Sakhr Al-Makhadhi, Syrien live aus London

Artikel veröffentlicht am 24. Januar 2014
Artikel veröffentlicht am 24. Januar 2014

Sakhr Al-Mak­hadhi ist Blog­ger und Sy­rien­ex­per­te für BBC. Der in Groß­bri­tan­ni­en ge­bo­re­ne Sohn eines ara­bisch-je­me­ni­ti­schen Va­ters und einer eng­li­schen Mut­ter ist zwi­schen Zei­tun­gen und Po­li­tik auf­ge­wach­sen. Er hat es sich zur Auf­ga­be ge­macht, mit anderen Augen auf den Mitteren Osten zu schauen.

Lon­don ist groß und un­über­sicht­lich und vol­ler Ge­gen­sät­ze. Für unser Tref­fen mit Sakhr haben wir uns an einem prä­zi­sen Ort ver­ab­re­det: in Ald­ga­te, auf hal­bem Weg zwi­schen Shore­ditch und Far­ring­don. Und selbst da ist es uns pas­siert, auf un­ter­schied­li­chen Straßen­sei­ten zu lan­den, aber ge­fun­den haben wir uns trotz­dem. Wir gehen in ein Prêt à Man­ger und be­gin­nen so­fort vol­ler Lei­den­schaft über Jour­na­lis­mus, die Krise in Sy­ri­en, das fa­mi­liä­re Um­feld von Sakhr und den ara­bi­schen Früh­ling  zu dis­ku­tie­ren.

schluss mit ober­fläch­lich­kei­ten

Wenn man ihn fragt, warum er Jour­na­list ge­wor­den ist, ant­wor­tet Sakhr mit einer Ge­schich­te: „Ich bin in Groß­bri­tan­ni­en ge­bo­ren, aber ich habe ara­bi­sche Wur­zeln. Die Welt und die Kul­tur des Mitt­le­ren Os­tens waren immer ein zen­tra­ler Punkt in mei­nem Leben. Mein Vater war Po­li­ti­ker, und ich bin mit Nach­rich­ten über die Er­eig­nis­se in die­sen Län­dern auf­ge­wach­sen. Ich habe schnell be­grif­fen, dass viele Ge­schich­ten nicht aus­rei­chend pu­blik ge­macht wur­den. An­de­re wie­der­um wur­den den Men­schen in den west­li­chen Län­dern und Groß­bri­tan­ni­en auf nur sehr ober­fläch­li­che Weise über­mit­telt. Dabei sind es Ge­schich­ten, die es ver­dient haben, dass man ihnen auf den Grund geht." Sakhr hat In­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen stu­diert: „Ich woll­te aka­de­mi­sches Wis­sen über die Re­gi­on des Mitt­le­ren Os­tens und ihre po­li­ti­sche Dy­na­mik an­häu­fen. Nach mei­nem Stu­di­um bin ich ein Jahr nach Sy­ri­en ge­gan­gen und habe dort Ara­bisch ge­lernt. Denn das konn­te ich nicht, ich bin ja in Eng­land auf­ge­wach­sen."

Er er­zählt mir, wie er zum Jour­na­lis­mus ge­kom­men ist: „Ich bin in den 80ern auf­ge­wach­sen. Chan­nel 4 hat da­mals den Fern­seh­jour­na­lis­mus re­vo­lu­tio­niert. Mein Vater war zu die­ser Zeit po­li­tisch sehr aktiv, sein Te­le­fon läu­te­te un­un­ter­bro­chen. Ich hörte ihn über Po­li­tik dis­ku­tie­ren - auf Eng­lisch und auf Ara­bisch. Und ich schau­te Nach­rich­ten in bei­den Spra­chen." Wäh­rend ich so mit Sakhr dis­ku­tie­re, wird mir klar, dass wir beide aus der so­ge­nann­ten zwei­ten Ge­ne­ra­ti­on stam­men, er mit einem je­me­ni­ti­schen Vater und einer eng­li­schen Mut­ter. Auch er hat Wur­zeln in bei­den Wel­ten und ihren ver­schie­de­nen Le­bens­wei­sen. Sakhr hat star­ke Be­zie­hun­gen zur west­li­chen, als auch zur ara­bi­schen Welt. Und genau des­halb hat er einen neuen, ori­gi­nel­len und an­de­ren Blick auf den Mitt­le­ren Osten.

- Schaut einen Bei­trag von Sakhr bei der BBC an -

Bevor er mit der BBC Kon­takt auf­ge­nom­men hat, war Sakhr in Sy­ri­en, um „Ge­schich­ten über die ara­bi­sche Welt zu sam­meln und Künst­ler und junge Men­schen vor Ort ken­nen­zu­ler­nen." Er be­schließt sie mit­zu­neh­men, trägt sie übers Mit­tel­meer. Die Ent­schei­dung, einen Do­ku­men­tar­film über Sy­ri­en zu dre­hen, kommt nicht von un­ge­fähr, son­dern hängt di­rekt mit der maß­ge­ben­den Rolle zu­sam­men, die das Land im Mitt­le­ren Osten spielt. Sakhr meint, dass „die eng­li­schen Me­di­en keine In­for­ma­ti­on über die­ses Land brin­gen: wahr­schein­lich, weil es nie­mals ein ko­lo­nia­le Ver­bin­dung ge­ge­ben hat." Bei sei­ner Rück­kehr nach Eng­land be­ginnt Sakhr an einem ein­fa­chen Blog zu schrei­ben. Und das soll­te sich auf Dauer be­zahlt ma­chen, denn der junge Jour­na­list fin­det sich plötz­lich im Zen­trum der bri­ti­schen Jour­na­lis­ten­welt wie­der. Nach sei­nem ers­ten Auf­tritt bei der BBC, er­mu­tigt ihn der Spre­cher: „Wenn du noch an­de­re Ge­schich­ten kennst, an­de­re Blick­punk­te hast, die wir nicht genug in Be­tracht zie­hen, soll­test du es uns un­be­dingt wis­sen las­sen."

VOM BLOG INS STU­DIO

Sy­ri­en wird schnell zum Zen­trum von Sakhrs Ak­ti­vi­tät, En­ga­ge­ment und Mo­ti­va­ti­on. Geht es ihm dabei um eine be­stimm­te Ge­schich­te? Er nickt, es sind die schwie­ri­gen Be­din­gun­gen, mit denen die Jour­na­lis­ten des Lan­des leben müs­sen, die stän­di­ge Be­dro­hung durch das „Re­gime und die Is­la­mis­ten". Was den Ara­bi­schen Früh­ling be­trifft, gibt mir Sakhr zu ver­ste­hen, dass man über die Kli­schees hin­aus­bli­cken muss: „Wir wis­sen noch nicht, wel­che Aus­wir­kun­gen er lang­fris­tig haben wird, aber ich glau­be, dass ein po­si­ti­ver Punkt er­reicht ist: die Ak­ti­vis­ten kön­nen sagen, dass vom heu­ti­gen Zeit­punkt an die Be­mü­hun­gen um das En­ga­ge­ment der Bür­ger in den ver­schie­de­nen Län­dern ko­or­di­nie­rt wer­den kann." Er zeigt Par­al­le­len zu den Bür­ger­be­we­gun­gen in der Tür­kei, Bra­si­li­en und zur Oc­cu­py-Be­we­gung im Wes­ten auf.

SY­RI­EN IM BRENN­PUNKT

Die neue Po­pu­la­ri­tät er­schwert seine jour­na­lis­ti­sche Ar­beit der­zeit. Wenn es nach Sakhr ginge, gäbe es mehr „Fact che­cking. Jede In­for­ma­ti­on muss mehr als ein­mal ein­mal über­prüft wer­den, das ist Teil der jour­na­lis­ti­schen Ar­beit."

Auch wenn er nicht weiß, was noch auf ihn zu­kom­men wird, Sakhr träumt davon „Kor­re­spon­dent von Al Ja­ze­e­ra Eng­lish, Chan­nel 4 News oder der BBC" zu wer­den und hofft, „dass Sy­ri­en jene me­dia­le Auf­merk­sam­keit be­kom­men wird, die es ver­dient." Sakhr will sich auch um den Jemen küm­mern, sein Land, ob­wohl das ein har­ter Bro­cken Ar­beit sein würde: „Es gibt nur sehr we­ni­ge Jour­na­lis­ten, die vom Jemen be­rich­ten, be­son­ders wegen der Ge­fahr, die über­all vor Ort lau­ert. Die Wahr­heit ist al­ler­dings, dass der Jemen schon immer aus dem me­dia­len Rah­men ge­fal­len ist, die Leute wür­den gar nicht ver­ste­hen, wor­über da be­rich­tet wird."­

Zum Ab­schluss un­se­res In­ter­view gab mir Sakhr noch eine schö­ne De­fi­ni­ti­on von Jour­na­lis­mus mit: „Wir sind Ver­mitt­ler zwi­schen den Men­schen, die keine Stim­me haben, und jenen, die sie hören möch­ten. Wir sind nicht mäch­ti­ger als die Ge­schich­ten, die wir er­zäh­len, und soll­ten es auch nie­mals wer­den."

Die­ser Ar­ti­kel er­scheint in einer Reihe über den sy­ri­schen Bür­ger­krieg und seine Aus­wir­kun­gen.