er Jahren mit der heutigen, in der José Luis Zapatero ein Anti-Raucher Gesetz eingeführt hat, das zu den härtesten in Europa gehört. „Ich glaube, dass soviel Bevormundung auf Kosten der Lebendigkeit der Gesellschaft geht. Früher, da haben wir den Gehsteig gegenüber noch selbst gefegt, heute sagen wir, das sei die Verantwortung des Rathauses und nehmen eine schmutzige Straße in Kauf.“

Der Traum von der Unabhängigkeit

Warum ist es für Cardús so wichtig, das Abkommen zwischen Katalonien und Spanien aus dem Jahr 1979 zu reformieren? „Katalonien fühlt sich wie ein Jugendlicher, der noch bei seinen Eltern wohnt und das Gefühl hat, sie geben ihm zu wenig Geld. Wir Katalanen möchten unsere eigenen Entscheidungen treffen, erwachsen werden“. Er fügt hinzu: „Wir möchten die Finanzen verbessern, um über eine Zukunft zu entscheiden, die nicht auf historischen Ungerechtigkeiten gebaut ist.“ Ein unabhängiges Katalonien? „Ich glaube nicht, dass das möglich ist. Und was würden wir dann machen? Für mich ist die Politik die Rückkehr nach Ithaka, nicht der Aufbruch nach Arkadien“. Die Augen des Professors leuchten hinter seiner unscheinbaren Brille: „Ich bin Nationalist, weil ich glaube, dass mein Land eine Zukunft hat.“

Am Schluss des Gesprächs kommt er noch einmal auf seine Erfahrungen mit den USA zu sprechen. „Wenn ich noch 25 wäre, würde ich fünf Jahre dort verbringen. Die Amerikaner sind sehr offen gegenüber neuen Ideen“, unterstreicht Cardús. Zweifelsohne ist Carús überzeugt, dass sie dafür auch einen hohen Preis zahlen. Sie haben keinerlei Bindung zum Territorium und sind in ständiger Bewegung.“ Seine Augen glänzen glückselig, als er sich an das Konzert der Irin Mary Black erinnert: “Es war eine einmalige Erfahrung“ und gleich daruf verändert sich seine Miene: „Schade, dass keiner da war, um meine Empfindungen zu teilen. Ich war alleine.“ Er schliesst mit Katalonien: „Früher oder später haben wir alle einmal das Bedürfnis, irgendwo Wurzeln zu schlagen und in meinem Land leben wir sehr gut. Wir wollen nicht weg.“