Saint-Antoine, die Hipster-Kirche in Madrid

Artikel veröffentlicht am 28. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 28. Januar 2016

Die katholische Kirche hat in Spanien zwar an politischem Einfluss verloren, spielt aber im gesellschaftlichen Leben immer noch eine wichtige Rolle. Cafébabel ist nach Madrid gereist und hat unkonventionelle Kirchenforschung betrieben. Unter den Fundstücken: eine besonders einzigartige Kirche namens Saint Antoine.

Neun Uhr morgens im Viertel der Homosexuellen Madrids, das „Chueca“ genannt wird. Mehr als eine Handvoll Menschen sitzt auf dem roten Teppich vor dem Eingang der Kirche Saint-Antoine, schlürft Kaffee und diskutiert. Auf der Fassade steht: „Gratis Kaffee, WLAN, 24 Stunden geöffnet, Tiere erlaubt, TV“. Die Besucher können die Toiletten benutzen oder die Windeln ihrer Babys wechseln.

Alles erinnert an ein Hotel, doch der erste Eindruck täuscht. Es handelt sich nämlich um eine Kirche, die Gläubige und Nicht-Gläubige willkommen heißt. Im Inneren überwiegt die Modernität im Gegensatz zum altehrwürdigen Charakter der Kirche. Violette Bänke und bequeme rote Sessel stehen den Besuchern bereit, die dort die Messe aus dem Vatikan bei elektrischem Kerzenlicht im Fernsehen anschauen können. Zweimal täglich hält „Pater Angel“, mit bürgerlichem Namen Angel Garcia Rodriguez, eine Messe. Morgens können Bedürftige hier einen Kaffee oder ein Glas Saft trinken. Und abends können sie sich hier ein Sandwich abholen.

Schneller als die Journalisten

Im Frühling hat die Kirche ihre Tore wieder geöffnet, nachdem sie 20 Jahre lang geschlossen war. Pater Angel erzählt mit ein Lächeln auf den Lippen: „Das ist mein Lebenstraum, ich habe 78 Jahre darauf gewartet. Es ist auch die erste Kirche, die von Botschaftern des Friedens geführt wird“. Nach der Messe um 9 Uhr spricht der 78-Jährige mit dem kindlichen Gesicht mit den Besuchern seiner Kirche. Neben seiner Tätigkeit als Pfarrer hat er 1962 die NGO „Botschafter des Friedens“ (Mensajeros de la Paz) ins Leben gerufen, die sich um sozial benachteiligte Menschen kümmert.

Ana de la Calle Gijón, die Kommunikationsbeauftragte der Botschafter des Friedens lobt die Stärken des Priesters: „Menschen wie ihn findet man nur einmal unter einer Million! Wenn irgendwo Katastrophen ausbrechen, ist er schneller vor Ort als so mancher Journalist. Er war immer schon ein Vorreiter. Außerdem hat er einen großen Einfluss auf die Medien.“ Als das erste Boot in Lampedusa unterging waren viele spanische Journalisten sehr erstaunt, dass Pater Angel schon vor Ort war. Regelmäßig wird er von den spanischen Medien interviewt.

Die Kirche Saint-Antoine ist nicht nur eine religiöse Stätte, sondern auch ein Raum für kulturelle und soziale Begegnungen. Sie haben zum Beispiel eine Fotografie-Ausstellung organisiert, die ältere Menschen porträtiert.: „Um zu zeigen, dass sie immer noch lebendig sind und Gefühle haben: Sie lachen, sie weinen...“, erklärt Ana de la Calle Gajón.

Papst Franziskus ist überall in der Kirche zu sehen: auf der Fassade, auf den Spendenaufrufen, auf den Fernsehbildschirmen. Der Heilige Saint-Antoine ist außerdem der Patron der Tiere und der Priester hat aus gegebenem Anlass am 17. Januar eine Tiertaufe organisiert, so wie es bei Pferdne der Polizei, bei Zootieren oder Autos üblich ist.

Saint-Antoine steht im Homosexuellen-Viertel in Madrid. Allein das ist schon Botschaft genug. Wenn homosexuelle Paare den Priester darum bitten, sie zu trauen, kann er dies leider nicht offiziell tun. Aber er zögert nicht, sie zu segnen: „Wenn ich Autos und Tiere segne, warum sollte ich dann nicht auch zwei Personen segnen, die sich lieben?“

Der Einfluss schwindet, die Freiheiten bleiben

2014 kämpfte José Luis Rodríguez Zapatero (PSOE) in seiner Wahlkampagne für die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Ein Jahr nachdem er Regierungschef wurde, setzte der ehemalige Ministerpräsident seine Worte in die Tat um. „Das war eine Maßnahme, die ihm sehr am Herzen lag. Es gibt viel Widerstand seitens der Kirche und der Volkspartei, aber das ist von nun an kein Problem mehr“, versichert Ricardo Parellada, Professor für Philosophie an der Universität Complutense in Madrid. Warum? Weil „sich ungefähr 70 Prozent der Bevölkerung derzeit für die gleichgeschlechtliche Ehe ausspricht“, bestätigt Fernando Amérigo, Leiter des Lehrstuhls für Kirchenrecht an derselben Universität.

„Gott sei Dank hat die Kirche ihre politische Macht verloren und dafür im gesellschaftlichen Leben dazugewonnen“, freut sich Pater Angel. Der Einfluss der Kirche auf bestimmte Vereine  in Spanien ist offensichtlich. Die größten Nicht-Regierungs-Organisationen sind auf christliche Grundwerte gegründet: die Caritas, "Die Botschafter der Friedens" und sogar... Oxfam! Diese internationale regierungsunabhängige Organisation hat sich zunächst im Land von Cervantes angesiedelt, um mit der aktiven jesuitischen Entwicklungsorganisation Intermón zu fusionieren. Daher nennt sie sich auch heute Oxfam-Intermón. Der 42-jährige Francisco geht täglich zu vier verschiedenen katholischen Organisationen, die ihn mit Essen versorgen. „Ich bin abhängig von diesen caritativen Organisationen. Ich bin gläubig, Gott zeigt mir meinen Weg. Ich komme hierher, um Kontakte zu knüpfen“, erklärt er am Ausgang von Saint-Antoine.

Auch wenn die Kirche immer mehr an politischem Einfluss verliert, genießt sie dennoch einige Privilegien.  So stehen beispielsweise 0,7 Prozent der Steuern der katholischen Kirche zu. Davon werden 90 Prozent für die Honorare der Geistlichen gebraucht. In der Steuererklärung haben Bürger die Möglichkeit ein Teil ihres Geldes an die katholische Kirche und an soziale Einrichtungen zu spenden. Die anderen Religionen genießen keine vergleichbaren Privilegien.

Henri, 70 Jahre alt, ist ein Obdachloser aus Palästina, und holt sich jeden Tag sein Sandwich bei der Kirche Saint-Antoine: „Die Kirche hat alleine letztes Jahr 800 Millionen Euro eingenommen. Das ist einfach nur Marketing, dabei geht es nur darum Propaganda zu betreiben, damit die Kirche bestehen bleibt. Aber sie schummelt, da ihr eigentlich der Staat das Geld gibt.“

Anders sieht es mit den steuerlichen Vorteilen aus: „Es ist die Kirche, die den Professoren den Inhalt ihrer Kurse vorschreibt, der Staat hat da nichts zu melden“, erklärt Fernando Amérigo. Nach einer Reihe von Lehrplanänderungen hat der Premierminister Mariano Rajoy eine Maßnahme ergriffen, um gegen die sinkende Anzahl der Schüler im Religionsunterrricht anzukämpfen: „Der Religionsunterricht ging vorher nicht in die Wertung ein. Jetzt haben die Schüler die Wahl zwischen Religions- oder Ethikunterricht. Diejenigen, die Religion wählen, bekommen ganz leicht gute Noten, den Zugang zu Universitäten erleichtert.“

Die Kirche Saint-Antoine zeigt sehr gut, wie es um die katholische Religionslandschaft Spaniens steht. Es ist das erste Mal, dass die „Botschafter des Friedens“ eine Kirche bilden, und so zum Symbol für die Annäherung der Kirche an das gesellschaftliche Leben werden. Auch wenn sie sich manche Privilegien vorbehält, verliert die Kirche dennoch an politischem Einfluss. Und es bedürfte schon einer sehr guten WLAN-Verbindung, um sie wiederzugewinnen.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.