Sacharow-Preis 2012: Sieg gegen Teheran

Artikel veröffentlicht am 29. Oktober 2012
Artikel veröffentlicht am 29. Oktober 2012
Der Sacharow-Preis für geistige Freiheit geht 2012 an zwei Iraner: Jafar Panahi sowie Nasrin Sotoudeh. Die Entscheidung ist sinnbildlich: Zwei Preisträger, die „all das verkörpern, was die Europäische Union verteidigt“ und ein Sieg als Zeichen für „eine klare Verurteilung des Regimes in Teheran“, so der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz.

Der Sacharow-Preis, der 1988 zum ersten Mal an Nelson Mandela vergeben wurde und seinem Namensgeber, dem russischen Dissidenten und Wissenschaftler gewidmet ist, wird Persönlichkeiten verliehen, die sich für die Verteidigung der Menschenrechte sowie fundamentaler Freiheiten einsetzen.

Wer sind die Preisträger dieses Jahres?

Nasrin Sotoudeh, Anwältin und oppositionelle Aktivistin, befindet sich seit September 2010 in Einzelhaft im Gefängnis von Evin in Teheran, weil sie der Propaganda gegen die iranische Regierung angeklagt ist. Sie wurde zu elf Jahren Haft verurteilt, nachdem sie die Stimme zur Verteidigung ihrer Landsleute erhoben hatte. Diese waren im Zuge von Protesten im Juni 2009, die als eine Reaktion auf die Wahl entbrannt waren, inhaftiert worden. Die Vergabe des Sacharow-Preises an Nasrin repräsentiert eine Unterstützung des Kampfes gegen das iranische Regime und „für Freiheit, Menschenwürde, Meinungsfreiheit sowie Gerechtigkeit“, unterstrich der Präsident des Europaparlaments Martin Schulz.

Ein weiterer Gewinner ist der bekannte Regisseur und Drehbuchautor Jafar Panahi, der sich seit jeher für Filme engagiert, die die Lebensbedingungen der Frauen und Kinder in Iran anprangern. Die im Jahr 2011 verhängte Verurteilung des Regimes in Teheran hat die internationale Szene empört: Panahi bekam sechs Jahre Haft bei gleichzeitigem Verbot, Drehbücher zu verfassen sowie das Land innerhalb der nächsten zwanzig Jahre zu verlassen. Die erste offizielle Anerkennung des Regisseurs kam im Jahr 1995 mit dem Preis der Goldenen Kamera des Festivals von Cannes für den Film Der weiße Ballon. 2010 eroberte Jafar Panahi mit dem Film Der Kreis den Goldenen Löwen von Venedig. Die 8 Erzählungen im Film werfen allesamt ein Schlaglicht auf das Leben iranischer Frauen. 2011 kommt anlässlich des Festivals von Cannes der Überraschungscoup: Der autobiographische Dokumentarfilm This is not a film, der einen typischen Tag aus seinem Leben zeigt, gelangt dank eines in einer Torte versteckten USB-Sticks zum Festival. Panahi ist ein Künstler, dem es gelingt, lebendige Porträts eines komplexen, reichen und wunderschönen Landes sowie dessen Bewohner zu entwerfen, indem er nicht nur die schönen Facetten, sondern auch die Probleme des iranischen Lebens sowie die harte gegenwärtige Realität zeichnet. Ausgerechnet deshalb sei er isoliert worden und habe man ihn zum Schweigen gebracht, wie Schulz bekräftigte. 

Ging der Preis im letzten Jahr an fünf Protagonisten des Arabischen Frühlings, stand bei der diesjährigen Vergabe neben den beiden Iranern auch der Weißrusse Ales Bialatski zur Diskussion. Inhaftiert von den weißrussischen Behörden, setzt er sich als Aktivist für die Verteidigung der Menschenrechte ein. Ferner hat er eine Nichtregierungsorganisation, die für die Unterstützung und den Rechtsbeistand politischer Gefangener eintritt, gegründet. Auch die zu zwei Jahren Haft in einem Zwangsarbeitslager verurteilte Band Pussy Riot konnte sich Hoffnungen auf den Preis machen. Die Frauen-Punkrockband hatte in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale ein Lied gegen Putin angestimmt. In der Anklage heißt es, die drei Sängerinnen hätten sich des Vandalismus schuldig gemacht sowie zum religiösen Hass angestiftet. 

Am Samstag vor der offiziellen Ernennung der Preisträger hätte sich eine Delegation, bestehend aus fünf Europaabgeordneten der Grünen, Sozialdemokraten sowie der Europäischen Linken, nach Teheran begeben sollen. Ihre Aufgabe sei es gewesen, einen Dialog zwischen Europäischer Union und Iran zu eröffnen und den Gewinnern des Sacharow-Preises die beiden offiziellen Briefe persönlich zu übergeben. Aber am Samstagvormittag ließ der iranische Botschafter der EU, Tarja Cronberg, der Vorsitzenden der Delegation des Europäischen Parlaments für die Beziehungen zu Iran, wissen, dass es den Abgeordneten „in einer so kurzen Zeit“ nicht möglich gewesen wäre, die beiden Briefe persönlich zu überreichen – mit dem Ergebnis, dass der Besuch abgesagt worden ist.

Bereits seit Freitag war diese Mission Gegenstand von Kontroversen. Martin Callanan, Vorsitzender der Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformisten, hatte die Absage als „bedauernswerte Geste“ definiert. EU-Parlamentspräsident Schulz, „zutiefst besorgt“ um das Schicksal der Mission, ließ verlauten, dass das Europäische Parlament dennoch „entschlossen sei, seine Unterstützung sowie seine Verbundenheit mit der iranischen Zivilbevölkerung fortzusetzen“. 

Erst am 10. Dezember wird der Preis in Straßburg verliehen: ein sinnbildliches Datum, wurde doch an jenem Tag des Jahres 1948 die Universelle Menschenrechtserklärung unterzeichnet. Die Europäische Union wird noch ein weiteres Mal an das Regime in Teheran appellieren. Dieses Mal mit der Bitte, Sotoudeh und Panahi mögen der Preisverleihung beiwohnen können.

Illustrationen: Teaserbild (cc)European Parliament/flickr; "This is not a film" (cc)offizielle Facebook-Seite von Jafar Panahi