Ruth Negga, Hoffnung für Europas Kino

Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2006
Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2006

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Die irische Schauspielerin Ruth Negga, 23, über ihre äthiopischen Wurzeln und ihrer Bewunderung für die Filme von Pedro Almodóvar.

Sevilla, vier Uhr vorbei. Bleigraue Wolken hängen über der Stadt. Es herrscht eine unangenehm schwüle Temperatur. Dies ist ohne Zweifel der passende Moment für die Präsentation der zehnten Generation der so genannten Shooting Stars. Jedes Jahr werden die jungen Hoffnungsträger des europäischen Kinos auf dem Festival des Europäischen Films in Sevilla vorgestellt.

Das sind die jungen Hoffnungen des europäischen Kinos, die das Büro der European Film Promotion der Berlinale – mit Finanzierung des europäischen Programms MEDIA – jedes Jahr innerhalb des Festivals des Europäischen Films in Sevilla vorstellt, das vom 3. bis 11. November stattfindet. Die jungen Stars sind von weit entfernten Punkten der europäischen Landkarte angereist. Sie kommen aus Estland oder Bulgarien, Finnland oder auch der Schweiz und Portugal, um sich vom 3. bis zum 11. November hier auf dem Wettbewerb in Sevilla dem Publikum zu zeigen.

„In Irland werde ich in keine Schublade gesteckt“

Die Irin Ruth Negga ist eine dieser Hoffnungen der europäischen Leinwand. Die junge Mestizin mit den schwarzen Locken studierte Schauspiel am Trinity College. Noch immer wohnt sie in Dublin. Für ihre Rollen in klassischen und zeitgenössischen Stücken hatte sie schon einige Achtung der Kritiker geerntet.

Dennoch hält sie nicht mehr viel vom Theater: „Die zahlen dir nichts und es geht sehr hart zu. Es verlangt totales Engagement, geistig, körperlich und emotional.“

Geboren ist Negga in Addis Abeba. Ihre Mutter, eine Irin, und ihr äthiopischer Vater kamen bei einem Autounfall ums Leben, als sie erst sieben Jahre alt war.

Heute scheint sie entschlossen, nicht durchs Leben zu gehen, um später mit leeren Händen dazustehen. Als sie 20 war, wurde sie für den Oliver-Award, einen bekannten Theaterpreis nominiert: „Als ich erfuhr, dass ich nicht gewonnen hatte, nahm ich das Besteck vom Galadinner mit nach Hause“, erinnert sie sich und lächelt verschmitzt.

Neggas Familie verließ Afrika, als sie vier Jahre alt war. „In Äthiopien vernichtete die Armut alles, man konnte das Elend riechen und spüren.“ Sie könne nicht verstehen „wie wir weiterhin in unseren Mittelklassehäusern vor dem Fernseher sitzen bleiben, ohne etwas zu tun - und Leute wie Bob Geldof und seine Kampagne für die Afrikahilfe auch noch zu kritisieren.“

Durch ihre doppelte Kultur bewahrt sie sich eine große künstlerische Freiheit: „Momentan muss ich mich nicht darum sorgen, dass sie mich in eine Schublade stecken, da es in Irland bis jetzt keine festen Rollenzuschreibungen für Mestizen gibt. Es ist nicht wie in Großbritannien, wo du sofort einen Stempel aufgedrückt bekommst.“

Herausforderung Kinoleinwand

Es war das Sozialdrama Capital Letters , von Ciarán O’Connor, mit dem ihre Karriere auf der großen Leinwand begann. Negga spielte die Rolle der Taiwo, einer Jugendlichen ohne Papiere, ständig auf der Flucht. Sie hat auch bei Isolation von Billy O’Brien mitgespielt und war in weiteren Nebenrollen besetzt. Bühnenschauspiel ist nicht das gleiche wie Filmschauspiel: „Vor der Kamera ist es viel schwieriger, da man viele technische Details beherrschen muss. Man muss sich an die Großaufnahmen gewöhnen und an die Geräte, die einem folgen“, unterstreicht sie.

In Sevilla stellt Ruth Negga den Film Breakfast on Pluto ihres Landsmannes Neil Jordan vor. Der 56jährige Regisseur spart nicht mit Lob für die junge Schauspielerin: „Ich wusste nicht viel von ihr, als sie sich beim Vorspielen vorstellte. Aber von dem Moment an, an dem ich sie schauspielern sah, beschloss ich, das Drehbuch zu ändern, damit sie eine Rolle in dem Film übernehmen kann“, gibt er zu.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Wir bitten sie, etwas mehr über ihre Erwartungen an das Filmtreffen in Sevilla zu erzählen. „Man lernt sehr interessante Leute kennen und das lässt einen nachdenken. Es ist von Vorteil, dass man über uns spricht. Das ist eine gite Gelegenheit, um eine neue Schauspielergeneration zu unterstützen“, erklärt sie. Wie in ihren vielen anderen Interviews sagt sie: „In der Welt des Schauspiels muss man Glück haben und zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.“

Breakfast on Pluto ist inzwischen für den europäischen Filmpreis in der Kategorie bester Film nominiert. Der Film erzählt die Geschichte eines Waisenjungen, dem es Spaß macht, sich als Mädchen zu verkleiden und der sich in den siebziger Jahren nach London aufmacht, um seine Mutter zu suchen. Am Ende findet er sich in eine Verschwörung der Terroristengruppe IRA verstrickt.

Ein eigenwilliges und etwas kitschiges Werk, dass Haute Couture und Glitter-Rock mischt. Neil Jordan vergleicht es mit Voltaires Candide: „Der Hauptdarsteller glaubt, dass alles immer gut ausgehen wird und sich langsam klar wird, dass es nicht immer so ist“.

„Ich bin wie gelähmt vor Freude. Es ist ein Film der wirklich ans Herz geht. Er hat ein fantastisches Drehbuch! Außerdem hat er eine wundervolle Besetzung mit irischen Schauspielern“, unterstreicht Negga und lobt damit auch ihre Kollegen Liam Neeson oder und Stephen Rea. Ohne ihr breites Grinsen fallen zu lassen, beantwortet Negga die Frage nach Hollywood und Europa. „Die englischsprachigen Schauspieler schielen sehr zum US-amerikanischen Markt. Ich glaube, dass es nicht immer so sein sollte“, gesteht die Schauspielerin. Allerdings hat sie bei früheren Anlässen gerne erklärt, dass sie sich für den Beruf des Schauspielers wegen „amerikanischenr Filmen wie The Bodyguard“ entschieden habe>

„Ich würde sehr gerne mit Almodóvar arbeiten“

Ruth Negga ist von ihrem Spanienaufenthalt begeistert und gesteht ihre Bewunderung für die europäischen Regisseure.„Ich würde sehr gern mit Almodóvar arbeiten. Ich weiß, dass alle das sagen, aber seine Filme feiern die Frauen.“ Sie scheint sich für die Idee zu begeistern und erzählt weiter. „Seine großen Rollen sind für Frauen gemacht. Und das ist sehr interessant, weil es keine Klischees gibt. Man bricht aus den Regeln aus.“

Ihr gefielen auch Filme wie „¡Jamón, Jamón!“, ruft sie unvermittelt auf Spanisch - und verwechselt dabei den Regisseur. Als ein Fotograf sie korrigiert und ihr sagt, dass der Film von dem Katalanen Bigas Luna sei, wird sie rot, hält sich die Hand vor den Mund und entschuldigt sich für den Lapsus.

Es gibt Schlimmeres, das man vergessen könnte. Neue Filme, Schauspieler und Drehbuchautoren etwa. Sie bleiben häufig Eintagsfliegen des Festivals. Ruth Negga wird wohl alles tun, damit man sich weiterhin an sie erinnert.