Salman Rushdie AUF DEM Edinburgh Book Festival: „Wir definieren uns über Hass“

Artikel veröffentlicht am 29. August 2013
Artikel veröffentlicht am 29. August 2013

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Es ist schon etwas surreal, den indisch-britischen Schriftsteller leibhaftig zu sehen. Der 66-jährige Autor ist heute so von Legenden umwoben, von den Jahren im Versteck über einen Cameo-Auftritt in der britischen Liebeskomödie Bridget Jones, dass er fast so fiktiv wie seine Werke ist. Er ist auf dem Edinburgh Book Festival, um von guten Geschichten und einem Leben in Isolation zu erzählen.

Salman Rushdie war gezwungen, unterzutauchen, nachdem der oberste Führer des Iran eine Fatwa erlassen hatte, die ihn mit der Begründung zum Tode verurteilte, sein Roman Die satanischen Verse von 1988 stelle eine Beleidigung des Islams dar. „Eine Person sagte, er dachte, die Fatwa sei lediglich eine sehr schlechte Kritik“, sagt er leise lachend. „Ich denke, das war ein Witz.”

ROMANE ÜBER DEN ISLAM UND ÜBER LONDON

Rushdie hat sein Interesse für den Islam von seinem Vater geerbt, einem Ungläubigen, den das Phänomen Religion dennoch faszinierte. Der Schriftsteller beweist auch Respekt für diesen Glauben, wobei man ihm, in Anbetracht seiner Erfahrung, den Mangel an Respekt auch verzeihen könnte. „Laut der Offenbarungsgeschichte des Propheten sah er einen riesigen Engel am Horizont. Mein Vater fragte mich, ob ich dasselbe gesehen hätte, wenn ich neben ihm gestanden hätte. Meine Antwort lautete: „Wahrscheinlich nicht“. Und doch lügt er nicht. Woran liegt das?”

Die Geschichte der satanischen Verse, oder die Versuchung des Propheten, begegnete Rushdie während seiner Zeit an der Universität. „Ich erinnere mich, dass ich selbst damals dachte: „Oh, das ist eine gute Geschichte!“ Er lacht leise und schiebt seine Brille hoch. „Zwanzig Jahre später entdeckte ich, wie gut diese Geschichte wirklich war.”  

Rushdie sieht seine Romane nichtsdestotrotz nicht als hauptsächlich vom Islam handelnd an. „Mitternachtskinder (1980) war für mich in erster Linie ein Roman über London“, sagte er nachdenklich. Die Handlung spielt zu einer Zeit, die man heute als Thatcherismus auf seinem Höhepunkt bezeichnen könnte, eine Zeit sozialer Unruhen und der Unzufriedenheit unter den ethnischen Minderheiten. Wegen allem anderen jedoch, wurde dieser Aspekt verzerrt.“ Er kommentiert die Äußerungen der Kritiker, die in Debatten zu Romanen über die Lage in England oft der Meinung sind, dass es keinen derartigen Roman über London gäbe. „Und ich sage“, er hebt die Hand wie ein Schüler, „Entschuldigung, es gibt einen!“ Er lacht leise und seufzt. „Hoffentlich können wir nun, nach all der Zeit, das Buch einfach nur als einen Roman lesen.“

Bombay: DER WESTEN IM OSTEN

Trotz dieser Hoffnung, bedauert Rushdie, dass wir in “einer Kultur der Beleidigung” leben, die er mit dem Anstieg identitätspolitischer Maßnahmen verbindet. „Traditionell definieren wir uns über das, was uns lieb ist: unsere Familien, Freunde oder Gemeinschaft“, sagt er. „Heute definieren wir uns über Hass. Wer ist man heutzutage schon, wenn uns nicht irgendetwas ankotzt?“

Und immer wieder kommt er auf die Dichotomie zwischen Ost und West, der islamischen und der christlichen Welt zu sprechen. „Der Ost-West-Konflikt ist das Klischee unserer Zeit - dieser angebliche Kulturkampf, der eigentlich schon seit Jahrhunderten andauert“, erklärt Rushdie. Er weist daraufhin, dass die indische Stadt Bombay, in der er aufwuchs, lediglich ein Archipel von Inseln war, bis die britischen Kolonialherren dort eine Stadt und einen Hafen erbauten. „Bombay ist eine Stadt des Westens, die im Osten erbaut wurde. Ich wuchs mit dem Gedanken auf, Ost und West nicht als getrennt voneinander zu sehen, sondern als ineinander verflochten. Meine Werke versuchen, das zu zelebrieren.“

Gegen Ende der Lesung dreht sich das Gespräch erneut um Die satanischen Verse. „Ich wusste, dass konservative Moslems das Buch nicht mögen würden, aber einen Roman zu lesen, ist ja schließlich keine Pflicht“, sagt er und fügt nachträglich hinzu, „sollte es aber sein. Zumindest sollte es Pflicht sein, sie zu kaufen. Stellen Sie sich das vor: faschistische Verlagshäuser, die Sie dazu zwingen, eine bestimmte Anzahl Bücher pro Jahr zu kaufen. Das würde sicher für Schlagzeilen sorgen.“

Salman Rushdie war auf dem Edinburgh international book festival am Samstag, den 10. August, zu Gast.