Salatschüssel statt Schmelztiegel

Artikel veröffentlicht am 6. März 2006
Artikel veröffentlicht am 6. März 2006

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Was unterscheidet den „melting pot vom „Multikulturalismus“? Wie geht man in Europa mit kultureller Vielfalt um? Fragen und Antworten zu einem europäischen Problem.

1. Wie entstand Multikulturalismus?

Am Anfang war der melting pot. Das bedeutet so viel wie „Schmelztiegel“ und galt als Fundament der US-amerikanischen Integrationspolitik. Im melting pot wird die Gesellschaft zu einem großen Kochtopf. In ihm werden alle kulturellen Unterschiede wie bei einem Eintopf zu einem großen, bunten Ganzen zusammengeschmolzen. Für viele war der melting pot das Vorbild jeder Gesellschaft, in der viele Völker zusammen lebten.

Doch mit der Zeit wurde der Eintopf ungenießbar. Dies war die Geburtsstunde des Multikulturalismus. Er sollte nun den Hunger der westlichen Gesellschaften nach wirksamen und schmerzfreien Lösungen aller kulturellen Probleme stillen. Das neue Patentrezept war kein Einheitsbrei, sondern ein großer, bunter Salat, eine salad bowl wie sie in Kanada zu finden war. Ihre Zutaten werden zwar in einer großen Schüssel vermengt, bewahren aber dennoch ihren Eigengeschmack.

2. Wie lässt sich Multikulturalismus definieren?

Multikulturalismus ist eine politische Strategie. Sie zielt darauf, Beziehungen zwischen Völkern so zu gestalten, dass alle kulturellen, religiösen oder ethnischen Unterschiede in gleichem Maße geachtet und respektiert werden. Das Konzept kam erstmals in den Achtzigerjahren in den USA auf und fand bald auch in Europa Anerkennung.

Doch der Urspung der Idee ist älter. In den 1960er Jahren diskutierte man im Westen über kulturelle Unterschiede. Auslöser waren ethnische und nationalistische Forderungen im Zuge der Dekolonisierung und die Proteste der 68er gegen die traditionelle Kultur. Ständig neu anschwellende Ströme von Einwanderen und eine fortschreitende Globalisierung haben schließlich den Übergang von einer Einheitsgesellschaft zu einer richtiggehenden Kultur des Unterschiedes besiegelt.

3. Wie wurde Multikulturalismus interpretiert?

Der Historiker Francis Fukuyama glaubt, dass Multikulturalismus gut ist. Sein Konzept ist der corporate multiculturalism oder „Multikulturalismus der Globalisierung“. Dieser funktioniert wie multinationale Konzerne und zielt darauf ab, das Konsumverhalten der unterschiedlichen sozialen, ethnischen und kulturellen Gruppen anzugleichen. Die gegenteilige Position vertritt der italienische Politologe Giovanni Sartori. Er hält den Multikulturalismus per definitionem für „schlecht“, weil er Gesellschaften mit getrennten und „ghettoisierten“ Identitäten schaffe. Dem amerikanischen Rezept Fukuyamas hält Sartori das „europäische Modell des Pluralismus und der Toleranz“ im Sinne eines „richtigen Umgangs mit kulturellen Unterschieden“ entgegen.

4. Welch Maßnahmen trifft die EU zur Integration von Einwanderern?

Das EU-Programm „Integration of Third Country Nationals“ will die Integration von Nicht-EU-Bürgern in den Mitgliedsländer der Union erleichtern. Der Dialog in der Zivilgesellschaft soll gefördert, Integrationsmodelle entwickelt und die besten Integrations-Konzepte gewürdigt und verbreitet werden. 2005 haben die 25 EU-Mitgliedsländer etwa 5 Millionen Euro für das Projekt zur Verfügung gestellt.

Ende 2004 veröffentlichte die EU-Kommission das „Handbook on Integration“. Dieses Handbuch stellt wirksame Integrationskonzepte vor und soll Politikern, Sozialarbeitern und Vertretern der Zivilgesellschaft als Leitfaden für ihre Arbeit in der Bildungspolitik, in der Beteiligung der Immigranten am politischen Leben und im Dialog zwischen den Religionen dienen. Auch wird die Notwendigkeit betont, Gewerkschaften, Ausländerverbände und Arbeitgeber in diese Arbeit mit einzubeziehen.

5. Welche Integrationsmodelle gibt es in Europa?

In Europa konkurrieren zwei Integrationsmodelle: die französische „Assimilierung“ und der angelsächsische „Multikulturalismus“. Beide befinden sich zurzeit in einer Krise. Das französische Modell verlangt für die Integration eine Gegenleistung: Man erhält die „republikanische Staatsbürgerschaft“ im Tausch gegen eine Privatisierung des Glaubens – daher auch das Kopftuchverbot in französischen Schulen. Der britische Multikulturalismus räumt ethnischen oder religiösen Minderheiten dagegen Kollektivrechte ein, um das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Gruppen innerhalb einer liberalen und toleranten Gesellschaft zu gewährleisten.

Wie und warum sind diese Modelle in der Krise? In Frankreich haben sich viele Einwanderer der zweiten und dritten Generation gegen die Assimilierung gewehrt. Dies betrifft vor allem die Kinder und Enkel jener Nordafrikanischen Einwanderer, die sich vor einigen Jahrzehnten für die französische Staatsangehörigkeit entschieden. In Großbritannien bekennen sich große Teile der muslimischen Bevölkerung nicht zu den Gesetzen des Landes und leben in einer „Parallelgesellschaft“. Der afroarabeische Labourabgeordnete und Vorsitzende der Kommission für Rassengleichheit Trevor Phillips hat in einem Artikel für The Times die öffentliche Meinung in Großbritannien zusammengefasst: „Multikulturalismus bedeutet nicht, dass jeder im Namen seiner Kultur alles tun und lassen kann, was er will.“